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Buchkritik | Beitrag vom 06.12.2018

James Baldwin: "Beale Street Blues"Kein Anspruch auf Gerechtigkeit

Von Maike Albath

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Cover von "Beale Street Blues" vor einem Bild des Autors. (dtv / imago stock&people)
James Baldwin - kaum ein Schriftsteller passt so sehr in unsere Zeit, sagt unsere Kritikerin. (dtv / imago stock&people)

Die Wiederentdeckung des 1987 verstorbenen James Baldwin geht weiter: In "Beale Street Blues" landet ein junger Mann wegen Vergewaltigung im Gefängnis. Seine Freundin will seine Unschuld beweisen. Doch niemand glaubt ihr - denn sie ist dunkelhäutig.

In den USA habe er sich nur im Kampf frei gefühlt, bemerkte der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin Ende der sechziger Jahre einmal. Die weißen Amerikaner wüssten nichts von der Existenz der Schwarzen, sie hielten sie nicht einmal für menschlich, und das mache sie zu moralischen Monstern.

Mit großem Gespür für den seelischen Zustand einer Heranwachsenden lässt Baldwin seine neunzehnjährige Heldin Tish das Wort ergreifen. Abwechselnd zart und ruppig schildert sie ihre ausweglose Lage, denn ihr Freund Fonny, den sie heiraten wollte, ist im Gefängnis gelandet. Sie erwartet ein Kind von ihm. Das ungeborene Kind wird zu einer Art Unterpfand, der Tish, ihre Familie und Fonny selbst mit neuem Kampfgeist erfüllt. Im Rückblick rollt die Ich-Erzählerin die Geschichte ihrer Herkunft auf.

Die Willkür der Behörden

Dass erst im zweiten Drittel des Romans der Grund für die Verhaftung genannt wird, deutet auf die Willkür der Behörden hin, der schwarze New Yorker fortwährend ausgesetzt sind: Fonny hätte wegen jedweder Tat verhaftet werden können, denn sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ist für junge Männer schon an sich ein Risiko. Er wird einer Vergewaltigung bezichtigt, obwohl er zu dem besagten Zeitpunkt mit Tish und einem Freund zusammen war. Aber, so belehrt der weiße Anwalt Mr. Hayward seine Mandantin, es gibt einen Polizisten, der ihn beschuldigt. Außerdem behauptet das Opfer, dass er es gewesen sei.

Der amerikanische Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin (dpa)Der amerikanische Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin (dpa)

Tishs Zeugenaussage ist nichts wert – schlichtweg, weil sie die falsche Hautfarbe hat. Kraftvoll und mit unerbittlicher Schärfe leuchtet Baldwin die Konstellation seines Romans aus. Die Amerikaner aus Harlem haben keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, nicht einmal auf den Schutz durch das Gesetz. Trotz allem ist "Beale Street Blues" aber auch eine Liebesgeschichte.

Gegen den Fanatismus von Religion

Baldwin, eine zentrale Gestalt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, gelingt in "Beale Street Blues" die bestechende Analyse einer Gesellschaft, die von Rassismus pervertiert wird. Abwertung, Ausgrenzung und Minderwertigkeitskomplexe entfachen eine Dynamik, die zwangsläufig in Gewalt mündet.

Die literarische Qualität des Romans liegt in dem einprägsamen Figurenensemble, den temporeichen, knappen Wortwechseln, den poetischen Vergleichen, die in Tishs schnoddriger Erzählweise aufblitzen, und der bedrängenden Atmosphäre. Der Titel, der im Original "If Beale Street could talk" lautet, bezieht sich auf einen Jazz-Song.

Die Beale Street, eigentlich eine Straße in Memphis, ist in den USA eine Metapher für heruntergekommene schwarze Viertel. Baldwin, Stiefsohn eines Predigers und in seiner Jugend selbst ein erfolgreicher Prediger, prangert nicht zuletzt den Fanatismus der Religion in Harlem an, die ihm ein Ausdruck von Selbsthass zu sein schien. Kaum ein Schriftsteller passt besser in diese Zeit.

James Baldwin: "Beale Street Blues"
Übersetzt von Miriam Mandelkow
Dtv, München 2018
222 Seiten, 20 Euro

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