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Zeitfragen | Beitrag vom 05.09.2018

Jahrzehntelang unentdeckte Fake NewsDer Massenmörder, der keiner war

Axel Doßmann im Gespräch mit Winfried Sträter

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Der Berliner Bruno Lüdke, 1943 polizeilich erfasst und als Serienmörder verdächtigt. (Polizeihistorische Sammlung Berlin)
"Der Täter" heißt es in den Polizeidokumenten von 1943 über Bruno Lüdke. (Polizeihistorische Sammlung Berlin)

Wie hartnäckig sich Falschmeldungen halten können, zeigt der Fall Bruno Lüdke. In der NS-Zeit machte die Polizei den Berliner für über 50 Frauenmorde verantwortlich. Erst Jahrzehnte später wurde der Fall genau untersucht.

Misstraut den Medien! Diesen Argwohn bekommen die herkömmlichen Medien – Fernsehen, Radio, Zeitung – massiv zu spüren, seitdem die "neuen Medien" in den Alltag eingezogen sind. Dass große Medienerzählungen mitunter falsch sein können, zeigt der Fall Bruno Lüdke. Den geistig zurückgebliebenen Mann machte die Polizei in der NS-Zeit für über 50 Frauenmorde verantwortlich, 1944 wurde er getötet.

Ein halbes Jahrhundert lang galt er als einer der größten Massenmörder in der deutschen Kriminalgeschichte. Selbst in der polizeihistorischen Sammlung in Berlin war der Fall Lüdke ausgestellt – mit Fotos von Lüdke als Täter und Tatortfotografien von massakrierten Frauen. Die Polizisten sollten lernen, dass es möglich ist, Massenmörder zu identifizieren. Erst nach mehr als einem halben Jahrhundert wurde ein niederländischer Kriminalpolizist stutzig, untersuchte den Fall und fand heraus: In keinem einzigen Fall gab es handfeste Indizien dafür, dass Lüdke eine Frau ermordet hatte.

Lüdke sei eine Projektionsfläche gewesen, berichtet der Historiker Axel Doßmann, der den Fall zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Susanne Regener minutiös untersucht hat – und deren Recherche in dem Buch "Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte" nachzulesen sind.

Eine Obstkiste mit Materialien zum Kriminalfall vor hellem Hintergrund. (Polizeihistorische Sammlung Berlin / Jonas Zilius)Erst ein halbes Jahrhundert später untersuchte ein Kriminalpolizist das Material des Falls Lüdke. (Polizeihistorische Sammlung Berlin / Jonas Zilius)

Lüdke stammte aus Berlin-Köpenick, war geistig unterentwickelt und arbeitete im Betrieb seiner Eltern. Durch ein paar Kleindiebstähle fiel er auf, wurde angezeigt als "erblich schwachsinnig", zwangssterilisiert und geriet eher zufällig in den Blick der Kripo, als die den Mörder einer Frau suchte.

Der Kripo fiel es nicht schwer, ihn als angeblichen Mörder der Frau zu entlarven – und mit denselben suggestiven Verhörmethoden wurde er dann "überführt", schuldig zu sein an über 50 ungeklärten Frauenmorden.

Trotzdem wurde Lüdke nicht der Prozess gemacht: Doßmann und Regener haben bei ihren Recherchen das Dokument gefunden, das die wahren Hintergründe des Falls entlarvt: 1943 gab es eine Absprache zwischen dem nationalsozialistischen Justizminister und dem Kripo-Chef Arthur Nebe. Der "Massenmörder" werde gebraucht, um das geplante Gesetz zur Behandlung von Gemeinschaftsfremden auf den Weg zu bringen. So wurde Lüdke 1944 ohne Gerichtsverfahren in Wien umgebracht.

Ein altes Zeitungsbild mit einem inszenierten Verhör mit Bruno Lüdke. (Münchner Illustrierte / Jonas Zilius)Ein inszeniertes Verhör mit Lüdke (l.) im Frühjahr 1943. (Münchner Illustrierte / Jonas Zilius)

Bemerkenswert ist, welche Medienkarriere die Geschichte des vermeintlichen Massenmörders nach 1945 machte. 1950 verfasste Rudolf Augstein im "Spiegel" eine große Geschichte über den NS-Kripo-Chef Arthur Nebe, in der auch der Fall Lüdke aufgerollt wurde. Augstein, so Axel Doßmann, "hatte ein massives Interesse daran, die alte Kriminalpolizei als handwerklich solide Polizei wieder in Rang und Position der neuen Bundespolizei zu bringen. Er hat die These vertreten: Die Bösen waren die SS und die Gestapo, und die, die man in die neue Demokratie retten muss, das sind die verdienten Männer der Kriminalpolizei."

Unter diesen Umständen kamen weder im "Spiegel" noch in anderen Zeitungen und Zeitschriften Zweifel daran auf, dass am Fall Lüdke etwas faul sein könnte. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung appelliert Historiker Axel Doßmann: "Es ist der ethische Anspruch, dass man jede, auch faszinierende Geschichte sehr sorgfältig prüft, bevor man sie weiterzählt." Öffentliche Zweifel an einer Story, die stark ist, sollen groß sein. In diesem Zusammenhang erinnert Doßmann auch daran, wie lange die Öffentlichkeit die Geschichte von den angeblichen "Dönermorden" geglaubt hat und die Verbrechen des Terror-Netzwerks NSU unerkannt blieben.

"Nachts, wenn der Teufel kam" - Unter diesem Titel entsteht 1957 ein Spielfilm von Robert Siodmak, in dem der junge Mario Adorf Bruno Lüdke spielt. Der Film ist am Freitag, dem 7. September 2018, ab 22.25 Uhr auf 3sat zu sehen.

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