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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 05.06.2020

Jagoda Marinić zur Rassismus-Debatte Deutschland braucht einen eigenen Diskurs

Moderation: Korbinian Frenzel

Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus nach dem Tod von Georg Floyd in Washington am 2. Juni 2020. (dpa / TT NEWS AGENCY)
Das Rassismus-Problem in den USA ist ein anderes als hierzulande, denke viele. Mitnichten, sagt Jagoda Marinić. (dpa / TT NEWS AGENCY)

Der Rassismus hat in den USA eine vollkommen andere Geschichte als in Deutschland. Dennoch agiere Rassismus hier wie dort nach der selben Wirkungslogik und treffe die Opfer in gleicher Weise, betont die Autorin Jagoda Marinić.

"Wir wissen, dass wir auch bei uns so etwas wie Rassismus kennen", hat Kanzlerin Angela Merkel im ARD-Interview zu den Protesten nach dem Tod von George Floyd in den USA gesagt. Ein Bekenntnis, dass auch die Bundesrepublik hier ein Problem hat - aber trotzdem kein klares, findet die Autorin Jagoda Marinić.

In dem Satz der Kanzlerin sei eine Art unbewusstes Ruckeln festzustellen, so Marinić. "Da kommt so ein sprachliches Stolpern rein - Deutschland hat auch 'so etwas' wie Rassismus." Nach dem NSU und Hanau müsse man jedoch lernen, auch in Deutschland klar von Rassismus zu sprechen - und nicht von "so etwas wie Rassismus".

Geschichte verschieden - Rassismus gleich

Die Geschichte des Rassismus in den USA sei eine ganz andere als in Deutschland. Dort stünden sich die Nachfahren von Sklavenhaltern und Sklaven gegenüber: "Das hat natürlich eine andere Aufladung", sagt Marinić. Hinzu komme, dass die Schwarzen in den USA von sozioökonomischen Härten aufgrund des fehlenden Sozialstaats ganz anders getroffen würden.

Das Phänomen als solches zu unterscheiden, hält die Autorin jedoch für gefährlich: "Trotzdem ist Rassismus überall Rassismus - er lebt von den gleichen Überzeugungen und den gleichen Mechanismen." Rassismus agiere nach der selben Wirkungslogik und treffe die Opfer in gleicher Weise.

Unterschiedliche Botschaften aus der Community

Rassismus werde momentan als Problem der schwarzen Community angesehen, so die Autorin. Wenn man jedoch über die Entwicklung des deutschen Rassismus spreche, müsse man den Blick weiten: "Da müssen wir auch den anti-muslimischen Rassismus mit hineinnehmen oder den Rasssimus gegen die ersten Gastarbeitergenerationen."

Schwierig sei auch, dass es unterschiedliche Botschaften aus der Community gebe. Man wolle als "von hier" wahrgenommen werden, gleichzeitig werde aber von einer "Colourblindness" gesprochen, durch die Unterschiede in der Behandlung weniger wahrnehmbar würden. Die schwarze Community in den USA nehme diesen Diskurs momentan in die Hand. Daher wäre es wichtig, "dass Deutschland jetzt einen eigenen Diskurs entwickelt - für die eigenen rassistischen Phänomene".

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