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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 14.04.2021

Jagoda Marinić über Sahra Wagenknecht"Populistisch, wie ich sie kenne"

Moderation: Korbinian Frenzel

Porträt von Sahra Wagenknecht in lilafarbener Jacke vor einem blassvioletten Kinovorhang. (imago / IPON)
Viel Kritik hat Sahra Wagenknecht für ihr neues Buch "Die Selbstgerechten" einstecken müssen. Auch die Schriftstellerin Jagoda Marinić hält nichts von Wagenknechts Thesen. (imago / IPON)

Einfach zum Lachen findet Jagoda Marinić die Thesen der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht - etwa in deren neuem Buch "Die Selbstgerechten". Zum Beispiel, dass die AfD de facto die neue Arbeiterpartei sei.

In ihrem neuen Buch "Die Selbstgerechten" rechnet Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht ab: mit einer "Lifestyle-Linken", die sich mehr für Gendersternchen interessiert als für die Bedürfnisse einer Unterschicht, die sich mit Niedriglohnjobs abrackert, um über die Runden zu kommen. Mit der Folge, dass diese Menschen sich zunehmend der AfD zuwenden, so Wagenknecht im Dlf-Interview: "Man muss sich mal angucken, wie viele zum Beispiel Arbeiter inzwischen AfD wählen. Das ist ja der größte Teil von ihnen. Insoweit ist die AfD die neue Arbeiterpartei."

"Populistisch, wie ich sie kenne", sagt die Autorin und Kulturmanagerin Jagoda Marinić zu Wagenknechts Thesen. Die AfD als neue Arbeiterpartei zu bezeichnen, sei einfach falsch: "Denn die AfD ist auch die Partei so mancher Bürgerlicher, die eben ein rechtes Gedankengut haben. Und so zu tun, als ob Arbeiterinnen und Arbeiter besonders offen dafür wären, stimmt leider nicht."

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Marinić widerspricht auch Wagenknechts These, der identitätspolitische Diskurs werde vor allem von einer relativ gut situierten urbanen Mittelschicht geführt.

"Ich bin selbst Kind von Gastarbeitern", betont die deutsch-kroatische Autorin. "Mir abzusprechen, dass ich durch meinen eigenen Bildungsaufstieg diese Menschen aus dem Blick verlieren würde, ist schon wieder so eine populistische Instrumentalisierung, dass man wirklich lachen könnte."

Es seien nicht nur die reichen Professorentöchter, sondern auch die Kinder von Gastarbeitern und Ärmeren, "die durch Bildung sich Wissen angeeignet haben und mit diesem Wissen jetzt in die Diskurse gehen und Gerechtigkeit verlangen, auch rückwirkend für die Einwanderergeneration, die das selber nicht tun konnte".

Die alte Armutsrhetorik greift nicht mehr

Und dann, so Marinić, vergesse Wagenknecht, wie prekär angesichts von unbezahlbaren Mieten und Immobilien die Mitte der Gesellschaft inzwischen sei: "Und darauf sind für mich die alten Diskurse in dieser polarisierenden Form, die auch oft bei Rechten zu finden sind, keine Antwort."

(uko)

Die deutsch-kroatische Autorin und Kulturmanagerin Jagoda Marinić, geboren 1977, studierte Germanistik, Politische Wissenschaft und Anglistik in Heidelberg. Die Schriftstellerin verfasst Romane, Essays und Erzählungen, aber auch Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung, taz und die New York Times. Zuletzt erschien von ihr das Sachbuch "Sheroes – neue Heldinnen braucht das Land".

Die ganze Sendung "Der Tag mit Jagoda Marinić" hier zum Nachhören:

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