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Buchkritik | Beitrag vom 25.04.2019

Jáchym Topol: "Ein empfindsamer Mensch"Im Camper durchs zerfallende Europa

Von Jörg Plath

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Cover: Jáchym Topol "Ein empfindsamer Mensch", Suhrkamp Verlag, im Hintergrund ein Wohnwagen (Suhrkamp Verlag / Imago images / Blickwinkel)
Großes Kasperletheater gepaart mit Ritterroman: Jáchim Topols "Ein empfindsamer Mensch". (Suhrkamp Verlag / Imago images / Blickwinkel)

Eine tschechische Künstlerfamilie reist quer durch Europa. Immer wieder wird sie angefeindet - als Flüchtlinge, Massenurlauber, Chaoten. Jáchym Topol beschreibt in seinem politischen Gegenwartsroman "Ein empfindsamer Mensch" den Zustand Europas.

Nach der Samtenen Revolution 1989 schlug der tschechischen Schauspielerfamilie überall Sympathie entgegen. Nun werden Mohrle, Sonja und ihre zwei Kinder von Brexiteers als "Polish Vermins" aus England vertrieben, ungeachtet ihres Protests, sie seien schließlich kein polnisches, sondern tschechisches Gesindel! In Spanien diffamiert man sie als Massenurlauber, in Frankreich als Zigeuner, in Deutschland als Chaoten. In Ungarn geraten sie unter Flüchtlinge, im ukrainischen Kriegsgebiet werden sie beschossen. Immerhin gilt das "Russian Vermin" dort mal nicht ihnen, sondern einem gewissen Scherar Depardiö mit Knollennase.

Gepflegtes Bordell, verrotteter Campingplatz

Jáchym Topols Roman "Ein empfindsamer Mensch" beginnt mit einer Bestandsaufnahme des zerfallenden Europa, um dann die tschechische Provinzheimat zu mustern. Sie ist keine Idylle. Die Wohnungen starren vor Dreck, beherrscht wird das Dorf von einem Familienclan, einer Autoschrauberbande, die sich im Wald versteckt. Es gibt ein gepflegtes Dorfbordell, einen verrotteten Campingplatz am Fluss und ziemlich viele Konflikte, von denen das nahe, reiche Prag keinen blassen Schimmer hat.

"Ein empfindsamer Mensch" dreht die Richtung des wuchtigen Romans "Die Schwester" um, der Topol 1994 bekannt machte. Damals öffnete sich die Welt auf chaotisch-hoffnungsvolle Weise, nun schließt sie sich. Die Alten tragen sich mit Selbstmordgedanken. Ein früher "ganz Schlimmer" ist gläubig geworden und errichtet mit Anhängern eine gewaltige Kirche. Mohrle wird von seinem ehemaligen Lehrer "Dissidentenpimpf" genannt: Wie habe er die drei Dekaden der Freiheit in Böhmen verwertet?

Es geht auch um tschechische Traumata

Jáchym Topol, Sohn eines berühmten Dramatikers und Dissidenten, war der jüngste Unterzeichner der Charta 77, landete als Wehrdienstverweigerer in der Psychiatrie und durfte nicht studieren. Er veröffentlichte im Samisdat und wurde nach der Samtenen Revolution die bekannteste junge Stimme des Landes. Acht Jahre brauchte er für "Ein empfindsamer Mensch", weil er als Programmleiter der Václav-Havel-Bibliothek Oppositionelle aus aller Welt zu Gesprächen nach Prag einlud.

Szenerie und Personal seines Romans wuchern ins Mythische. Sonja wird ermordet, aber nicht begraben - Mohrle fehlt im Existenzkampf die Zeit. Der namenlose große Sohn spricht nicht, sein Zwillingsbruder wächst nicht, erfreut sich aber eines prächtigen "Juwels" in der behaarten Körpermitte. Selten besitzt Mohrle Geld, noch seltener rechtmäßig, und eben geklautes geht sofort wieder verloren.

Großes Kasperletheater und Ritterroman

Verhaftung, Prügel oder Schlimmerem entkommt Mohrle stets mit knapper Not. Eine pikareske Grundstruktur hält eine auf hohen Touren laufende, meist groteske Imagination in der Spur. Großes Kasperletheater paart sich mit dem Ritterroman, und jede Szene scheint dank der Übersetzungskünste von Eva Profousová unterlegt von Gelächter.

Wie immer in seinen Romanen wirbelt Topol die historischen Traumata des Landes durch die Lüfte. Das jüngste Trauma präsentiert er als Menetekel Europas: Ein russischer Panzer, den die Jugend des Dorfes 1968 vom geraden Invasionsweg abbrachte, taucht wieder auf und legt das Dorfbordell in Schutt und Asche. Unfreiwillig natürlich.


Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch
Roman
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
494 Seiten, 25 Euro

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