Seit 09:05 Uhr Kakadu

Sonntag, 21.07.2019
 
Seit 09:05 Uhr Kakadu

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.10.2016

J. P. Schutten und F. Rieder: "Der Mensch"Expedition ins Körperinnere

Von Susanne Billig

Podcast abonnieren
Anatomiemodelle aus der Anatomischen Sammlung der Ludwig-Maximilians-Universität in München (imago / Reinhard Kurzendörfer)
Kein langweiliger Biologie-Unterricht: Jan Paul Schutten erklärt spannend die Anatomie des Menschen. (imago / Reinhard Kurzendörfer)

"Warum Kekse besser schmecken, wenn du Kopfhörer trägst" oder "Warum du haariger bist, als du denkst" - mit wunderbar anschaulichen Geschichten erklärt der niederländische Sachbuchautor Jan Paul Schutten jungen Lesern, wie der menschliche Körper funktioniert.

Der Schausteller Michel Lotito lebte von seiner ungewöhnlichen Gabe, Gegenstände aus Glas und Metall in rauen Mengen zu vertilgen. Fahrräder, etliche Fernseher und sogar ein komplettes Cessna Flugzeug quetschte er durch seinen Verdauungstrakt. Kein Wunder, dass die Franzosen ihm den Namen "Monsieur Mangetout", "Herr Allesfresser", verpassten.

In seinem neuen Buch "Der Mensch" zeigt der preisgekrönte niederländische Sachbuchautor Jan Paul Schutten einmal mehr, wie vorzüglich er sich darauf versteht, biologische Sachverhalte für Kinder und Jugendliche aufzubereiten.

In einer saftigen Sprache werden ohne falsche Scheu Körperabläufe geschildert: Da spritzt Blut und aus dem Darm wird gekackt, es wird geschmust und verschlungen, mit allen Sinnen in die Welt gelauscht und hoch in die Lüfte gesprungen. Die reine Freude ist das. Dazu weiß der Autor die verrücktesten Geschichten über den menschlichen Körper zu erzählen – wie die vom Herrn Allesfresser, die anschaulich machen soll, zu welchen Höchstleistungen so eine Speiseröhre in der Lage ist.

Der Magen - der Mörder

Dabei kommt auch die Biologie in dem klugen Buch keineswegs zu kurz. Gründlich und durchaus mit viel Text arbeitet sich der Autor durch den menschlichen Körper: Zellen, Herz und Gehirn, Nervenbahnen und Hormonsystem, Verdauungstrakt und Sinnesorgane, Haut und Fortpflanzung und die Milliarden von Bakterien, die auf und im Körper leben – alles kommt vor. Eine brave Kapiteleinteilung entlang des pädagogischen Pensums findet sich in dem Buch aber nicht. Stattdessen wirft der Autor Warum-Fragen auf, wie Kinder sie kennen und lieben:

"Warum Kekse besser schmecken, wenn du Kopfhörer trägst", "Warum du haariger bist, als du denkst", "Warum dein Magen Ähnlichkeiten mit einem Mörder hat" – wer möchte da nicht gleich weiterlesen?

Im Text selbst spricht Jan Paul Schutten seine Leserinnen und Leser immer wieder persönlich an, involviert sie in die Geheimnisse und Wunder ihrer leiblichen Existenz und macht aus der Menschenkunde eine persönliche und darum so faszinierende Angelegenheit.

Mitunter gerät der Text trotz des verspielten Tons für jüngere Leserinnen und Leser ein wenig anspruchsvoll und detailliert, doch zum Glück gibt es da noch eine zweite, nicht weniger mitreißende Ebene, eingezogen von der Illustratorin Floor Rieder, die schon für das Buch "Evolution" mit Jan Paul Schutten kooperierte (das 2015 sogar für den Jugendliteraturpreis nominiert war).

Für ihre Zeichnungen verwendet sie eine spezielle Technik – einen dicken Tintenfüller, mit dem sie zunächst Schwarzweißbilder zu Papier bringt, die sie dann einscannt und im Computer nachcoloriert. Ihre Bilder wirken fast wie Linoleumschnitte, kräftig und erdig, gleichzeitig aber auch witzig, verspielt und versponnen.

Man blickt dem Menschen in Bauch und Kopf, Herz, Hirn und Unterleibsorgane. Man sieht ihn, gestrippt bis auf die pulsierenden Adern, im Weltall schweben zwischen Sonne, Mond und Zellen oder sanft schlafen inmitten fliegender Eierstöcke, Darmwindungen und Lungenflügel. Ja, das ist der Mensch – ein verrücktes, gefährliches, fantasievolles und erstaunliches Lebewesen.

Jan Paul Schutten, Floor Rieder: Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner
Aus dem Niederländischen übersetzt von Verena Kiefer Gerstenberg Verlag, Hamburg 2016
160 Seiten, 26 Euro
Empfohlen für Kinder ab 10 Jahren

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Das italo-slawische TriestWiderspenstige Anmut
Karl Friedrich Schinkels Aquarell "Blick von den Höhen hinter Triest über die Stadt auf das Meer" (1803).  (dpa / picture-alliance / akg-images)

Ein Ort multikultureller Einflüsse, an dem Süden, Osten und Norden miteinander verschmelzen – das ist Triest. Die slawischen, romanischen und österreichischen Bezüge spiegeln sich auch in der Literatur wider.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur