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Lesart | Beitrag vom 16.07.2021

J. Courtney Sullivan: "Fremde Freundin"Heikle Kombination aus Intimität und Arbeitsverhältnis

Von Ursula März

Cover des Buchs "Fremde Freundin" von J. Courtney Sullivan. (Deutschlandradio / Hanser)
Gegenwartspanorama der amerikanischen Gesellschaft: wachsende Klassenunterschiede, defizitäre Sozialsysteme, Ermüdungserscheinungen. (Deutschlandradio / Hanser)

J. Courtney Sullivans neuer Roman thematisiert die wachsenden Klassenunterschiede in den USA: Eine wohlhabende Familie engagiert eine junge, mittellose Studentin als Nanny. Die wird bald zur intimsten Freundin ihrer Arbeitgeberin. Kann das gut gehen?

Überspitzt könnte man sagen: Ohne Personal würde das Modell der modernen Familie, in der beide Partner ihrem Beruf nachgehen, nicht funktionieren. Die neue Definition von Frauen- und Männerrollen hat einen neuen Typus des Butlers hervorgebracht.

Er steht nicht wie ehemals im Dienst des Adels, sondern des bürgerlichen Mittelstands, aber er hält den Haushalt am Laufen. Er bringt die Kinder in die Schule und holt sie wieder ab, begleitet sie nachmittags zum Klavierunterricht und singt sie abends in den Schlaf, wenn die Eltern ausgehen. Und er ist meistens eine sie, eine Nanny, auch Kindermädchen genannt.

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Auf diesem soziologischen Modell beruht der neue Roman der US-Amerikanerin J. Courtney Sullivan. Er spielt in einer Kleinstadt im Hinterland von New York. Elisabeth, eine erfolgreiche Autorin, und ihr Mann Andrew haben sich nach der lang ersehnten Geburt ihres Kindes einen Traum erfüllt. Sie sind aus ihrem Appartement in Brooklyn in ein Haus mit Garten gezogen. Sie haben ihren urbanen Alltag gegen ein beschauliches Lebensmilieu getauscht, in dem der von Hausfrauen betriebene private Buchclub ein gesellschaftliches Ereignis darstellt.

Dieser Reizarmut ist es zu verdanken, dass sich Elisabeth immer enger mit Sam, ihrem Kindermädchen, befreundet. Sam ist zwanzig Jahre jünger als ihre Arbeitgeberin und studiert am örtlichen College Kunstgeschichte.

Die "fremden Freundinnen" trennt einiges

Auch sonst trennt die "fremden Freundinnen" einiges. Elisabeth entstammt einer schwerreichen, wenn auch desaströsen Familie, Sam aus einfachen Verhältnissen. Um sich ihr Studium zu verdienen, arbeitet sie obendrein in der Mensa des Colleges. Dort ist sie dankbar für jede kostenlose Mahlzeit, freitags erhält sie von Elisabeth ihren Wochenlohn, an den Sonntagabenden wird sie zum vertraulichen Dinner mit anschließender Lieblingsserie auf Netflix eingeladen.

Dass die heikle Kombination aus Intimität und Arbeitsverhältnis zu gegenseitiger Abhängigkeit und Konflikten führt, kann man bald erahnen, nimmt dem Buch jedoch nicht die Spannung. Die Ambitionen von J. Courtney Sullivan, die einen eingängigen Sprach- und Erzählstil amerikanischer Schule pflegt, gehen über eine private Nanny-Geschichte allerdings hinaus. Der 500 Seiten starke Roman zielt auf ein Gegenwartspanorama der amerikanischen Gesellschaft: wachsende Klassenunterschiede, defizitäre Sozialsysteme, Ermüdungserscheinungen.

Er spielt in der Zeit kurz vor der Präsidentschaft Donald Trumps und schildert jene Verhältnisse, die dem Populisten den Weg ins Weiße Haus ebneten. Dabei gelingen Sullivan eine ganze Reihe von beispielhaften Nebengeschichten und -figuren, die den Erzählstoff bereichern. Was dem Roman bisweilen schadet, ist sein Hang zu einer gewissen Überausführlichkeit.

J. Courtney Sullivan: "Fremde Freundin"
Aus dem Amerikanischen von Andrea 0`Brien und Jan Schönherr
Hanser Literaturverlage, München 2021
527 Seiten, 24 Euro

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