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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 27.10.2006

Iwans Krieg

Catherine Merridale beschreibt die Rote Armee im 2. Weltkrieg

Von Jörg Friedrich

Die Rote Fahne weht auf dem Reichstag 1945 in Berlin (AP)
Die Rote Fahne weht auf dem Reichstag 1945 in Berlin (AP)

Für ihr Buch über die Rote Armee hat die britische Historikerin lange unzugängliche russische Archive genutzt und ellenlange Gespräche mit Veteranen ausgewertet. Fast ausschließlich Selbstzeungisse sind es daher, die das Bild der Russen vom Krieg behandeln, die ihren Sieg mit fünfzehn bis zwanzig Millionen Toten bezahlen mussten.

Der bundesdeutsche Nationalcharakter und sein Vorgänger, der reichsdeutsche Nationalcharakter haben nichts miteinander zu tun, das ist wahr. Genauso wahr ist, dass unsere Gemütsverfassung kein anderes darstellt als das blanke Gegenteil der elterlichen, groß- und urgroßelterlichen. Nehmen wir den deutschen Russlandsoldaten, 1941 aufgebrochen als rassestolzer Eroberungskrieger. Auf dem Marschweg nach Moskau und in den Kaukasus brillierten die 'Fritzen', wie sie bei den Rotarmisten hießen, als angriffslustige Herrenmenschen, technisch-organisatorisch unschlagbar, amoralisch-grausam, rechtsverachtend bis auf das Recht des Stärkeren. Als der Anführer und Reichskanzler seine letzten Fritzen verheizt hatte und die 'Untermenschen' dabei waren, die Reichskanzlei zu stürmen, vergiftete er seinen Schäferhund und verfluchte alle Deutschen. Die slawische Rasse habe sich als die überlegene erwiesen, die Germanen hätten nichts Besseres verdient als den Untergang.

Die Untergegangenen schlossen sich diesem Urteil an und vollstreckten es an sich selbst bis zum heutigen Tag: Sie liquidierten ihr erfolgloses Naturell, dankten den Siegern für die verdiente Niederlage und erhoben die Niederlage zu ihrem Kultus. Besser als in die Fremde zu ziehen ist es, die Fremden einzuladen, uns zu bereichern und zu läutern. Soweit die Charakterreform, die aber, bevor sie in Fleisch und Blut überging ein solches Fegefeuer durchmaß, dass uns die Worte dafür fehlen. Die Schändung von eineinhalb Millionen Gattinnen, Müttern, Schwestern und Töchtern, die Verjagung von 15 Millionen Personen aus der Familienheimat, der Verlust eines Drittels des Reichsterritoriums, die Verschrottung sämtlicher Städte sind Vorgänge, die amtsoffiziell das Wort 'Befreiung' abdeckt. Die Befreier, die angloamerikanischen Bomberstaffeln und die Sowjetarmee, wurden allerdings von der deutschen Zeitgeschichtsschreibung taktvoll umgangen. Sie erscheinen in den Lehrbüchern, jedoch als Heilsbringer und nicht in ihrem Schlächtergewerbe gezeichnet. Die nationale Schlachtliteratur portraitiert aus den erwähnten selbsterzieherischen Gründen Vatern bei dem, was er in Hitlers Krieg getan hat und vorzüglich in dessen schauderhaftem Teil. Davon gibt es bekanntlich viel zu berichten, allerdings von der Sowjetarmee auch.

Catherine Merridales Arbeit zeichnet sich durch Nutzung lange unzugänglicher russischer Archive und ellenlange Gespräche mit Veteranen aus. Anders als viele ihrer Kollegen, die so etwas als ein Gebot der Fairness ansehen, scheut sich Frau Merridale, in den Erinnerungen deutscher Soldaten und Zivilisten zu forschen, die einzigartige Intimkenntnisse von Rotarmisten hegen. So erfährt man über diese nahezu ausschließlich Selbstzeugnisse. Hätten vernünftige deutsche Historiker noch weiteres als Landsergreuel erfasst, könnte man Merridales Halbheiten ohne weiteres akzeptieren. Das Buch, das 'Iwans Krieg' heißt, behandelt Iwans Bild vom Krieg und ist in dem Rahmen ergreifend genug.

Anders als unsere westlichen Befreier sind die eigentlichen Überwinder der Fritzen keine Hurra-Patrioten. Wer seinen Sieg nicht mit einer halben, sondern mit fünfzehn bis zwanzig Millionen Toten bezahlt und dafür mit 40 weiteren Jahren Stalinismus entgolten wird, dem sind die Illusionen vergangen. So wie die Hitlerarmee keine Ehrenkompanie eines anderenorts tätigen Verbrecherstaats gewesen ist, sondern dessen Kreatur und Daumenabdruck, waren auch Stalins Horden ein marschierender Gulag.

Es gab aber schätzungsweise während des Kriegs 158 000 förmlich verhängte Todesurteile. Darin sind Tausende nicht enthalten, deren Leben im Straßengraben endete; als "Vaterlandsverräter" liquidierte Wehrpflichtige und jene, die im Vorfeld von Gefechten auch nur den Anschein erweckten, zurückweichen zu wollen. Allein in Stalingrad sollen binnen weniger Wochen etwa 13.500 Mann exekutiert worden sein.

"Früher erschossen wir Rekruten, die sich zu verstümmeln versuchten", sagte ein Militärjurist. "Sie waren nichts wert, und mit einer Gefängnisstrafe hätten wir ihnen ja noch einen Gefallen getan." Strafbataillone, in denen am Ende mindestens 422.700 Männer dienten, waren eine scheußliche, tödliche Seelenpein. Doch kein Soldat konnte daran zweifeln, dass sein Leben in dieser Armee egal in welcher Funktion, keinen Pfifferling wert war.


Catherine Merridale: Iwans Krieg (Coverausschnitt) (Verlag S. Fischer)Catherine Merridale: Iwans Krieg (Coverausschnitt) (Verlag S. Fischer)Die Befreiung vom Nazijoch gelang einem Staat, der bei Ausbruch der Feindseligkeiten die bisherige deutsche Massenmordbilanz um ein Dutzendfaches übertraf. Die Verachtung jedweden Lebens war in der Sowjetunion soweit gediehen, dass sie die Millionenverluste im Krieg solange aushielt, wie sie Ersatz stellen konnte. Ansonsten war sie gegen Tod und Leid absolut unempfindlich. Hitlers Westgegner wären unter den Gefallenenzahlen wie den russischen des Sommers 1941 bedingungslos in die Knie gegangen. Sie hätten auch nicht ihre Söhne ins Feld geschickt mit 50 Jahre alten Bolzengewehren, ohne Stiefel, ohne Unterwäsche, Medikamente, Lazarette, Quartiere, in Schlamm und Schnee nächtigend neben verwesenden Kameraden, hätten die Infanterie nicht volltrunken in gegnerisches MG-Feuer getrieben.

Unvorstellbar ist ferner, dass in den Armeen von Rechtsstaaten Kopfjäger und Scharfschützen Truppen abknallen, die zögern, sich in den sicheren Tod zu stürzen. Die Parteikommissare, Politruks und Smershagenten bildeten in Iwans Rücken eine zweite Front. "Smersh" heißt Tod und Iwan konnte wählen, ihn aus Hitlers oder Stalins Rohren zu empfangen. Im Krieg zählt indes nicht die schönere Moral, sondern die bessere Waffe und die höhere Härte. Je schwächer, zumal 1941/42, die Ausrüstung desto entscheidender die Härte. Ohne die Killerkommandos der Partei hätte die Rote Bauern-Armee höchstwahrscheinlich die Front verlassen und die Felder bestellt.

"Der Rückzug hat wilde Panik ausgelöst", schrieb der weißrussische KP-Chef Ponomarenko am 3. September an Stalin, Schlimmer noch, "die Soldaten sind todmüde und schlafen sogar unter Artilleriefeuer ein. ( ... )Beim ersten Bombardement fallen die Formationen auseinander, viele laufen einfach davon in die Wälder, so dass es in den Waldgebieten der Frontregion von Fahnenflüchtigen wimmelt. Oft werfen sie ihre Waffen weg und gehen nach Hause. Sie haben große Angst vor Umzingelungen.

Es ist dies eins der wenigen Stellen, aus denen ein politisches Führungshandeln spricht. Frau Merridale schreibt Mentalitätsgeschichte, in der Haltungen und Verhältnisse dominieren. Alles war kärglich und blutig, defätistisch oder mutig, gefühls- oder fuselgeladen, ideologisch oder vaterländisch. Doch erklärt die Quersumme aller Befindlichkeiten nicht ganz, warum etwa Iwan seinen Krieg gewonnen hat. Ein nicht ganz überflüssiges Detail. Nur ganz sachte streift die britische Autorin die Koalition aus Gulagstaat und Scheckbuchdemokratie, aus sowjetischem Massensterben und amerikanischen Versorgungsströmen, dem Schlüsselprinzip des Anti-Hitler-Kriegs.

Soweit die letzten 60 Jahre so etwas wie Freiheit kannten, lag sie nicht am Sieg der Weltkriegsallianz. Aller Segen liegt darin, dass die rasch einander spinnefeind Gewordenen gütig verzichteten, sich in die Luft zu sprengen und den Rest der Welt dazu. Ferner ist es dem Teufel zu danken, dass er Stalin zu sich holte, just ehe er die vorbereitete Vernichtung der überlebenden Juden in Russland realisierte.

Doch strafte er Iwan schlimm genug. Er liquidierte die heimgekehrten Kriegsgefangenen, weil sie sich nicht hatten totschießen lassen und hieß die hässlichen Kriegskrüppel vom Pflaster räumen, die mangels Beinprothesen ihre Rümpfe auf Wägelchen durchs Leben ruderten. Sie wurden in die Einöden verschleppt. Es blieb, Frau Merridale hat irgendwie recht, keine Moral von der Geschichte übrig, kein Sinn, kein Fortschritt, kein Zivilisationssieg, nur stumpfes Elendsempfinden.

Die so genannte Heimatfront hatte sehr schwer auf Frauen gelastet. Einige gaben unter der Plackerei ihre Weiblichkeit endgültig auf. Weder nutzte sie etwas, noch brachte sie Freude. Auch in ländlichen Gegenden gab es fast keine Männer mehr. "Ich stand allein mit drei Söhnen da", berichtete eine Witwe Alexijewitsch, "die noch zu klein waren, um aufeinander aufzupassen. Ich musste Korngarben, Holz, Kartoffeln und Heuballen schleppen, zog selbst Egge und Pflug." Die Frauen wurden im Laufe der Zeit zäh und unerschrocken. Einige hegten Groll auf die Armee, die sie über so viele Monate hinweg den Deutschen überlassen hatte.

Wenn man zwei Worte austauscht, könnte dasselbe zur selbigen Zeit auch Fritzens Land beschreiben.

Catherine Merridale: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939 bis 1945
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main

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