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Buchkritik | Beitrag vom 02.05.2020

Ivana Sajko: "Familienroman"Geschichte Kroatiens in der Sprache der Dichtung

Von Johannes Kaiser

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(Voland & Quist / Deutschlandradio Kultur)
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Ivana Sajko erzählt in ihrem "Familienroman" von der konfliktreichen Geschichte Kroatiens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Durch das Zusammenspiel von Dokumenten, Erinnerungen und Fiktion entsteht ein wundersames Gemälde von melancholischer Schönheit.

Auf den ersten zwei Seiten erklärt die kroatische Schriftstellerin Ivana Sajko, wie ihr neuer Roman zu verstehen ist. Er stützt sich auf drei Erinnerungssäulen: die Geschichte ihrer Familie und die Geschichte Zagrebs; die Auswahl der Ereignisse durch die Autorin ist die dritte Säule. Diese Auswahl ist - worauf Sajko ausdrücklich hinweist - widersprüchlich, denn die Dokumente, Kommentare und Erinnerungen stehen miteinander in Konflikt.

Dieses ungewöhnliche Vorwort ist Warnung wie Ermunterung zugleich, den Roman als Roman zu lesen, der sich zwar auf reale Ereignisse stützt, sich aber weigert, Geschichtsschreibung zu sein.

Alles beginnt in Zagreb kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Noch träumt die Tochter der Familie von einem besseren Leben, steigt in ihren Träumen mit einem Luftballon in den Himmel auf. Von dort oben scheint alles möglich. Die Vision: Die kommunistische Revolution wird den Durchmarsch der imperialistischen Mächte aufhalten. Die kommunistische Jugendgruppe, der sie sich angeschlossen hat, baut heimlich Bomben, wird aber verraten. Der Luftballon stürzt ab. Es kommt zum Einmarsch der deutschen Truppen.

Träume und Albträume

So lautet die prosaische Kurzfassung der Ereignisse. Doch Sajkos Version ist poetischer. Immer wieder beschreibt sie in Metaphern, wie sich die politischen und sozialen Verhältnisse verändern und sich auf ihre Familie auswirken, sich in den Träumen und Albträumen ihrer Protagonisten widerspiegeln.

Eingefügt in die Familiengeschichte sind die tatsächlichen Ereignisse von der Machtergreifung der faschistischen Ustascha-Bewegung, über Titos Partisanenkampf bis zur Gründung Jugoslawiens, dem Zerfall des Vielvölkerstaates und der Unabhängigkeit Kroatiens. Sajko fügt Zitate aus Zeitungen, Flugblättern oder Dokumenten in ihre Geschichte ein. Sie findet anschauliche Bilder, um die jeweilige Zeit zu charakterisieren. So breitet sich die faschistische Machtergreifung wie ein schwarzer Tintenfleck über den Balkan aus. "Die Schwärze", schreibt sie, "verschmierte alles und breitete sich aus wie eine Metastase."

Anonymisierung der Familie

Man begreift durch diese Bilder, wie es ihrem zwangsrekrutierten Großvater erging, ihrem Vater, der sich den Partisanen anschloss, gefangen genommen und brutal gefoltert wurde. Man kommt den Frauen ihrer Familie nah, die schwiegen und litten. Zwar fällt es nicht ganz leicht, der Abfolge der Generationen zu folgen, denn Sajko schreibt nur ganz allgemein von Mann und Frau, Tochter und Mutter. Diese Anonymisierung der eigenen Familie aber macht deren Erlebnisse, deren Gefühle von Liebe, Trauer und Verlust zu einer grundsätzlichen Erfahrung.

Sajko verleiht ihnen Allgemeingültigkeit. Ihr Realismus ist der Realismus der Dichtung, die in Bildern malt, in Symbolen spricht, in Metaphern. Das verwandelt ihren Roman in ein wundersames Gemälde von traurig-melancholischer Schönheit.

Ivana Sajko: "Familienroman. Die Ereignisse von 1941 bis 1991 und darüber hinaus". Roman
Aus dem Kroatischen Alida Bremer
Verlag Voland & Quist, Berlin 2020
172 Seiten, 20 Euro

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