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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.04.2020

Ivan Vladislavić: "Schlagabtausch"Verzögert, blockiert und seelisch abgestumpft

Von Marko Martin

Buchcover auf orangefarbenem Hintergrund. ( Wagenbach/ Deutschlandradio)
"Schlagabtausch" von Ivan Vladislavić hat unseren Kritiker Marko Martin nicht wirklich überzeugt. ( Wagenbach/ Deutschlandradio)

Ivan Vladislavić schreibt in "Schlagabtausch" über die weiße Mittelschicht in Südafrika in den 70er-Jahren. In der ethnisch homogenen Blase bleibt die Schwärmerei eines weißen Zwölfjährigen für den Boxer Muhammad Ali seltsam folgenlos.

Zwei Halbwüchsige in einem gutbürgerlichen, will heißen: erdrückend öden Vorort. Sie tun, was in jenem Sommer 1971 wohl viele ihres Alters taten: Branko, der ältere Bruder, versucht in der Schule mit Mädchen anzubändeln, während der zwölfjährige Joe, quasi der Nerd der Familie, wie besessen Zeitungsausschnitte über die gewonnenen und verlorenen Kämpfe des Box-Champions Cassius Clay alias Muhammad Ali sammelt.

Tatsächlich ist der Junge auf die Kommentare und Sportberichte in den Zeitungen angewiesen, denn der Vorort gehört zu Pretoria, der Hauptstadt von Südafrika, und Fernsehen wird es im abgeschotteten Apartheid-Staat erst fünf Jahre später geben.

"Als das Fernsehprogramm SABC 1976 startete, war eine der ersten großen Nachrichten – die zugleich auch wieder unterdrückt wurde – der Schüleraufstand in Soweto am 16. Juni, der den vermeintlichen südafrikanischen Frieden ein für alle Mal zerstörte."

Zwei Brüder erinnern sich

Ivan Vladislavić, geboren 1957 in Pretoria als Nachkomme kroatischer Einwanderer, die eigentlich nach Australien wollten und in Südafrika "hängen geblieben" waren, erzählt in seinem Roman "Schlagabtausch" eine Geschichte, die ihren Reiz aus der mehrfachen Verunsicherung der Leser zieht: Scheint es anfangs, als hätten die beiden Brüder eine ganz normale Mittelschicht-Kindheit, so wird das Alltags-Perverse der Apartheid-Situation in mancherlei Details zwar nicht überdeutlich, doch vernehmlich angedeutet.

Etwas Verzögertes, Blockiertes, seelisch Abstumpfendes und kaum je präzis Nennbares prägt auch den Alltag der privilegierten Weißen. Weshalb er damals für Muhammad Ali schwärmte, weiß deshalb Joe selbst dann nicht genau zu sagen, als er längst kein Zwölfjähriger mehr ist, sondern beinahe vierzig Jahre später versucht, diese Geschichte zusammen mit seinem Bruder zu erinnern.

War es Alis Vitalität und dessen auch verbale Angstfreiheit, die das einstige Kind fasziniert hatte? Doch was war von einem vermeintlichen Revolte-Helden zu halten, der wahrscheinlich sogar im damaligen Südafrika aufgetreten wäre, hätte man sich nur geschäftlich einigen können? Und welch schockierende Nähe zwischen den segregierenden Ideen der US-amerikanischen Gruppierung "Nation of Islam" und der Ideologie im Apartheid-Staat! "Es ist nicht richtig, wenn ein Mann außerhalb seiner Rasse heiratet", sagte Muhammad Ali.

Nelson Mandela trifft Muhammad Ali

Ivan Vladislavic, der bereits in seinen nicht-fiktiven Vorgängerbüchern eher einer war, der den verwunderten Blick vom Rand her pflegt und sich pathetischem Tremolo verweigert, erzählt auch diese Geschichte ohne das erwartbare Happy-End.

Dabei war schließlich das System der institutionalisierten Rassentrennung ja doch zusammengebrochen, so dass der aus dem Gefängnis triumphal zurückgekehrte Nelson Mandela dann natürlich auch von Muhammad Ali besucht wurde – das gestellte Foto eines angedeuteten Boxkampfs durfte nicht fehlen.

Doch war Joe um diese Zeit bereits ein Erwachsener jenseits aller Schwärmereien, hinzu kam, dass Alis Visite im April 1993 in eine denkbar ungünstige Zeit fiel: Am gleichen Tag war der prominente schwarze Bürgerrechtler Chris Hani von einem rassistischen polnischen Einwanderer ermordet worden, und das Land stand abermals kurz vor einem Bürgerkrieg.

Unnötige Volte

Auch das Leben der beiden Brüder endet nicht in einer Idylle: Der zum Schriftsteller gewordene Joe wird um das Jahr 2010 ausgeraubt und ermordet, so dass nun Branko, inzwischen selbst Vater eines Teenagers, die einst gemeinsam begonnene Arbeit des quasi vierhändigen schriftlichen Erinnerns allein fortsetzen muss.

Durchaus möglich, dass diese eher unnötige Volte dem Roman das Genick bricht – eine Distanzierung zu viel. Ins Positive gewendet, wäre "Schlagabtausch" dennoch lesbar als das präzise Protokoll seelischer Kindheits-Beschädigungen, die auf den ersten Blick eher unspektakulär anmuten.

Wem dies jedoch zu vage und diffus scheint, sollte vielleicht die inzwischen ungerechtfertigterweise etwas ins Vergessen geratenen Romane der 2014 verstorbenen Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer wieder einmal lesen - Genauigkeit der Darstellung verträgt nämlich sehr wohl Empathie.

Überdies: Auch im ehemaligen Apartheid-Staat hatten einheimische "black and coloured people" mehr sein können als die skizzenhaften Lieferanten-Wesen, als die sie bei Ivan Vladislavić durch die Geschichte huschen.  

Ivan Vladislavić: Schlagabtausch 
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Wagenbach Verlag, Berlin 2020
253 Seiten, 19,99 Euro

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