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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 08.01.2012

Italienisches Olivenöl - zu 80 Prozent gepantscht?

Über Italien lacht die Sonne, über "Bio" der Exporteur

Von Udo Pollmer

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Frisch gespresstes Olivenöl in einem Probierglas. Nicht überall, wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin. (AP Archiv)
Frisch gespresstes Olivenöl in einem Probierglas. Nicht überall, wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin. (AP Archiv)

Italien ist berühmt für seine Küche, seine Lebensmittel, namentlich das Olivenöl und neuerdings auch für Bioprodukte. Es ist einer unserer wichtigsten Lieferanten von Biolebensmitteln. Mit diesem Image lässt sich viel Geld verdienen. Udo Pollmer ist wieder einmal dem schönen Schein auf der Spur.

Italienisches Olivenöl ist bekanntlich gesund - ach was, es ist nur gepanscht. Derzeit wird Italien von einem Ölskandal erschüttert. Demnach sollen stolze 80 Prozent des italienischen Olivenöls gar nicht echt sein - sondern nur Importware, minderwertiges Billigstöl aus anderen Ländern, das dann durch allerlei Panschereien auf "italienisches Olivenöl" umgearbeitet wird. Das fertige Öl gelangt schließlich zum zehn- bis zwanzigfachen Preis in den Handel, möglichst als erste Pressung. Und was ist mit den restlichen 20 Prozent, sind die wenigstens echt? Das wüsste ich auch gerne, allein mir fehlt der Glaube.

Natürlich haben die italienischen Verbraucher mehr Ahnung von Olivenöl als die deutschen, so dass man sie nicht so leicht aufs Kreuz legen kann. Die deutschen Kunden kaufen ihr Öl in dem Glauben, sie könnten damit ihr Herz pflegen. Die Italiener sehen das anders. Sie konsumieren Olivenöl aus dem gleichen Grund, wie wir unsere Butter: In Italien gedeihen eben Olivenbäume und keine Weidegründe für Kühe. Aber seit die Olive als "gesund" gilt, ist Panschen ein lukratives Geschäft.

Das Geheimnis, warum die Mittelmeerkost so vorteilhaft ist, liegt in der Statistik. Die Lebenserwartung eines Landes hängt naturgemäß vom Rentenbetrug ab. Je später Sterbefälle aktenkundig werden, desto länger wird die Rente bezahlt. Diese Daten korrelieren dann Ernährungsmediziner mit Olivenöletiketten oder Schätzungen des Tintenfischverzehrs. Dass die Menschen auf Kreta angeblich älter werden als die in Süditalien, liegt natürlich nicht an ihrer Ernährung oder den Aktivitäten der Mafia, sondern nährt den Verdacht, dass Rentenbetrug dort einfach besser funktioniert als auf Sizilien.

Süditalien ist auch der Ausgangspunkt eines weiteren aktuellen Lebensmittelskandals. Kurz vor Weihnachten flog ein Syndikat auf, das nach Angaben der Behörden 700.000 Tonnen konventionelle Produkte in Bioware umdeklariert und etwas teurer weiterverkauft hatte. Die Guardia di Finanza verhaftete sieben Verdächtige, darunter auch den Chef der größten Zertifizierungsstelle. Der italienische Bioverband Federbio will jetzt herausgefunden haben, dass es nur 17.000 Tonnen gewesen sein sollen. Da hat sich die Polizei wohl geirrt. Kurz zuvor hatte der gleiche Verband beklagt, dass die Betrügereien schon lange bekannt gewesen seien, aber Berlusconis Landwirtschaftsminister hätte die Täter gewähren lassen. Die Ökoszene wäscht ihre Hände wieder in Unschuld.

Dort, wo massenhaft Bio für den Export produziert wird wie beispielsweise in China, berichten die Medien ganz offen, dass dort die Zertifikate an Exporteure gegen Schmiergeld verkauft werden. Auch in Italien wird unverblümt ausgesprochen, was jeder weiß: Der Biosektor genießt schon lange das Wohlwollen der Mafia. Heute ist Italien ein echter Global Player in Sachen Bio. In Deutschland wird versucht, den Vorfall herunterzuspielen. Dass die italienischen Behörden auch die rumänische Niederlassung einer deutschen Kontrollstelle im Visier haben, ist bei uns kein Thema.

Das ist beileibe nicht der erste Skandal, der in Italien seinen Ausgang nahm. Denn dort liegt ein Zentrum des europäischen Bioanbaus. Bereits vor drei Jahren war ein international organisierter Betrug mit italienischem Bio-Getreide aufgeflogen, österreichische Händler dienten als Verschiebebahnhof und die deutsche Gemeinde der Gläubigen zahlte brav. Doch gegen das Syndikat konnten die Kontrollstellen damals leider, leider nichts ausrichten - ich zitiere aus der Öko-Presse: "Trotz eindeutiger Rückstandsfunde konnte der Lieferant über ein knappes Dreivierteljahr weiter liefern..." Dann machte er einfach seinen Laden zu und einen neuen auf: "Nun besteht der Verdacht, dass die angebliche Bio-Vermarktung über ein Nachfolgeunternehmen fortgeführt wird." Über Italien lacht die Sonne, über die Kunden der Exporteur. Mahlzeit!

Literatur:

Berizzi P: La mafia dell'olio. La Repubblica vom 20. & 22. 12. 2011;
Comando Provinciale Guardia di Finanza di Verona: Operzione "Gatto con gli Stivali" la Guardia di Finanza di Verona scopere una gigantesca frode alimentare (e fiscale) nel settore dell'agricoltura "biologica". Comunicato stampa 6. 12. 2011
Anon: Sul mercato 700mila tonnellate di falsi cibi bio maxioperazione della Finanza: sette arresti. La Repubblica 6. 12. 2011
Sauer U, Liebrich S: Biobetrug - eine italienische Affäre. Süddeutsche Zeitung 14.12.2011
Neuendorff J: Bio - mit Sicherheit! Ökologie & Landbau 2009; H.151: 41-43
Dahm KH: Italien hat bei Bioprodukten die Nase vorn. Germany Trade & Invest 8. Juli 2011
Moritz HJ: EU-Mittel für die Mafia. Focus 2011, Heft 14

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