Samstag, 28.11.2020
 

Zeitfragen | Beitrag vom 26.10.2020

Italien in der zweiten CoronawelleKein Land für Maskenmuffel

Von Patricia Arnold

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Szene aus Süditalien: Menschen mit Mund-Nasen-Schutz laufen auf einer belebten Straße. (imago / Independent Photo Agency / Salvatore Laporta)
Wer keine Maske trägt, riskiert in Italien ein hohes Bußgeld. (imago / Independent Photo Agency / Salvatore Laporta)

Italiener brechen gern Regeln? Wenn es um die Corona-Schutzvorschriften geht, trifft das nicht zu. Obwohl im Land inzwischen wieder harte Einschränkungen gelten, halten sich die Menschen an die Vorgaben. In der Corona-Pandemie gelten sie als Europas Musterschüler.

"Signora, la mascherina!" Der Ton des Schaffners ist scharf. Die Maske hängt locker im Gesicht. Das darf nicht sein. Sie muss Nase und Mund vollständig bedecken. Unmissverständlich ist auch die Lautsprecheransage im Hochgeschwindigkeitszug von Venedig nach Mailand. Wer sich nicht an die Corona-Schutzregeln hält, muss am nächsten Bahnhof vorzeitig aussteigen. Jede halbe Stunde werden die Reisenden gewarnt, auf Italienisch und Englisch.

In Italien sind die Vorschriften seit Beginn der Pandemie streng und werden jeden Tag strenger. Zum Beispiel riskieren Passanten, die im Freien auf Straßen und Plätzen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen, ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro. Seit heute müssen Restaurants und Bars im ganzen Land schon um 18 Uhr schließen.

Die Mehrheit im Land akzeptiert die Vorschriften, ohne zu maulen. In der Corona-Pandemie gelten Italiener als die Musterschüler in Europa, obwohl sie doch normalerweise Regeln gerne ignorieren. Über die hohe Akzeptanz der Schutzmaßnahmen ist der Apotheker Sandro Moro keineswegs überrascht:

"Das ist doch normal. Wenn uns gesagt wird, die Maske aufzusetzen, dann machen wir das. Wenn wir zu Hause bleiben sollen, dann bleiben wir eben zu Hause. Ein Italiener treibt dann Spielchen, wenn er eine Forderung als nicht korrekt empfindet."

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Ganz offensichtlich werden die Regierungsauflagen als richtig empfunden, denn das Virus macht Angst. Macht jetzt wieder Angst. Nach entspannten Sommermonaten hat die zweite Welle Italien erreicht. Sie kam unerwartet schnell und heftiger als erwartet. Innerhalb kurzer Zeit stieg die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf über 15.000. Überrascht waren sogar Mediziner und Beschäftigte im Gesundheitswesen wie die Physiotherapeutin Francesca Manin:

"Ehrlich gesagt, ich habe damit nicht gerechnet, obwohl wir diese Welle hätten vorhersehen können. Im Sommer haben wir das Virus jedoch ein wenig vergessen. Vielleicht war das nach der Pandemie im Frühjahr auch notwendig. Schließlich waren die Fälle entschieden zurückgegangen. Vielleicht auch deshalb befinden wir uns jetzt wieder in einer schwierigen Situation."

Das Entsetzen über Bergamo ist noch lebendig

Als erstes europäisches Land war Italien im Frühjahr von Corona hart betroffen. Rasant hatte sich das Virus ausgebreitet. Schnell legte die Pandemie die Missstände im italienischen Gesundheitssystem offen. Krankenhäuser waren total überlastet. Es gab zu wenig Intensivbetten. Ärzte und Krankenschwester versorgten Patienten bis zur völligen Erschöpfung. Über 35.000 Menschen, vor allem Senioren, starben an oder mit Covid-19. Das norditalienische Bergamo wurde zum Symbol für unermessliches Leid. Soldaten wurden eingesetzt. Sie brachten die Leichen auf den Friedhof. Das Entsetzen darüber ist noch lebendig. Bergamo hat uns verändert, sagt die Blumenhändlerin Chiara Carmine:

"Eines Morgens sind wir mit einem Gefühl der Trauer aufgewacht. Es war so, als wären die Toten unsere Grosseltern, unsere Freunde. Das hat sehr mitgenommen. Jetzt verdrehen Corona-Leugner die Wahrheit. Die Toten dürfen jedoch nicht vergessen werden."

Ein zweites Bergamo wäre für Italiener eine Katastrophe. Doch hält das Gesundheitssystem  der zweiten Welle stand? Experten sind sich uneins. Ärzte sprechen jetzt schon von einer dramatischen Lage. In der Lombardei werden im Frühjahr provisorisch eingerichtete Krankenhäuser bereits wieder aktiviert. Wie zum Beispiel auf dem Mailänder Messegelände, erzählt Apotheker Moro:

"Ganz sicher wird es immer wieder neue Corona-Fälle geben. Das ist unvermeidlich, solange es keinen Impfstoff gibt."

Jetzt trifft es auch den Süden

Der Virus-Hotspot ist erneut die norditalienische Wirtschaftsregion Lombardei. Aber auch im Süden Italiens ist die Lage dramatisch. Corona grassiert dort heftiger als zuvor. Für den Regionalpräsidenten von Kampanien, dem Land um Neapel, Vinczeno De Luca, ist Italien nur noch einen Schritt von der Tragödie entfernt. Er fordert einen nationalen Lockdown wie im Frühjahr. Doch dazu konnte sich die Zentralregierung in Rom unter Ministerpräsident Giuseppe Conte nicht durchringen. Allerdings sind jetzt wieder Theater, Kinos, Museen, Schwimmbäder und Fitnessstudios geschlossen. Und ab 18 Uhr kommt das öffentliche Leben im ganzen Land zum Erliegen. Conte trifft seine Entscheidungen in Absprache mit den politisch Verantwortlichen in den Regionen.

Gestritten wird noch, ob und in welchem Ausmaß der Präsenzunterricht an den Schulen nur fünf Wochen nach Ferienende erneut abgeschafft wird. Der Gedanke, ihre beiden Kinder blieben schon wieder zu Hause, macht der Blumenhändlerin Chiara ein wenig Angst:

"Wenn es aber notwendig ist, dann sind wir vorbereitet. Schon in der Vergangenheit haben wir schmerzhafte Sache erleben. Wir sind ein Volk, das an Tragödien gewöhnt ist. In diesem Moment zeigen wir das Beste von uns."

Die große Angst vor der Massenarbeitslosigkeit

Italiener arrangieren sich mit Corona, mit Fatalismus. Jedoch fragen sich viele, was ist nach dem entspannten Sommer schiefgelaufen? Der Schulanfang und die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach monatelangem Homeoffice haben nach Meinung vieler Experten die zweite Welle ausgelöst. Voll besetzte öffentliche Verkehrsmittel hätten dem Virus guten Nährboden gegeben, sagen sie. Politiker und Transportunternehmen haben versagt, kritisiert die Blumenhändlerin Chiara.

"Ganz sicher hätte man investieren müssen, damit es mehr Fahrten und einen erweiterten Fahrplan gibt. Ehrlich gesagt, ich hatte gehofft, dass Transportunternehmen zu dieser Notwendigkeit angestoßen werden. Wie peinlich, sie haben nicht daran gedacht. So kann sich die ohnehin schwierige Situation nur noch weiter verschlechtern."

Seit Jahrzehnten ist der öffentliche Verkehr ein ständiges Ärgernis. Verantwortliche rechtfertigen Versäumnisse damit, dass einfach kein Geld für zusätzliche Transportmittel vorhanden sei.

Die öffentlichen Kassen sind leer wie die von Millionen privater Haushalte. Die Wirtschaft liegt am Boden. Schätzungen zufolge wird Italiens Bruttoinlandsprodukt im Corona-Jahr 2020 um fast 12 Prozent zurückgehen. Einen neuen nationalen Lockdown will Regierungschef Giuseppe Conte schon deshalb vermeiden. Die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend. Viele Italiener fürchten jetzt schon Massenarbeitslosigkeit und große Armut.

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