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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.05.2017

"Istanbul" im Schauspiel KölnKlima der Angst unter Deutschtürken

Nuran David Calis im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der Regisseur Nuran David Calis. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Der Regisseur Nuran David Calis. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Anhänger und Gegner Erdogans aus der Kölner Keupstraße berichten in Nuran David Calis' Stück "Istanbul" über die Auswirkungen der Ereignisse in der Türkei auf die Deutschtürken. Bei allen Konflikten sei doch eine "Sehnsucht nach Versöhnung" spürbar, so Calis.

Kontrovers und "konfliktreicher, als ich mir das vorgestellt habe" ging es bei den Proben zu Nuran David Calis' Stück "Istanbul" zu, das am Freitagabend im Schauspiel Köln Premiere feiert.

Es geht der Frage nach, wie der Putschversuch in der Türkei und die restriktive Politik von Präsident Erdogan die deutschtürkische Community verändert hat und lässt sowohl Anhänger als auch Gegner Erdogans zu Wort kommen. "Es ist eine relativ explosive Mischung von vornherein gewesen", so Calis im Deutschlandfunk Kultur. "Aber die Prämisse lautete, sich gegenseitig zuzuhören."

Der Riss geht auch durch Schauspielertruppe

Wie schon in früheren Stücken Calis' werden dabei deutschtürkische Bewohner der Kölner Keupstraße gemeinsam mit den Schauspielern auf der Bühne stehen und von ihren Erfahrungen berichten. Allerdings habe sich das Klima dort deutlich gewandelt, sagte Nuran David Calis im Deutschlandfunk Kultur. Während ihm bei früheren Projekten alle Türen offengestanden hätten, habe er diesmal eine große Angst gespürt.

"Es ging jetzt los mit den gegenseitigen Denunzierungen, wer Befürworter des Putsches war oder Gegner des Putsches oder für Erdogan und die AKP oder gegen Erdogan und die AKP, für Gülen oder gegen Gülen", so der Theaterautor und -regisseur, der selbst türkisch-armenische Wurzeln hat. "Also, der ganze Riss geht auch sozusagen durch die Schauspieltruppe und die Spielertruppe, die diesen Abend 'Istanbul' gestalten."

Im Theaterraum können Utopien verhandelt werden

Allen Konflikten zum Trotz spüre er bei den Mitspielern eine "ganz große Sehnsucht nach Versöhnung", betonte Calis. "Obwohl man an verschiedenen Polen des Universums sich befindet, sind wir dann doch ein Kosmos, den wir dann auch gemeinsam miteinander gestalten müssen."

Das sei wahrscheinlich nur möglich in einem Theaterraum, in dem Utopien verhandelt werden könnten. "Das ist halt das Angebot, was das Theater machen kann, indem man die ganzen Konfliktlinien der Welt aufeinander aufprallen lässt in dem Raum."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wie blicken türkischstämmige Deutsche und Türken, die in Köln leben, auf die Entwicklung in der Türkei? Der selbst 1976 in Bielefeld geborene Regisseur Nuran David Calis versucht, diese Frage auf der Theaterbühne zu beantworten. Im Schauspielhaus in Köln, konkret im Depot des Schauspielhauses, hat morgen sein neues Stück "Istanbul" Premiere, und schon wie bei zwei seiner Inszenierungen zuvor stehen hier Anwohner und Geschäftsleute der Kölner Keupstraße, die besonders durch die türkische Community geprägt ist, zusammen mit Ensemblemitgliedern des Schauspielhauses Köln auf der Bühne.

Calis selbst war im vergangenen Jahr mit einem Stipendium ein paar Monate in Istanbul, das war vor dem gescheiterten Militärputsch im Sommer, und ich hab ihn deshalb am Anfang unseres Gespräches gefragt, wie er selber damals bei diesem Aufenthalt die Stadt Istanbul empfunden hat.

Nuran David Calis: Also damals hatte ich das Gefühl, dass diese Stadt und auch vor allem die Jugendlichen in einer Art Aufbruchstimmung waren. Sie waren extrem politisiert durch die Gezi-Park-Proteste, die sich, ich glaube, im Mai 2013 so entfacht haben, und es war wie so eine Art, wie sagt man, eine Art demokratischer Frühling. Natürlich ist die Türkei immer noch eine Demokratie, aber man hatte das Gefühl, dass auch jetzt die Minderheiten dort eine Stimme bekommen und auch in das Parlament mit einziehen.

Große Sorge um die Menschen in der Türkei

Kassel: Als Sie dann wieder in Deutschland waren und von hier aus den gescheiterten Militärputsch erlebt haben, in den Medien wahrscheinlich, und dann auch gesehen haben, was Erdogan und seine Regierung daraus gemacht haben in den letzten Monaten, wie haben Sie das denn selber aus der Ferne empfunden?

Calis: Also aus der Ferne war ich über den Militärputsch extrem entsetzt und verwirrt, und ich habe mir sehr große Sorgen gemacht um die Menschen dort, zumal ich natürlich aus meiner eigenen Familiengeschichte – meine Eltern sind damals kurz vor dem Militärputsch 1980 nach Deutschland gekommen. Aber als der dann nicht vollzogen wurde, der Militärputsch, sondern abgewendet wurde, war ich zunächst sehr, sehr froh drüber, dass nicht eine Militärdiktatur wieder in der Türkei Fuß gefasst hat.

Kassel: Die Menschen aus Köln, aus der Keupstraße wieder und der Umgebung, mit denen Sie jetzt für dieses neue Stück "Istanbul" zusammengearbeitet haben, wie blicken die denn jetzt im Frühling 2017 auf diese Stadt, auf Istanbul, von Köln aus?

Calis: Meine Mitspieler auf der Bühne sind extrem politisiert durch die Ereignisse in der Türkei. Sie sind alle betroffen, sei es selber oder sei es durch Freunde oder Familienmitglieder, die sich auf die eine oder auf die andere Seite schlagen.

Und ihnen ist auch aufgefallen, dass der, sagen wir mal, wenn man jetzt die Hintermänner und Hinterfrauen des Putsches suchen würde, am eigenen Leib haben sie es gespürt, dass der lange Arm des türkischen Staates natürlich auch bis in die Keupstraße gegriffen hat. Und das war gerade natürlich für eine Mitspielerin bei uns, die auch in der "Lücke" mitgemacht hat und auch diese Nagelbombe damals überlebt hat von der NSU, eine schlimme Erfahrung in den letzten Monaten, wie sich das Klima auf der Keupstraße auch verwandelt hat. Sie hat sich immer früher dort als eine Einheit – wir gegen den Rest der Welt und wir haben so viel durchgemacht … das hat komplett umgeschlagen.

Befürworter und Gegner gemeinsam auf der Bühne

Es ging jetzt los mit den gegenseitigen Denunzierungen der Befürworter des Putsches oder Gegner des Putsches oder für Erdogan und die AKP oder gegen Erdogan und die AKP, für Gülen und gegen Gülen, also der ganze Riss geht auch sozusagen durch die Schauspieltruppe und die Spielertruppe, die diesen Abend "Istanbul" gestalten.

Kassel: Hatten Sie auch mit Leuten zu tun im Vorfeld dieser Premiere, mit denen Sie gesprochen haben, die dann aber gesagt haben, ich möchte da nicht mitmachen, ich möchte nicht gerade als Erdogan-Kritiker öffentlich auf einer Bühne in meiner Heimatstadt meine Meinung sagen, Leute, die sich das gar nicht mehr trauen, gab's die auch?

Calis: Die gab's auch. Das Klima hat sich insofern verändert, als wir damals 2014 in diese Straße gegangen sind. Mit dem Schauspiel Köln sind wir eigentlich mit dem Thema der NSU in jede offene Tür … die wurden uns einfach geöffnet, und alle haben nur darauf gewartet, über dieses schwere Schicksal der Rechtsradikalen zu sprechen, was auf sie hereingefallen ist. Aber bei diesem Projekt war es anders.

Wir haben eine ganz große Angst gespürt in der Straße, was auch verständlich ist. Das sind Geschäftsleute, die wollen ihren Frieden und ihre Arbeit machen. Da war der einzige Zugang meine Truppe, mit der ich auch im Schauspiel Köln seit drei Jahren zusammenarbeite, die waren offen, hatten aber auch Angst, aber, ich sag mal, der Mut und die Verbundenheit zum Schauspiel Köln und auch zu uns, zu unserer Arbeit war so groß, dass wir wirklich einen Abend auf die Beine stellen konnten, an dem man kein Blatt vor den Mund nehmen muss.

"Eine relativ explosive Mischung"

Kassel: Aber stehen denn nun in "Istanbul", in dieser Inszenierung, auch, na ja, glühende Erdogan-Anhänger bei Ihnen auf der Bühne?

Calis: Ich würde jetzt nicht direkt sagen … na, okay, dann sag ich vielleicht ja, es gibt auch Personen, die voll dahinterstehen, was Erdogan sagt, und es gibt aber auch Personen, die voll dahinterstehen, was er nicht sagt, und auch mit der eigenen Meinung auf Konfrontationskurs gehen.

Also, es ist eine relativ explosive Mischung von vornherein gewesen, aber die Prämisse lautete, sich gegenseitig zuzuhören, wie sagt man, von Angesicht zu Angesicht, Face to Face, dass man einen Weg miteinander findet, die Meinung des anderen auch auszuhalten und zu gucken, wohin eigentlich so die gemeinsame Reise mit uns und Deutschland und Europa und auch den Türken untereinander und den Deutschtürken weitergehen könnte.

Kassel: Aber ich stelle mir das, Herr Calis, wirklich sehr, sehr schwierig vor. Wenn ich mir zum Beispiel bei den Proben Menschen vorstelle, die, sagen wir mal, die Meinung vertreten, Erdogan macht die moderne Türkei kaputt, und die stehen auf der Bühne mit Menschen, die sagen, Erdogan ist für mich der große Held und schafft eine wunderbare neue Türkei – kann man sich bei solchen Meinungsverschiedenheiten tatsächlich noch gegenseitig respektieren?

Theaterraum für Utopien

Calis: Das ist die oberste Prämisse dieses Abends. Wenn der nicht zustande kommt, zerbricht er natürlich, der Abend. Aber ich muss Ihnen sagen, es war sehr kontrovers und auch sehr, sehr konfliktreich, diese Probenzeit, konfliktreicher, als ich mir das vorgestellt habe. Aber ich muss ein großes Lob und Anerkennung an alle Mitspieler haben, dass sie verstehen, dass sie diesen Weg auch gemeinsam gehen müssen.

Und ich spüre auch in ihnen eine ganz große Sehnsucht nach Versöhnung, wo man an verschiedenen Polen des Universums sich befindet, sind wir dann doch ein Kosmos, den wir dann auch gemeinsam miteinander gestalten müssen. Das ist natürlich nur möglich wahrscheinlich in einem Theaterraum, in dem man Utopien verhandeln kann oder nicht verhandeln kann oder denen dabei zusehen kann, wie sie gelingen, oder zusehen kann, wie sie scheitern. Und das ist halt das Angebot, was das Theater machen kann, indem man die ganzen Konfliktlinien der Welt aufeinander aufprallen lässt in dem Raum.

Kassel: Haben Sie selber eine Antwort gefunden auf die Frage und geben Sie den Zuschauern eine Antwort auf die Frage, warum so viele Türken, die zum Teil schon sehr, sehr lange in Deutschland leben, mitten in einer funktionierenden Demokratie, bei dem Verfassungsreferendum mit abgestimmt haben und dafür gestimmt haben, die Demokratie in der Türkei teilweise abzuschaffen?

Votum beim Referendum "emotional" nachvollziehbar

Calis: Also ich sag mal, unter logischen, aufklärerischen Gesichtspunkten ist diese Handlungsweise nicht zu verstehen, und diesen Graben, den machen wir sichtbar an dem Abend, oder diesen Riss. Aber unter emotionalen, menschlichen Gesichtspunkten, die vielleicht über einen Aufklärungsgedanken hinausgehen, sind sie sehr, sehr gut nachvollziehbar, und das versucht dieser Abend auch hervorzuheben.

Kassel: Sagt der Regisseur und Theaterautor Nuran David Calis. Das Gespräch mit ihm hab ich gestern Abend aufgezeichnet. Morgen Abend ist im Schauspiel Köln, im Depot 2 des Schauspiel Köln, die Premiere seines neuen Stücks "Istanbul", über das wir gerade gesprochen haben. Diese Premiere und auch die nächste Vorstellung am Dienstag sind beide schon völlig ausverkauft, aber es gibt noch Karten für die Vorstellungen danach, und das Stück wird regelmäßig aufgeführt, erst mal bis zum 1. Juli.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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