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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 08.07.2016

Israels erster Hightech-KindergartenRoboter im Kindergarten

Von Lissy Kaufmann

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Ein Kind spricht mit einem Computer, während es selbst einen Pappkarton auf dem Kopf trägt, in dessen Front ein Gesicht geschnitten ist.  (imago/ITAR-TASS)
Israel ist stark in Sachen Hightech. Nun soll der Nachwuchs noch mehr gefördert werden - mit dem ersten Hightech-Kindergarten des Landes. (imago/ITAR-TASS)

Kein Land hat so viele Start-ups gemessen an der Einwohnerzahl wie Israel. In Technik sind die Israelis stark. Nun geht es an den Nachwuchs. Im ersten Hightech-Kindergarten soll das Interesse an Naturwissenschaften gefördert werden. Das Interesse ist groß.

Im Kindergarten "Yanshuf" in der Wüstenstadt Beerscheba zeigt die Erzieherin Inbal Azulay den Kindern einen selbst gebastelten, bunt bemalten Kreisel. Die fünf Kinder, die um den kniehohen Tisch auf kleinen Stühlen um sie herumsitzen, zählen die Farben auf. Dann schauen sie gespannt, wie Inbal Azulay den Kreisel dreht.

"Was passiert mit den Farben?", fragt sie. "Sie werden weiß", antworten die Kinder. Denn wenn sich die bunten Streifen schnell drehen, kann das Auge die Farben nicht mehr auseinanderhalten. Das Kreiselspiel ist Teil des naturwissenschaftlichen Curriculums im Kindergarten Yanshuf, dem ersten und bisher einzigen Hightech-Kindergarten Israels. Im September 2015 hat das Programm begonnen. Seither ist Kindergärtnerin Inbal Azulay auch Bio-, Chemie- und Physiklehrerin für die Fünfjährigen:

"Dieses Programm ist einzigartig und spannend. Zunächst geht es um Erfahrungen und Experimente. Für Kinder in höherem Alter ist Wissenschaft oft sehr abstrakt und kompliziert. Aber wenn man sie bereits früh an die Themen heranführt, dann macht es ihnen Spaß. Sie lernen spielerisch, sodass sie, wenn sie älter sind, nicht von Naturwissenschaften abgeschreckt sind. Sie lernen hier Phänomene aus ihrer Welt, die sie interessieren."

Vier Stunden in der Woche lernen die rund 100 Kinder über Kreiselbewegungen und Farbenspiele, bauen kleine Roboter aus Lego-Steinen mit Sensoren zusammen oder probieren an Lichtprojektoren selbst aus, wie sich Formen mal größer, mal kleiner an die Wand projizieren lassen. Die naturwissenschaftlichen Themen werden in den bisherigen Lehrplan integriert, erklärt die pädagogische Leiterin des Projekts, Maya Lugasi Ben Hamo. Sie schaut mehrmals die Woche im Kindergarten vorbei:

"Wir verbinden den Lehrplan des normalen Kindergartens mit den naturwissenschaftlichen Themen. An Chanukah beispielsweise, wenn wir über das Licht sprechen, dann lernen sie über das Licht. Wir haben verschiedene Tische mit buntem Licht, mit dem sie spielen können. Wir verbinden also die Feiertage mit der Wissenschaft."

Das Lernangebot in der Kita ist freiwillig

Nach der Versuchsrunde mit dem Kreisel schaut sich die fünfjährige Galia den Lichtprojektor an. Er ist auf Bauchhöhe der Kinder fest an der Wand installiert und Teil der neuen Technikausstattung. Andere Kinder spielen mit kleinen Plastikautos und Flugzeugen - wie in jedem anderen Kindergarten auch. Nur, dass über ihnen Poster mit Planeten, Raumschiffen und Astronauten hängen. Das Lernangebot ist freiwillig, betont Maya Lugasi Ben Hamo:

"In erster Linie machen wir den Kindern ein Lernangebot. Sie können dann selbst entscheiden, ob sie mehr lernen möchten, oder ob sie lieber einfach nur spielen, was auch völlig ok ist. Unser Ziel ist es, ihnen eine Möglichkeit zu geben, sich mit verschiedenen naturwissenschaftlichen Themen zu beschäftigen."

Die Idee für das Projekt hatte der Rüstungs- und Technologiekonzern Lockheed Martin. Das Unternehmen will das Interesse an der Luft- und Raumfahrt sowie an Naturwissenschaften wecken. Zusammen mit der Stadt Beerscheba, dem Bildungs- und dem Wissenschaftsministerium sowie der Rashi-Stiftung verwirklichten sie das Projekt. Monica Yadlin, die Leiterin des Amtes für Bildung der Stadt Beerscheba, erklärt, warum der erste Hightech-Kindergarten ausgerechnet hier eröffnet wurde.

"Beerscheba hat sich zur Metropole der Negev-Region entwickelt. Viele junge Menschen eröffnen hier Hightech-Unternehmen, wir haben hier einen großen Hightech-Park, die Stadt entwickelt sich ständig weiter und wird so zur Stadt der Möglichkeiten. Und so will jeder hier seinen Traum verwirklichen."

Ein rein ziviles Projekt, finanziert von einem Rüstungskonzern

Wieviel genau das Projekt kostet, wollen die Verantwortlichen nicht sagen. Viel wichtiger ist es Monica Yadlin zu betonen, dass es sich um ein rein ziviles Bildungsprojekt handelt. Auch, wenn der Projektinitiator, das Unternehmen Lockheed Martin, im Bereich der militärischen Luft- und Raumfahrt arbeitet:

"Lockheed Martin beschäftigt sich nicht mit nur Waffen, es geht auch um die Entwicklung von Flugzeugen und Raumfahrtschiffen, was alles nichts mit Krieg zu tun hat. Das Programm hier ist ein Wissenschaftsprogramm, es geht um Themen wie Astronomie, Biologie, Botanik, Zoologie, Chemie und Physik, von allem ein bisschen."

Noch ist der Kindergarten hier der einzige seiner Art im Land, und Eltern können sich den Platz nicht aussuchen. Verteilt wird je nach Wohnort. Doch das Projekt kommt bei den Kindern und den Eltern schon jetzt so gut an, dass bereits über weitere Hightech-Kindergärten in der Start-up-Nation nachgedacht wird.

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