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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 18.09.2015

Israelischer MilitärsenderDienst am Mikro

Von Thomas Becker

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Die israelische Journalistin Naomi Rabia berichtet für den Militärsender Galei Zahal (Deutschlandradio / Thomas Becker)
Naomi Rabia, israelische Journalistin und Moderatorin von Galei Zahal (Deutschlandradio / Thomas Becker)

Sie wissen, wie man mit dem Gewehr umgeht und auch, wie man ein Mikrofon benutzt: Junge Soldaten, die das Programm von Galei Zahal machen. Der israelische Sender hat hohe Einschaltquoten. Aber wie steht es um die journalistische Unabhängigkeit?

Moderatorin Naomi Rabia sitzt vor dem Mikrofon und informiert gerade über die aktuelle Verkehrslage. Sie ist routiniert, seit Jahren macht sie den Job. Bekannt wurde sie durch "Mother's Voice", eine Sendung, die aus der Perspektive von Müttern über israelische Soldaten berichtet.

"We send out a car with people [...] Wir fahren mit dem Übertragungswagen zu ihren Militärlagern und berichten über alles, was dort passiert. Das ist ein Teil der Sendung. Und dann gibt es mindestens zwei Mütter, die interessante Geschichten zu erzählen haben. Mütter von Soldaten, und ich interviewe sie. Wissen Sie, jede Mutter mag es, mit den eigenen Kindern anzugeben. Und wir bieten ihnen eine Plattform, das in ganz Israel zu tun. [...] And we give them a platform to do that nationwide."

Eingangsbereich des Militärsenders Galei Zahal im israelischen Jaffa (Deutschlandradio / Thomas Becker)Eingangsbereich des Militärsenders Galei Zahal (Deutschlandradio / Thomas Becker)

"Mother's Voice" ist mittlerweile ein Klassiker im Programm von Galei Zahal. Der vom Militär finanzierte Sender wurde 1950 unter Präsident Ben Gurion gegründet und sendet rund um die Uhr Diskussionen, Beiträgen, Interviews, Nachrichten und Musik. Der Sender gilt als seriös und erzielt eine hohe Quote: Rund 25 Prozent aller Radiohörer schalten täglich Galei Zahal ein. Aber wie frei dürfen Journalisten hier eigentlich berichten?

"We are bound by censorship. Our restriction as a radio station that belongs to the army is much more severe than other... Wir sind eng an die Zensur gebunden. Unsere Auflagen als eine Radiostation, die dem Militär gehört, sind sehr viel schärfer als andere."

Noch bevor Naomi Rabia den Satz beendet, hält sie einen Moment inne und sucht Blickkontakt zu Programmmacherin Inbal Gazit, die mit dem Kopf schüttelt. Die Bedingungen für Journalisten seien in Israel eigentlich für alle gleich, sagt sie. Wann immer das Militär oder Sicherheitsfragen berichtet würde, sei die nationale Zensurbehörde zu informieren.

For example, if there is some kind of an operation or something that goes on in the army. [...] Zum Beispiel, wenn es eine geheime Militäroperation gibt oder sonstwas in der Armee vorgeht, ist es uns nicht gestattet, darüber zu berichten. Aber andere Radiosender dürfen das auch nicht. Nur: Wir halten uns mehr daran. Wir brechen die Zensur nicht, wenn ein privater Sender das manchmal vielleicht tun würde. Aber dann müssen sie auch Strafe bezahlen. [...] But then they will be fined."

Naomi Rabia: "Yeah. That's what I was ment by saying we are more bound by censorship. [...] Ja. Das meinte ich damit, als ich sagte: Wir sind mehr an die Zensur gebunden. Uns wir mehr auf die Finger geguckt. Wir werden mehr überwacht als jedes andere Medium. [...] We are under heavier scrutiny than any the other media."

In Sachen Pressefreiheit bekommt Israel keine guten Noten

Internationalen Beobachtern ist gerade die Militärzensur ein Dorn im Auge. Laut einer Untersuchung der Organisation "Reporter ohne Grenzen" belegt Israel in puncto Pressefreiheit aktuell nur Platz 96 von 180 Ländern. Yaron Dekel, Chefredakteur von Galei Zahal, meint, dass Kritik in seinem Sender aber durchaus vorkomme – auch am Militär, erzählt er beim Mittagessen in der Kantine:

"I get phonecalls from time to time from different people who are upset. [...]  Ich bekomme von Zeit zu Zeit Anrufe von unterschiedlichen Leuten, die sich beschweren. Und ich bin stolz darauf. Denn wenn sich niemand beschwert, sind wir bedeutungslos. Die Hauptsache ist aber: Niemand kann uns sagen, dass wir dieses oder jenes senden müssen. [...] But the bottom line is: No one could say, you have to put on air this and not that."

Der Sender sei gerade deswegen so beliebt, weil in ihm ausgewogen, objektiv und neutral berichtet werde. Hörern würden möglichst mehrere Meinungen zu einem Thema präsentiert.

"My job is to cover issues, to give the truth, to let people know what's going on. [...] Meine Job ist es, über Themen zu berichten, die Wahrheit zu präsentieren und Leute wissen zu lassen, was passiert. Und dazu die Analyse, um die Nachrichten einzuordnen, damit man sie auch verdauen kann. Meine Politik ist die Pressefreiheit, und die Freiheit des Journalisten, wenn er gerade auf Sendung ist. [...] My policy is freedom of the press, including freedom of the journalist on air."

Die israelische Radio-Journalistin Naomi Rabia bei der Arbeit. Die junge Frau arbeitet für den israelischen Militärsender Galei Zalah in Jaffa. (Deutschlandradio / Thomas Becker)Die israelische Radio-Journalistin Naomi Rabia bei der Arbeit (Deutschlandradio / Thomas Becker)

So wenig wie möglich kommentieren, dafür so sachlich wie möglich berichten – so lautet das Credo von Yaron Dekel. Programmmacherin Inbal Gazit ist seiner Meinung.

"When I am reporter, a cultural reporter, I won't critizize a show. [...] Wenn ich eine Reporterin, eine Kulturreporterin bin, dann kritisiere ich keine Show. Meine Aufgabe ist zu berichten, dass sie stattgefunden hat. Wenn das Publikum denkt, dass die Show schrecklich war, ist das in Ordnung. Dann nehme ich das auf und kann es senden. Aber ich kann als Reporter keinen eigenen Standpunkt haben. [...] But I can't have a point of view when I am a reporter."

Reporter haben keine eigene Meinung zu haben

Die Haltung, als Reporter keine eigene Meinung zu vertreten, lernen auch junge Soldaten, wenn sie ihren Militärdienst in Galei Zahal antreten. Aus rund 1.500 Bewerben werden gut 35 Soldaten pro Jahr ausgewählt. Zwei von ihnen unterhalten sich auf dem Flur darüber, was der Dienst am Mikro bewirken kann. Etwa zur Versöhnung im Nahost-Konflikt beitragen? Ist das hier die Aufgabe?

Sheir, eine junge Soldatin, sagt:
"We don't try to work for reconciliation. It's something that we don't actually work for as. - Wir versuchen nicht für Versöhnung einzutreten. Das ist etwas, für das wir wirklich nicht arbeiten."

Und ihre Kameradin Miri ergänzt:
"Specificly as soldiers. - Besonders als Soldaten."

Sheir:
"We cannot. - Das können wir nicht."

Miri:
"It's taking a political stand. We are not allowed to. - Das wäre eine politische Meinung. Die dürfen wir nicht verbreiten."

Sheir:
"We are not allowed to take a politcal stands as soldiers. Not just us. Every soldiers in Israel is not allowed. It's something that soldiers can't talk about in Israel. - Wir dürfen unsere politische Meinung als Soldaten nicht kundtun. Das gilt nicht nur für uns beiden, sondern für alle Soldaten in Israel. Nein, das ist etwas, worüber Soldaten in Israel wirklich nicht reden können."

In der Praxis bewegt beide Soldatinnen weniger die Tatsache, dass sie ihre Meinung zur Politik nicht kundtun dürfen. Sie meinen sich vielmehr dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie den vermeintlich leichten Dienst am Mikro leisten – und nicht an der Front, wie so viele ihrer Freunde.

"A lot of people don't see that as really serving your country. They say that this is really like easy service and it doesn't do any good for the country. That's not true. - Viele Leute sehen das wirklich nicht als Dienst am eigenen Land an. Sie sagen, dass es ein wirklich leichter Dienst wäre und dem Land nichts Gutes tut. Aber das ist nicht wahr."

Miri:
"We are doing our part – as small as it is – to help. We giving whatever we can from ourselves to do so. We are doing it for a greater cause. - Wir tragen unserem Teil bei – so kleiner er auch sein mag – um zu helfen. Wir geben, was wir können, um das zu tun. Wir tun das für eine größere Sache."

Und so passt auch die Sendung "Mother's Voice" ins Profil des Senders. Der Fokus liegt auf Militär. Die Empathie gehört den Soldaten, den Müttern, dem eigenen Land.

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