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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 06.03.2020

Israelisch-iranische Band SistanagilaMit Musik gegen Hass und Gewalt

Von Arkadiusz Luba

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Die Band Sistanagila (Nikolaj Lund)
Die Band Sistanagila: "Für uns war dieses Projekt ein Nein zu Gewalt, ein Nein zum Krieg." (Nikolaj Lund)

Jugendlichen eine Stimme verleihen: Das will das Projekt "Beats and Roots – Musik gegen Gewalt". Die israelisch-iranischen Musiker von "Sistanagila" begleiten das Projekt. Sie wollen für Gewalt sensibilisieren, erzählt Initiator Babak Shafian.

"Sistanagila" hat für das Abschlusskonzert das traditionelle jemenitische Schabbat-Lied "Dror Yikra" als Flamenco arrangiert. Der Liedtext "Freiheit wird verkündet für alle seine Kinder" passte gut als Motto des Konzertabends. Das findet auch der Projektinitiator Babak Shafian:

"Dieses Ensemble ist einfach aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus entstanden. Also vor allem im Angesicht der antisemitischen, antiisraelischen Propaganda der iranischen Regierung. Für uns war dieses Projekt auch einfach ein 'Nein!'. Ein Nein zu Gewalt, ein Nein zum Krieg. Und das ist ja auch das Ziel, was wir mit dem Projekt 'Beats and Roots – Musik gegen Gewalt' verfolgt haben."

Kinder verstehen nicht alles, was um sie herum passiert

Berliner Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse der Reinhardswald-Grundschule und die Jungs des 8. Jahrgangs der Kopernikus-Oberschule setzten sich mit Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Ausgrenzung, Konflikten und Gewalt auseinander.

Schülerinnen der Berliner Reinhardswald-Grundschule im Konzert "Beats and Roots - Musik gegen Gewalt" (Deutschlandradio / Arkadiusz Luba)Schülerinnen der Berliner Reinhardswald-Grundschule im Konzert "Beats and Roots - Musik gegen Gewalt" (Deutschlandradio / Arkadiusz Luba)

Im Vordergrund stand das Empowerment von jungen Menschen als Präventionsmaßnahme. In den beiden Schulen sind Arbeitsgemeinschaften entstanden, in denen die Teilnehmenden gemeinsam über gewaltfreie, soziale Interaktionen nachdachten, erzählt Yuval Halpern, musikalischer Leiter von Sistanagila:

"Man kann einfach so Bewegung machen: alle die gleiche Bewegung, vier unterschiedliche Gruppen oder zwei Gruppen. Wir würden euch ein bisschen zeigen, was passiert, wenn die Band Musik macht und wir mit dieser Band interagieren können."

Die Kinder nehmen in ihrer Umgebung Dinge war, die sie oftmals nicht verstehen können. Sie sehen Dinge im Schulhof und in der Klasse oder wenden zum Beispiel gewaltvolle Sprache an, ohne es zu merken. Und sie sind damit allein. Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment, will dagegen vorgehen:

"Ich glaube, jedes Kind versteht, was Diskriminierung bedeutet – einfach auf der intuitiven Ebene. Jedes Kind kann das nachempfinden und auch sagen, was ihn stört. Aber nicht jedes Kind weiß, wohin damit. Ein Projekt mit Musik gegen Gewalt, das schafft Formen, die ihnen helfen, das was sie empfinden, das was sie wahrnehmen, das was sie fühlen, eben auch sagen zu können, verarbeiten zu können und daraus auch Schlüsse zu ziehen."

Durch Musik das Böse darstellen

So suchten die Kinder in Reflexionsrunden nach neuen Ausdrucksformen. Die Ergebnisse setzten sie in Rap, Gesang, Tanz, Instrumentalband und in szenische Darstellungen um. Dabei diente die Musik als Verständigungs- und Ausdrucksplattform. Superhelden und das Kino haben Fridolin und seine Freunde inspiriert:

"Wir spielen zusammen in einer Band. Und dann wollten wir halt irgendwas zu Gewalt machen. Und dann haben wir uns so eine Art Star-Wars-Musik gemischt, dass es gut klingt: Ein Superheld läuft durch die Straßen, so in der heldenhaften Musik, und dann kommt das Böse, das wird eher dunkler. Und dann kommt wieder der Superheld und vertreibt das Böse."

Die Jungs des 8. Jahrgangs der Kopernikus-Oberschule Berlin erarbeiteten ein Lied, das entschlossen gegen Gewalt auftritt. Dafür, dass sie anfangs nicht viel über Rhythmus und Beats wussten, präsentierten sie es souverän auf der Bühne. Geholfen hat ihr erfahrener Mitschüler Jamil. Er ist 20 und macht dieses Jahr sein Abitur. Durch seine teils aggressiven, doch überwiegend traurigen und emotionalen Songs sucht er nach seiner Art von Freiheit.

"Wir wollten erstmal beweisen, dass Rap ohne Beleidigung, ohne Gewalt auch funktionieren kann. Das war das erste Ziel und das zweite ist: Wir haben versucht, den Text so aufzubauen, dass man sagt: ´OK, es reicht mit der Gewalt, es reicht mit dem Schmerz, es reicht mit den Vorurteilen, mit der Angst. Wir wollen in Frieden leben, in Freiheit leben.` Und diese Musik ist unser Mittel, damit wir frei leben."

Hilfe holen, wenn es darauf ankommt

Vika Kopmane, pädagogische Leiterin des Projekts "Beats and Roots – Musik gegen Gewalt", ging es vor allem darum, empathische Momente bei den Kindern zu wecken:

"Uns ist sehr wichtig, nicht einfach nur alles zu glätten, sondern uns geht es darum, so ein bisschen zu pieksen – und so ein bisschen vielleicht zu hinterfragen, wie fühlte es sich für dich an. Also, dass die Menschen einerseits einen Bezug für sich bekommen, 'ah, ok, es geht hier um mich', aber auf der anderen Seite auch aufzudecken, wo Widerstände sind. Ich hoffe, dass ich den Kindern die Möglichkeit geben konnte, bisschen diese eigene Selbstwirksamkeit für sich zu erleben. Das ist aus meiner Sicht noch vorgestellt zu 'hey, ich will und kann, bin jetzt in der Lage, mich ernsthaft mit Ausgrenzung im weitesten Sinne auseinander zu setzen'."

Nele weiß mittlerweile, was sie zu tun hat, wenn sie mit Gewalt konfrontiert wäre: "Ich würde mir wahrscheinlich Hilfe holen, oder es meinen Freunden mitteilen, damit sie mir helfen."

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