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Weltzeit | Beitrag vom 04.03.2021

Israel und MarokkoDie neue historische Beziehung

Von Benjamin Hammer und Dunja Sadaqi

Die Nationalflaggen Israels und Marokkos werden, zusammen mit dem Wort "Frieden" auf Englisch, Hebräisch und Arabisch auf die Wände der Altstadt von Jerusalem projiziert.   (picture alliance / AP Photo / Maya Alleruzzo)
Im vergangenen Jahr begann die sogenannte Normalisierung mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und dem Sudan - und eine Wiederaufnahme der Beziehungen zu Marokko. (picture alliance / AP Photo / Maya Alleruzzo)

Eine Million Israelis haben marokkanische Wurzeln. Und in Marokko gab es Städte, in denen mehr Juden als Muslime lebten. Nun starten beide Länder diplomatische Beziehungen. Es geht um Frieden, Tourismus, aber auch die umstrittene Westsahara.

Mouhcine Aârouche hat den Eimer voller Wasser gefüllt und stapft über den windigen Friedhof. Mit schnellen Handgriffen und einer orangenen groben Bürste geht Mouhcine Aârouche über die langen rechteckigen Grabsteine. 

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Das älteste Grab ist ungefähr 600 Jahre alt, erzählt der Friedhofswärter. Mouhcine Aârouche ist hier praktisch aufgewachsen - auf dem jüdischen Friedhof in Essaouira - an Marokkos Westküste.

"Ich bin für den Friedhof verantwortlich, für seine Sauberkeit. Ich heiße die Leute hier willkommen. Wenn jemand seine Familie sucht, zeige ich ihm seine Familie. Ich putze das Grab."

Direktflüge zwischen Casablanca und Tel Aviv

Aus Marokko, Kanada, Argentinien oder Israel kommen hier Besucher her - jüdische und nichtjüdische, erzählt Aârouche. Schon bald könnte die Zahl der Besucher aus Israel deutlich steigen, glaubt der Friedhofswächter.

Der alte jüdische Friedhof in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira. Von einer Steinmauer umgeben liegen die alten Gräber. (Dunja Sadaqi)Der Arbeitsplatz von Mouhcine Aârouche: der alte jüdische Friedhof in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira. (Dunja Sadaqi)

Nach den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Sudan, nähert sich Israel nun auch Marokko an, nimmt diplomatische Beziehungen auf. Viele sprechen von einer "Normalisierung". In wenigen Wochen soll es die ersten Direktflüge zwischen Casablanca und Tel Aviv geben.

Zwischen zwei Ländern, die sich in den vergangenen Zeiten einerseits fern waren. Und gleichzeitig sehr nahe. Ein Beispiel dafür ist Mouhcine Aârouche und seine Familie.

Mouhcine Aârouche steht auf dem jüdischen Friedhof in Essaouira. Er trägt ein Basecap und einen Bart. (Dunja Sadaqi)Mouhcine Aârouches Großvater hat mit Juden im jüdischen Viertel Mellah zusammengearbeitet, erzählt der Friedhofswärter. (Dunja Sadaqi)

"Mein Großvater hat mit Juden im jüdischen Viertel Mellah zusammengearbeitet. Sie waren Nachbarn. Dort hat er auch einen Mann kennengelernt, der ihn dann für die Arbeit auf den Friedhof angestellt hat. Bevor sie dann nach Israel gegangen sind, sagte er ihm, er solle sich um den Friedhof kümmern. Das war vor 20 Jahren. Ich bin hier aufgewachsen. Er hat mir gesagt, wem dieses oder jenes Grab gehört. Und das blieb so, bis ich hier arbeitete." 

In Essaouira lebten im 19. Jahrhundert mehr Juden als Muslime

Wie wohl keine andere Stadt Marokkos offenbart die windige Hafenstadt Essaouira die jüdische Geschichte des Landes: Die jüdischen Friedhöfe, die Mellah - das jüdische Viertel, alte Synagogen und heilige Stätten, ein frisch eröffnetes Begegnungszentrum.

Im nordafrikanischen Marokko lebte einmal die größte jüdische Gemeinde in einem islamisch-geprägten Land. In Essaouira war die jüdisch-marokkanische Bevölkerung im 19. Jahrhundert sogar zahlenmäßig größer als die muslimische.

Das restaurierte Haus der Erinnerungen (Bayt Dakira) in Essaouira ist eine Begegnungsstätte für Juden und Muslime. Die Begrüßungsworte Shalom und Salam sind lesbar. (Dunja Sadaqi)Das restaurierte Haus der Erinnerungen (Bayt Dakira) in Essaouira ist eine Begegnungsstätte für Juden und Muslime. (Dunja Sadaqi)

Wenn man hier mit "Souiris", so heißen die Einheimischen in Essaouira, über diesen Teil der Geschichte ins Gespräch kommt, erinnern sich die Älteren noch an die Zeit, als die jüdischen Nachbar*innen ihre Sachen packten und das Land verließen. So wie Malika Idarouz. Die Marokkanerin ist 60-plus, trägt eine große Brille und ein graues Kopftuch. Die Muslimin ist die gute Seele der Synagoge in Essaouira.

"Ich erinnere mich, als ich klein war, als die Juden gingen und die Stadt Essaouira verlassen haben. Im Industriegebiet standen viele Busse. Sie weinten, die Muslime, die mit ihnen arbeiteten, die Armen - sie weinten. Alle weinten. Sie wollten nicht, dass sie gehen."

Begrüßung im Bayt Dakira - dem Haus der Begegnung in Essaouira - auf Hebräisch und Arabisch mit den Worten Shalom und Salam auf einer Tafel. (Dunja Sadaqi)Zeichen der Annäherung: Begrüßung im Haus der Begegnung in Essaouira auf Hebräisch und Arabisch. (Dunja Sadaqi)

Was Lalla Malika erzählt, hört man in Marokko immer wieder. Die Jahre, in denen die jüdischen Marokkaner*innen gegangen sind, werden bis heute als Tragödie empfunden. Heute leben nur noch etwa 40 jüdische Marokkaner*innen rund um Essaouira. In ganz Marokko sind es insgesamt nur noch wenige tausend. Vor der Staatsgründung Israels waren es noch 270.000 marokkanische Juden.

Arabische Liga 1967: Keine Anerkennung Israels

Tel Aviv im Jahr 1948. Premierminister David Ben Gurion verkündet die Gründung des Staates Israel. Auf den Straßen liegen sich die Menschen in den Armen. Singen Ha-tikvah, die israelische Nationalhymne. Doch die Feierstimmung kann nicht verbergen, dass der junge Staat in der arabischsprachigen Welt völlig isoliert ist. Wenige Stunden nach der Staatsgründung greifen sieben arabische Staaten Israel an. 

In den folgenden Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Kriegen zwischen arabischen Ländern und Israel. Im Sechstagekrieg erobert Israel enorm große Gebiete. Auf einer Sitzung der Arabischen Liga in gleichen Jahr - also 1967 - kommt es zur berühmten Resolution von Khartum. Darin vereinbaren die Anführer von acht arabischen Ländern: "Kein Frieden mit Israel! Keine Anerkennung Israels! Keine Verhandlungen mit Israel!"

Auch Marokko ist damals Teil der Arabischen Liga und steht hinter dem Beschluss, der Israel - zumindest offiziell - von der arabischen Welt völlig isolieren soll. 

Man muss diesen Teil der Geschichte im Hinterkopf haben, um zu verstehen, wie viel es Israelis bedeutet, wenn ihr Land Beziehungen zu einem arabischgeprägten Staat wie Marokko aufnimmt. 

Beziehungen zu arabischem Land sind historisch für Israel

Besuch im israelischen Außenministerium in Jerusalem. Lior Ben-Dor leitet hier die Abteilung für Ägypten und den Maghreb. An der Wand vor seinem Büro hängt eine riesige Landkarte. Sie zeigt das kleine Israel inmitten der großen arabischsprachigen Welt.

Mit den meisten dieser Länder unterhält Israel - auch mehr als 70 Jahre nach der Staatsgründung - keine Beziehungen. Lange Zeit gab es offizielle Kontakte nur mit Ägypten und Jordanien. Im vergangenen Jahr kam aber Bewegung in die Sache. Die sogenannte Normalisierung mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und dem Sudan. Und: Eine Wiederaufnahme der Beziehungen zu Marokko. Hinter dieser Annäherung steht auch der Diplomat Ben-Dor. 

"Wir Israelis freuen uns sehr, wenn wir es schaffen, mit einem unserer arabischen Nachbarn zu reden. Wenn wir eine Hand ausstrecken und uns ebenfalls eine Hand gereicht wird. Wann immer wir Beziehungen zu einem arabischen Land aufnehmen, bedeutet das für uns eine wahrlich historische Veränderung."

Wahrlich historisch ist die Annäherung mit Marokko aber nicht. Denn: Die beiden Länder unterhielten schon einmal diplomatische Beziehungen. Sie begannen in der Zeit der Oslo-Verträge zwischen Israelis und Palästinensern. Anfang der 90er-Jahre war das. Damals waren die Hoffnungen groß.

Doch Marokko beendete die diplomatische Liaison, als die Hoffnungen erschüttert wurden. Während der zweiten Intifada, die vor 21 Jahren begann und zu einer der schwersten Eskalationen im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern führte. Erst jetzt nähern sich Israel und Marokko wieder an.

"Ohne Zweifel ist Marokko ein arabisches Land. Es gehört aber nicht zu jenen Ländern, die in einer direkten Konfrontation mit Israel standen. Das macht das Verhältnis einzigartig. Wir haben wirklich das Gefühl, dass unser Verhältnis mit den Marokkanern sehr natürlich ist. Wann immer wir mit ihnen reden wird deutlich, dass wir keine Narben voneinander haben."

König erkennt jüdisches Erbe Marokkos offiziell an

Begünstigt wird dieses "natürliche Verhältnis" sicher durch die lange jüdische Geschichte im nordafrikanischen Königreich. Zu ihr gehört auch Fanny Mergui, jüdische Marokkanerin aus der Wirtschaftsmetropole Casablanca im Nordwesten des Landes. Hier lebt heute die größte jüdische Gemeinde des Landes. Die 77-jährige Fanny Mergui ist stolz jüdische Marokkanerin zu sein, sagt sie.

"Mein Familienname ist Mergui - das kommt vom arabischen Wort ‘Maräg’ und bedeutet, der, der aus der Prärie stammt. Wir kommen von hier. Die Seite meines Vaters und meiner Mutter: alles Einheimische. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung in Marokko ist 1492 aus Spanien gekommen - nach der Vertreibung durch die Katholischen Kirche. Aber meine Familie lebt in Marokko seit eh und je."

Die Geschichte der Juden in Marokko reicht fast 2000 Jahre zurück - von den Römern bis hin zur Vertreibung und Inquisition in Spanien im 15. Jahrhundert. Unter den Sultanen in Marokko erhielt die jüdische Bevölkerung gegen die Zahlung einer Art Steuer einen besonderen Schutzstatus, die jüdischen Viertel - die Mellah - findet man auch heute noch in der Nähe der alten Paläste wieder, in den sogenannten Königsstädten wie Fes, Marrakesch oder Rabat.

Das besondere Verhältnis zur Monarchie bleibt bis heute in Marokko bestehen. Seit den politischen Unruhen des sogenannten Arabischen Frühlings ist Marokko sogar noch weiter gegangen - in der neuen Verfassung von 2011 erkennt das Königreich sein jüdisches Erbe offiziell an.

Marokko hat damit als erstes muslimisch-arabisch geprägtes Land die hebräische Sprache und jüdische Kultur als eines von mehreren Mosaikstücken der marokkanischen Identität verankert. Der nächste Schritt ist für Fanny Mergui die Normalisierung mit Israel. Sie selbst hatte Marokko in den 60ern verlassen und war später aus Israel wieder zurückgekehrt.

"Wir haben Marokko mit uns genommen - im Koffer und im Herzen - und jetzt heißt das, dass wir heute anerkannt werden, selbst wenn die Mehrheit von uns gegangen ist und heute in Israel lebt, sind wir durch das marokkanische Volk, die Monarchie und König Mohammed VI anerkannt, die damit unser Recht Marokkaner zu sein wiederherstellen. Denn es war damals keine ausgemachte Sache, dass wir zurückkehren können in ein arabisches Land, das mit Israel im Krieg ist. Glücklicherweise ist heute eine Rückkehr möglich."

Marokko bemüht sich in jüngster Vergangenheit stark um die Wiederbelebung seines jüdischen Erbes. Synagogen, Friedhöfe, jüdische Zentren, die jüdischen Mellah-Viertel - alles wird restauriert und herausgeputzt. In Schulen soll die Geschichte der jüdischen Marokkaner*innen Bestandteil des Lehrplans werden.

Wenn man in Marokko Magazine, Funk und Fernsehen aus den letzten Monaten konsumiert, wirkt es wie eine jüdisch-muslimische Lovestory. Über Probleme und Antisemitismus redet man nicht gerne - auch jüdische Marokkaner*innen nicht. Ein Blick nach Israel zeigt, dass die Geschichte doch etwas komplizierter war.

Marokkanische Juden in Israel

In der Küche von Familie Barsheshet duftet es nach Heimat. Madeleine Barsheshet bereitet eine marokkanische Eierspeise mit Kartoffeln und Petersilie zu. Heimat ist für Madeleine nicht nur die Gegend um Aschkelon im Süden Israels, wo sie seit 1964 lebt. Heimat ist für die 80-Jährige weiterhin auch die Stadt Essaouira.

An der Wand hängt ein Foto von Madeleines Großfamilie. Vor der Corona-Pandemie besuchten sie Marokko und feierten dort die Bat Mitzvah einer Enkeltochter. Auf dem Foto tragen sie traditionelle marokkanische Gewänder. 

"Ich bin jetzt seit über 50 Jahren hier. Israel ist mein Zuhause geworden. Aber Marokko ist das auch. Als ich im letzten Jahr dort war, habe ich mein früheres Elternhaus besucht. Es war ein großes Wohnhaus und wurde dann verkauft. Jetzt ist es ein Hotel. Als wir kamen, ließ mich der Besitzer das ganze Hotel ansehen, jedes einzelne Zimmer bis zum Dach. Er sagte mir, dass es mein Zuhause bleiben wird und ich immer willkommen sei."

Madeleine Barsheshets Erinnerungen an die alte Heimat sind positiv. Heute sprechen die Barsheshets einen judäo-arabischen Dialekt, Hebräisch, und viel Französisch. Madeleines Familie ging Mitte der 60er-Jahre von Essaouira nach Israel. Und damit vergleichsweise spät. 

"Nach und nach verließen die Juden unsere Stadt und wanderten aus. Irgendwann waren kaum noch Juden übrig in dieser Stadt, in der sie mal die Mehrheit gestellt hatten. Meinen Eltern blieb keine andere Wahl."

In ihrer neuen Heimat Israel lernte Madeleine ihren Mann kennen. Auch er stammt aus Marokko: Josef Barsheshet ist 85 Jahre alt. Er ist ein gläubiger Jude und trägt eine Kippa auf dem Kopf. Josef wuchs in Safi auf. Einer marokkanischen Großstadt an der Atlantikküste. Bei ihm sind die Erfahrungen und Erinnerungen nicht nur positiv.

Wegen Gewalt und Pogromen verlassen Juden Marokko

"Wir hatten nie vor, nach Israel auszuwandern bis zum 20. August 1955. An jenem Tag gab es Aufstände. Alle Juden der Stadt suchten sich ein Versteck, oder verschanzten sich bei ihren Familien. Hauptsache weit weg von den Arabern. Dann hörten wir, dass die Araber einen Laden, der Juden gehörte, in Brand gesetzt haben. Es wurde schlimmer und die Juden wollten nicht mehr bleiben. Viele sprachen ab diesem Moment davon, nach Israel auszuwandern." 

Über die Gewalt und vereinzelt auch Pogrome sprechen in diesen Wochen weder die israelische noch die marokkanische Regierung. Daniel Zisenwine kann sich da deutlich freier ausdrücken. Er ist Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Sein Spezialgebiet: Marokko. 

"Die marokkanische Regierung und der König verbreiten aktuell die Erzählung, dass Marokko ein multikulturelles Königreich ist, das alle Religionen willkommen heißt. Wenn wir aber in die Vergangenheit schauen, dann wird deutlich, dass es nicht immer eine sanfte Reise war für Juden in Marokko. Über die Jahrhunderte wurden sie sicherlich nicht so sehr verfolgt, wie in Europa. Aber es gab Maßnahmen gegen die Juden und vereinzelt Gewalt."

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Auch die ersten Jahre in Israel waren eine schwierige Zeit für viele marokkanische Juden. Weil sehr viele Einwanderer und Flüchtlinge aus der arabischsprachigen Welt nach Israel kamen, war das Land überfordert. Die Lebensbedingungen der "Misrachim", wie die orientalischen Juden genannt werden, waren katastrophal. Josef Barsheshets Vater hatte in Marokko einen kleinen Laden betrieben, der gut lief. In Israel wurde er zunächst einmal zum Straßenfeger. 

"Wir lebten in einer Blechhütte. Die ganze Familie war in dieser Hütte und die Toiletten waren draußen. Manchmal sahen wir dort Ratten und Mäuse. In Marokko ging es uns gut. Aber als wir nach Israel kamen, zogen wir einen Schlussstrich. Israel war immer unser Traum, auch als wir es damals noch nicht wussten."

Arbeiten Geheimdienste schon seit Jahrzehnten zusammen?

Drei Generationen sind im Wohnzimmer der Familie Barsheshet zusammengekommen. Madeleine und Josef - die aus Marokko in den jungen Staat Israel kamen. Ihr Sohn Yoel. Und ihre Enkeltochter Reut. Damit gehören sie zu den insgesamt eine Million Israelis, die aus Marokko stammen. Jede und jeder neunte Israeli hat also einen Bezug zu dem Land in Nordafrika. Die meisten - so wie die 15-jährige Enkeltochter Reut - kennen Marokko nur von touristischen Reisen. Die Verbindung zur Heimat ihrer Eltern und Großeltern ist aber groß. 

"Überall wo ich hingehe, sage ich aus welcher ethnischen Gruppe ich stamme. Ich bin total stolz drauf und es verbindet mich mit meinen Wurzeln. Ich versuche mit Hilfe des Essens eine Verbindung aufzubauen."

Familie Barsheshet lebt im Süden Israels - die Großeltern stammen aus Marokko. Daneben stehen Sohn und Enkeltochter.. (Benjamin Hammer)Familie Barsheshet lebt im Süden Israels, die Großeltern stammen aus Marokko. (Benjamin Hammer)

Ihr Vater Yoel freut sich über die politische Annäherung. 

"Die Normalisierung hat mich nicht überrascht. Sie war zu erwarten. Wir wussten auch, dass inoffiziell viele Dinge bereits vor sich gingen. In Marokko durfte es nur nicht veröffentlicht werden."

Inoffiziell. Da sagt der Israeli was. Abseits der offenen diplomatischen Bühne gibt es seit Jahrzehnten sehr enge Beziehungen. Auch bei den Geheimdiensten. Einmal soll Marokko es dem israelischen Mossad sogar erlaubt haben, an einem Gipfel der Arabischen Liga in Casablanca - nun ja - "teilzunehmen". Der Mossad - so die nicht bestätigte aber viel verbreitete Geschichte - durfte den Tagungsort kurzerhand verwanzen. Und die arabischen Vertreter aushorchen.

Im Gegenzug, sagen Geheimdienst-Expert*innen, unterstützten die israelischen Spion*innen den marokkanischen König, wenn es um unliebsame Oppositionelle ging. 

Diese Art der israelisch-marokkanischen Zusammenarbeit - so viel steht fest - wird weiterhin im Verborgenen stattfinden. 

Hoffnungen auf israelische Geschäftsreisende

Absolut kein Geheimnis ist hingegen das große Interesse der marokkanischen Regierung an israelischen Reisenden. Das wird vor allem in Henri Abikzers Büro in der Hauptstadt Rabat deutlich. Der jüdische Marokkaner freut sich auch auf Geschäftsreisende aus Israel. 

"Das wird enorm helfen: für die Landwirtschaft, die Wassernutzung, die Gesundheit, High-Tech. Das wird eine Win-Win Situation."

Hinter Henri Abikzers Schreibtisch hängt ein großes Porträt des marokkanischen Königs Mohammed VI. Abikzer ist der Präsident der jüdischen Gemeinde in Rabat, er ist bekannt über die Stadtgrenzen hinaus. Der 70-Jährige ist ein Businessman, besitzt ein großes Autohaus und arbeitet seit über 40 Jahren in der Tourismusbranche mit seiner eigenen Reiseagentur.

Man könnte sagen, Henri Abikzer sitzt auf glühenden Kohlen, kann es kaum abwarten, bis die Corona-Pandemie es erlaubt, dass sich die ersten Flieger zwischen Rabat und Tel Aviv in die Lüfte erheben. Erst im Dezember sei er noch in Israel gewesen - für die Bar Mizwa seines Enkels, erzählt er. Und zur Vorbereitung.

"Ich habe Anfragen für 2000 Personen, die nach Israel reisen wollen. Hotel, Ausflüge, alles inklusive, sie wollen ein Package - und alles hier in Marokko zahlen."

Geschäftsmann Henri Abikzer hofft auf Tourismus aus und nach Israel. Er hat graue Haare und lächelt. (Dunja Sadaqi)Geschäftsmann Henri Abikzer hofft auf Tourismus aus und nach Israel. (Dunja Sadaqi)

Das Interesse Israel zu besuchen, sei gerade nach Bekanntwerden der Normalisierung im Dezember enorm, sagt Abikzer. Gleichzeitig rechnet der Geschäftsmann mit vielen israelischen Reisenden. Erleichtert werden sollen die Besuche durch die Direktflüge. Und eine einfachere Visavergabe. 

"Die Israelis sind sehr neugierig und reisen viel. 76.000 Israelis waren im Dezember im Urlaub in Dubai. Machen sie sich diese Zahlen mal bewusst."

Marokkos Ziel: 200.000 Besucher aus Israel pro Jahr

Sagt der Reiseagentur-Chef und schnippt mit den Fingern. Er hofft - ähnlich wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten - dass auch in Marokko nach der Normalisierung die Zahl der israelischen Tourist*innen stark ansteigt. Die Umsetzung plant gerade Marokkos Tourismusministerin Nadia Fettah Allaoui, wie sie im israelischen Fernsehen erzählte.

"Die israelischen sowie marokkanischen Fluggesellschaften fragen alle nach zwei bis vier Flügen pro Woche. Wir werden diskutieren und sehen, was am praktischsten am Anfang sein wird. Wir würden in einer ersten Etappe gerne mindestens von 50.000 Besuchern pro Jahr auf 200.000 Besucher kommen."

Ob Israelis auch eingeladen seien, die Westsahara zu besuchen, fragt der israelische Journalist am Ende des Interviews. Ja, lächelt die Ministerin, und empfiehlt den Ort Dakhla als Windsurf-Paradies. Aber hinter dieser Frage, steckt viel mehr als Tourismus.

Dem Königshaus geht es um die Westsahara

Alle Staaten, die unter Vermittlung der US-Regierung unter Donald Trump ihre Beziehungen zu Israel normalisierten, bekamen dafür etwas aus dem Weißen Haus. Die Vereinigten Arabischen Emirate etwa, erhielten von der US-Regierung die Aussicht auf die Lieferung der modernsten US-Kampfjets. Und bei Marokko geht es laut dem Jerusalemer Historiker Daniel Zisenwine um die Westsahara.

"Was hat König Mohammed VI dazu gebracht, sich Israel gerade jetzt anzunähern? Ich sage es mit einem Wort: Westsahara. Die USA haben die Souveränität Marokkos über die Westsahara anerkannt. Das ist für Marokko ein so großer Durchbruch, dass sie dafür akzeptieren, mit Israel die Beziehungen wieder aufzunehmen."

Die Westsahara ist ein rotes Tuch in Marokko. Seit 1975 kontrolliert das Königshaus das Gebiet nach dem Abzug der Kolonialmacht Spanien. Die dort vorherrschende Ethnie der Sahrauis fordert seit Jahrzehnten das zugesagte Referendum über ihre Unabhängigkeit. Die Befreiungsfront Frente Polisario kämpfte auch mit Gewalt für die Eigenständigkeit.

Marokkos Königreich zählt das rohstoffreiche Gebiet an der Atlantikküste zu seinem Staatsgebiet und sucht dafür nach internationaler Anerkennung. Aber bislang haben nur kleine Länder Vertretungen in der Westsahara eröffnet. Mit den Vereinigten Staaten gewinnt Marokkos Interesse an der Region mehr Gewicht. Expert*innen sagen, für Marokko ist der Israel-Westsahara-Deal ein starker Coup - auch wenn man im Königreich selbst bisher leugnet, dass das eine mit dem anderen errungen wurde.

Palästinenser wittern Verrat des Verbündeten Marokko

Auch Israel hat Gebiete besetzt und hofft auf internationale Anerkennung. Bisher gab es da viel Gegenwind aus der Region. Vor etwa 20 Jahren gab die Arabische Liga - und damit auch Marokko - ein Versprechen ab: Eine Normalisierung mit Israel werde es nur geben, wenn Israel die Besatzung des Westjordanlandes beende. Und die Palästinenser einen eigenen, souveränen Staat bekommen. 

Beides ist nicht geschehen. Die Lage ist weit davon entfernt. Marokko nimmt die Beziehungen trotzdem wieder auf. Für die Palästinenser mehr als ein Affront. Sie wittern Verrat durch ihre vermeintlichen arabischen Verbündeten. 

Von dieser Wut ist in Marokko aber nichts zu spüren. Antisemitische Hass-Slogans - wie früher - hörte man auf den Straßen nicht nach der Ankündigung die Beziehungen zu normalisieren. Und auch in den sozialen Netzwerken blieb das Echo verhalten. Ja, manche sprachen vom Verrat an den Palästinensern, aber es gab auch viele Stimmen, die sagten, Marokko solle sich um seine eigenen Probleme kümmern. 

Doch auch wenn man heute nicht gerne über Judenhass in Marokkos Gesellschaft spricht, ist er dennoch verankert, sagt der marokkanische Politikwissenschaftler Rachid Touhtouh.

"Wenn man zu normalen Marokkanern geht - wir haben viele Stereotypen über Israelis und Palästinenser. Israel wird dämonisiert, eine Folge der ideologischen Indoktrinierung von Kindesbeinen an: Israel ist schlecht, alles Jüdische ist schlecht. Und auch im marokkanischen Dialekt sagen wir: Ach bist du jüdisch, um zu sagen, jemand betrügt dich."

Junge Generation in Marokko hat jüdische Facebook-Freunde

Rachid Touhtouh sagt aber auch, die neue Annäherung und der Austausch in Schule und Universität könnte ein wirksames Mittel gegen Antisemitimus sein. Die neue junge marokkanische Generation sei nicht so ideologisch vorbelastet wie die seine, die noch von den Kriegen zwischen Israel und arabischem Nationalismus geprägt sei.

"Wenn du heute junge Leute fragst, Post-Arabischer-Frühling, da ist eine totale Veränderung im Vergleich zu meiner Generation der 70er-, 80er- und 90er-Jahre. Diese neue Generation ist eine digitale, sie haben jüdische Freunde aus Israel auf Facebook und da gab es kein Problem. Ich denke, dass diese Digitalisierung auch viele dieser Generation offener gemacht hat, dass es da andere Möglichkeiten gibt, überall. Und warum sollte man dieser Generation das jetzt verweigern?"

Professor Rachid spricht vor allem vom akademischen Austausch - Partnerschulen, Studenten-Austausch. Diese Brücke zu schlagen, sei gerade durch die große jüdisch-marokkanische Community in Israel möglich. Eine von ihnen versucht das schon seit Jahren - durch Musik.

Jüdisch-marokkanische Sängerin als Brückenbauerin

Neta Elkayam singt auf Darija. Dem arabisch-marokkanischen Dialekt. Es ist die Sprache ihrer Mutter. Und ihrer Großmutter. Die Sprache ihrer zweiten Heimat. 

"Darija ist so etwas wie meine Muttersprache. Meine Mutter wuchs in Casablanca auf, bis sie sieben Jahre alt war. Ich glaube an die Magie von Muttersprachen. Als Israelin erwarten die Menschen von mir nicht, dass ich Darija spreche. Für mich ist das eine politische Aussage und ich bin stolz darauf. Und für mich ist es auch eine Sprache der Zukunft, nicht nur der Vergangenheit."

Elkayam ist eine erfolgreiche Sängerin. Nicht nur in Israel. Sondern vor allem in Marokko.

Dass Israel und Marokko sich nun annähern, löst bei der Frau, die man in Israel als politisch links bezeichnen würde, gemischte Gefühle aus. 

"Dieses Friedensabkommen hat mich – egoistisch betrachtet – zunächst sehr glücklich gemacht. Ich habe daran gedacht, wie viel einfacher es für mich werden wird, nach Marokko zu reisen. Ich dachte an meine marokkanischen Freunde. Dass sie mich nun besuchen können. Dann aber dachte ich an all die Menschen um mich herum, die keine Reisefreiheit genießen."

Die Sängerin meint die Palästinenser, die für Reisen außerhalb des Gazastreifens und des Westjordanlandes eine Genehmigung Israels benötigen.

Neta findet: Alle sollten die Möglichkeit bekommen, ihre einstige Heimat zu besuchen: Palästinenser, aber auch Juden, die aus anderen arabischen Ländern stammen, in die sie weiterhin nicht reisen können. Sobald es möglich ist, will Neta wieder nach Marokko reisen - jetzt erstmals mit einem Direktflug.

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