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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 19.06.2015

Israel Ultraorthodoxe und ihre Start-ups

Von Lissy Kaufmann

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Ein Mann mit großem Hut steht vor einer israelischen Flagge (imago/UPI Photo)
Hightech und religiöse Lebensführung - passt das zusammen? (imago/UPI Photo)

Immer mehr ultraorthodoxe Männer in Israel arbeiten in der Hightech-Branche. Bisher waren weltliche Berufe für sie ein Tabu. Viele widmen sich bis heute dem Studium religiöser Schriften. Doch die Faszination für Hightech ist groß.

Im dritten Stock eines Bürogebäudes in Bnei Brak, einem religiösen Vorort von Tel Aviv, sitzt Yitzik Crombie in seinem Büro. Er ist der Gründer der Hightech-Firma iSale, doch wie ein typischer Start-up Gründer, lässig in Jeans und T-Shirt, sieht er nicht aus: Der 31-Jährige trägt einen Vollbart und Kippa, dunkle Hose, helles Hemd. Yitzik Crombie ist ultraorthodox, wie 70 Prozent seiner Mitarbeiter. Streng religiös zu sein und gleichzeitig in einem der modernsten Berufszweige zu arbeiten - darin sieht er keinen Widerspruch:

"Ich gehe jeden Morgen in die Synagoge und habe abends Religionsunterricht. Am Wochenende verbringe ich die meiste Zeit in der Synagoge. Ich esse nur koscher, meine Söhne gehen in charedische Schulen und haben dort nur Religionsunterricht. Es gibt keinen Konflikt zwischen dem Leben als religiöser Menschen und der Arbeit im Hightech-Sektor. Es heißt ja nirgends, dass wir alle Tag und Nacht nur über das Judentum lernen sollen. Wie eben nur ein paar Leute an den Universitäten forschen, sollen auch nur einige von uns an den Yeshivas bleiben. Die meisten von uns müssen arbeiten, aber eben nach jüdischen Regeln."

Yitzik Crombie ist ein Vorreiter. Immer mehr ultraorthodoxe Männer in Israel arbeiten in der Hightechbranche, wollen gar ein Unternehmen gründen. Bisher waren weltliche Berufe für sie Tabu. Viele widmen sich bis heute dem Studium religiöser Schriften. Auch Yitzik besuchte zunächst die Chabad-Lubavich Yeshiva in New York, wollte Rabbi werden. Doch die Faszination für Computer war zu groß.

"An der Yeshiva durfte ich eigentlich keinen Computer haben. Einmal kam der Leiter in mein Zimmer, ein alter Rabbi mit einem weißen Rauschebart. Er erwischte mich, wie ich an meinem Computer saß und programmiert. Er war wütend. 'Was machst du da?' Ich sagte: 'Ich habe kein Internet! Ich arbeite nur am Computer, ohne Internet!' Dann nahm er nur den Monitor und ging in das Verwaltungsbüro, hielt den Männern den Bildschirm hin und fragte: "Hat dieser Computer Internet?" Also ja. Eigentlich war mir die Arbeit am Computer verboten. Aber ... ich tat es trotzdem."

Er bekam seinen Computer wieder. Mehr noch: Zurück in Israel, studierte er am Technion in Haifa und entwickelte ein Computerprogramm für Verkäufer, das Informationen zu Kunden, Finanzen und Waren bündelt. Daraus wurde sein Start-up iSale. Um andere zu unterstützen, hat Yitzik das Haredische Hightech-Forum mitgegründet. Teilnehmer tauschen sich aus, lernen bei Vorträgen von den Erfolgsgeschichten anderer. Das Forum ist eines von vielen neuen Programmen für die Charedim.

Start-up auf die Beine stellen

Mittwochabend am Jerusalemer College of Technology. Ein duzend Charedim lauschen einem Vortrag über intellektuelles Eigentum. Zwei Mal in der Woche lernen sie hier, wie sie ihr Start-up auf die Beine stellen. Ben Weiner leitet das 24-wöchige Programm Yazam Balev, was soviel heißt wie "Unternehmer im Herzen":

"Eine Reihe von Programmen, wie auch diese Hochschule, haben sich revolutioniert. Hier sind mittlerweile 50 bis 60 Prozent der Studenten Charedim. Das gab es vor fünf, sechs Jahren noch nicht. Das Bildungssystem verändert sich, sie werden nun darauf vorbereitet, einen Beruf zu ergreifen. Und es gibt sogar spezielle Programme für Charedim in Firmen wie Cisco oder Intel."

Dass die charedische Gesellschaft sich wandelt, hat auch mit dem Rückgang der finanziellen Unterstützung vonseiten des Staates zu tun. Und diese ist kein jüdisches, sondern ein Israelisches Phänomen. Eli Adler, einer der Teilnehmer von Yazam balev, weiß das nur zu gut. Er wuchs in England auf. Sein Vater lehrte an einer Universität. Auch Eli studierte und arbeitete. Dass dies in Israel nicht selbstverständlich ist, merkte er, als er vor einigen Jahren Aliyah machte.

"In Israel ist das interessant: An den meisten Orten, an denen ich hier gearbeitet habe – nicht nur in Tel Aviv, auch in Jerusalem – gab es nur wenige charedische Männer im IT-Bereich. Es gibt einige charedische Frauen, aber nur wenige Männer. Aber ich glaube, dass ich generell akzeptiert werde."

Für Eli Adler ist der Kontakt zur modernen, säkularen Hightech Welt in Tel Aviv kein Problem. Doch es gibt Grenzen, sagt Yitzik Crombie von iSale.

"Wenn ich von einem Treffen in Tel Aviv höre, wo man darüber spricht, wie man Investoren findet, und dieses Treffen ist in einer Bar in Tel Aviv – man sitzt bei einem Glas Bier zusammen: Dann werde ich da nicht hingehen. Denn selbst, wenn ich mit den Leuten in Kontakt treten möchte, so will ich das nicht mit ein paar Jungs und Mädels an einer Bar tun. Wir können auch tagsüber im Büro übers Geschäft reden. Gestern war ich bei einem Meeting in Tel Aviv, es ging ums Networken und um soziale Medien. Natürlich gehe ich nach Tel Aviv, ich habe Kontakte. Aber es ist eben rein geschäftlich."

Pünktlich, zuverlässig und tüchtig

Die Menschen hier in Bnei Brak widmen jede Minute Gott. Hier gibt es keine Cafés, in denen man entspannt zusammensitzt. Darin, so glaub Yitzik Crombie, liege die Stärke der charedischen Mitarbeiter. Sie würden nicht am Morgen verkatert im Büro aufkreuzen oder zwischendurch auf Facebook surfen. Sie seien stets pünktlich, zuverlässig und tüchtig. Der Job bliebe aber doch nur ein Job, um die Familie zu ernähren, nicht, um sich selbst zu verwirklichen oder das große Geld zu machen.

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