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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.11.2014

Israel-SachbuchDie Abgründe im Ursprung

Moshe Zuckermann: "Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt"

Von Yael Kupferberg

Eine Grenzmauer in Israel mit Wachturm. (Deutschlandradio/Korrespondenten)
Eine Grenzmauer in Israel mit Wachturm. (Deutschlandradio/Korrespondenten)

Der Historiker Moshe Zuckermann analysiert in "Israels Schicksal" die Strukturlogik im Nahost-Konflikt: Weil der Zionismus einen exklusiv jüdischen Staat verteidige, verstoße er gegen demokratische Prinzipien - und produziere selbst die Gewalt, die er zu bekämpfen versucht.

Der Anlass für den israelischen Waffengang gegen die Hamas im Sommer 2014 - es war die Entführung und der Mord an drei israelischen Jugendlichen, die auf dem Heimweg waren. Ein neuerlicher Krieg entbrannte. Zuckermann:

"Es war die ewige Wiederkehr des zur perfiden Ideologie geronnenen 'Unabwendbaren'. Dass die eigentliche Ursache dieses Gewaltzirkels im Unwillen zum Frieden wurzelt, wurde erst gar nicht zur Sprache gebracht. Darin wussten sich Hamas und Netanjahus Regierungskoalition verschwistert."

Moshe Zuckermann, 1949 in Tel Aviv als Sohn von Shoah-Überlebenden geboren, ist Historiker und profunder Kenner israelischer Politik. Er reflektiert die andauernde Gewalt und ihre "Strukturlogik". Es geht ihm insbesondere darum:

"Israel und seine Bereitschaft zum Frieden. Es geht um das historische Projekt des Zionismus als ideologische Raison d'être Israels. Es geht um die Zukunft des zionistischen Israel. Aber auch um mögliche Abgründe im Ursprung."

Realpolitisch lasse sich der Zionismus nicht halten

Der ideologische Ursprung Israels ist der Zionismus, dem das europäische Nationenkonzept des 19. Jahrhunderts zugrunde liegt. Der Zionismus strebte eine politische Lösung der sogenannten "jüdischen Frage" an und reagierte damit auch auf den erstarkenden Antisemitismus in West- und Osteuropa. Eine sichere und geschützte Heimatstätte für alle Juden zu erschaffen - das setzte sich der Zionismus zum Ziel. Jedoch sei gerade der Zionismus das Hindernis - so Zuckermann - das Israel nicht zur Ruhe kommen lasse. Denn ein realistischer Frieden bedeute das Ende eines exklusiv jüdischen Staates:

"Israel steht vor der historischen Entscheidung zwischen der Zwei-Staaten-Lösung, d. h., der Lösung des Konflikts mit den Palästinensern durch Anerkennung eines von den Palästinensern errichteten souveränen Staates an der Seite Israels, und der Lösung des Konflikts durch die Errichtung eines binationalen Staates, eines Staates also, in dem Juden und Palästinenser als gleichwertige Bürger gemeinsam leben würden. (...) Die Verweigerung der Zwei-Staaten-Lösung bedeutet (...) die Beschleunigung des historischen Endes des zionistischen Projekts."

(Promedia)Buchcover: "Israels Schicksal" von Moshe Zuckermann (Promedia)Realpolitisch lässt sich - laut Zuckermann - der Zionismus nicht halten. Denn dadurch, dass er einen exklusiv jüdischen Staat verteidige, verstoße der Zionismus gegen demokratische Prinzipien und produziere selbst die Gewalt, die er ständig aufs Neue zu bekämpfen versucht.

Zuckermanns Buch ist Teil einer lebendigen Streitkultur, wie sie nur in einer Demokratie denkbar ist. Dennoch zweifelt der Autor angesichts der Besatzung und der damit verbundenen Ideologie an just dieser demokratischen Kultur:

"Wie demokratisch kann ein Land sein, das seit bald fünf Jahrzehnten ein repressives Okkupationsregime unterhält, mit dem es ein anderes Volk brutal unterdrückt, mithin dessen nationale Selbstbestimmung fortwährend verhindert? Welchem Demokratiebegriff hängt man an, wenn man bereit ist, die wesentliche Möglichkeit von Demokratie und Repression überhaupt erst zusammenzudenken? Erweist sich der Demokratiebegriff in einer solchen widersprüchlichen Konstellation nicht zwangsläufig als Ideologie, als bewusste Kaschierung einer Realität, der die Demokratie im genuinen Sinn fundamental zuwiderläuft?"

Bereits der Buchtitel ist dialektisch

Trotz aller berechtigten Kritik an Israel: Zuckermann, Professor für deutsche Geschichte und Philosophie, lehrt und publiziert in Israel ohne Repressionen befürchten zu müssen. Überhaupt: Dass Israel über seine historische und politische Realität kontrovers reflektiert, bezeugen etliche jüngere israelische Publikationen, die sich mit dem Konzept des jüdischen Staates befassen.

Zu nennen sind die Studien des israelischen Historikers Schlomo Sand, des ehemaligen Knesset-Präsidenten Avraham Burg, sowie die Publikation des Meretz-Abgeordneten Jossi Sarid. Auf Deutsch erschienen sind Gershom Gorenbergs "Israel schafft sich ab" und Tamar Amar-Dahls "Das zionistische Israel". Alle Publikationen sind Teil einer diskursiv geführten Kritik am Zionismus, der - so der Tenor - den gewünschten Frieden verhindere. Israel wird also neu gedacht.

Der Band Zuckermanns versammelt bereits publizierte und neuere Texte. Diese bestechen durch ihre ideologiekritische Analyse und ambitionierte Sprache, die in der Tradition Zuckermanns intellektueller Heimat steht: der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers. Ohne philosophische und intellektuelle Kenntnisse bleibt die anspruchsvolle Lektüre bisweilen jedoch unverständlich.

Bereits der Buchtitel ist dialektisch: "Israels Schicksal: Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt". Der in Dialektik geschulte Zuckermann weiß das. "Schicksal" ist ein unhistorischer Begriff, der eine höhere Macht wirken sieht. In Wahrheit gestalten Völker und Gesellschaften ihre Geschichte selbst.

Ein Ende mit schwacher Hoffnung

"Der Zionismus treibt gegenwärtig seinem eigenen Untergang entgegen. Wird das auch das Ende Israels bedeuten? Wohl nicht das des materiell bestehenden Israels - Staaten und Gesellschaften lassen sich ja nicht eben-mal-so abschaffen. Aber das Ende des zionistischen Israels wird dieser Untergang zwangsläufig bedeuten. Ob dies einen nichtzionistischen Neubeginn mit emanzipativem Horizont zeitigen wird oder den langen Weg einer ruchlosen, faschistisch-repressiven Degeneration, kann zurzeit noch nicht vorausgesagt werden. Es wird - wieder einmal! - vom realen Willen der betroffenen historischen Kollektivsubjekte abhängen."

Es ist also noch vieles offen. So gnadenlos die Kritik am falschen Bewusstsein Israels ausfällt - mit schwacher Hoffnung, dass es gut ausgehen könne, beendet Zuckermann seine Publikation. Die Lektüre ist empfehlenswert. Sie entlässt den Leser auch mit der Einsicht, dass der Konflikt im Nahen Osten europäischen Ursprungs ist.

Moshe Zuckermann: Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt
Promedia
208 Seiten, 17,90 Euro (Ebook 14,99 Euro)
ISBN: 978-3853713754

Mehr zum Thema:

Israel - Ärger über hohe Verbraucherpreise
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 07.10.2014)

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