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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 13.02.2015

Israel auf der BerlinaleKämpfer, Freidenker und Flüchtlinge

Von Igal Avidan

Regisseurin Silvina Landsmann beim RadioEins Berlinale-Nighttalk am Rande der 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin. (imago/Seeliger)
Die israelische Regisseurin Silvina Landsmann bei den 65. Internationalen Filmfestspielen Berlin. (imago/Seeliger)

Da braucht es keine Quote: Alle drei Langfilme aus Israel im Berlinale-Programm sind von Frauen gedreht. Und alle drei Regisseurinnen zeigen Perspektiven auf ein Land, die selbst den meisten Israelis unbekannt sein dürften.

Vier Jahre lang arbeitete Mor Loushy an ihrem monumentalen Dokumentarfilm "Censored Voices", Deutsch: zensierte Stimmen. Entstanden ist ein zutiefst bewegender, ja ein erschütternder Film. Ihm zugrunde liegt das Buch "Siach Lochamim", Gespräche mit israelischen Frontsoldaten. Diese sprachen nur wenige Tage nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 ehrlich über ihre persönlichen Erlebnisse und Gefühle. Diese Gespräche und das Buch initiierten der Schriftsteller Amos Oz und der Redakteur Avraham Shapira, beide Kibbutz-Mitglieder. Sie wollten die Trauer der Kibbutz-Kämpfer verstehen, die sie auch im großen Siegesfest nicht überhören konnten. Zwei Drittel der gefallenen Soldaten waren 1967 Kibbutzniks.

Da sie alle im Kibbutz lebten, redeten die Kämpfer ganz offen, manchmal weinten sie. Manche Soldaten sprachen über ihre Angst und Apathie auf dem Schlachtfeld, einige äußerten scharfe Selbstkritik über Menschenrechtsverletzungen im Krieg; andere distanzierten sich von ihren tanzenden Kameraden an der Klagemauer in Jerusalem; einzelne prophezeiten, dass die israelische Besatzung den Hass der Araber vergrößern würde und dass der nächste Krieg mehr Opfer fordern würde.

Als die junge Filmemacherin Mor Loushy das Buch der Soldaten las, traf es sie wie ein Blitz:

"Meine erste Reaktion war ‚wow! Wie war es möglich, dass ich diese anti-militaristischen Stimmen nicht kannte? Denn sie standen im krassen Gegensatz zu dem, was ich in der Schule über den Krieg von 1967 studiert hatte. Mich erstaunte, wie diese Soldaten aufgrund ihrer Erfahrungen auf dem Schlachtfeld bereits 1967 die Zukunft vorhersahen und verstanden, welche Katastrophe Israels Kontrolle über die eroberten Gebiete darstellt. Diese Stimmen der Soldaten sind heute relevanter denn je."

45 Jahre lagen die historischen Tonbänder unter Verschluss. Erst Mor Loushy – eine zierliche Frau mit einem missionarischen Drang und viel Überzeugungskraft – gelang es, durch viel Ausdauer, Zuverlässigkeit und Engagement, Zugang zu diesen Aufnahmen zu erhalten und viele Aussagen zum ersten Mal publik zu machen. Sie suchte weltweit nach Filmaufnahmen aus dem Krieg und fand Bilder, die auch Israelis noch nie gesehen haben, wie die Zerstörung zahlreicher Häuser, die an der Klagemauer angrenzten. Mor Loushy zeigt auch die Soldaten von damals – auch Amos Oz – heute als alte Herren, die schweigend ihren alten Aufnahmen lauschen.

Regisseurin kämpft für eine bessere Zukunft für ihr Heimatland

"Die schwersten Szenen für mich sind die über die Vertreibung der Flüchtlinge, denn es fällt vielen Israelis sehr schwer zu verstehen, dass diese Tragödie die Grundlage des Konfliktes bildet. Auch die Prophezeiung lässt mich nicht los, dass nicht nur ein Krieg, sondern auch das Leben in einem ständigen Konflikt ein Volk zerstören könne.

Mein Film schreit: 'Lasst uns für einen Moment einhalten und über eine bessere Zukunft für unsere Kinder nachdenken. Israel ist mein Zuhause, hier wächst mein kleiner Sohn Michael auf. Ich habe kein anderes Land. Durch die Stimmen der Soldaten kämpfe ich um eine bessere Zukunft in meinem Heimatland'".

Die Familie Ben Zaken lebt in der israelischen Kleinstadt Ashkelon in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung. Der alleinerziehende Shlomi wohnt mit seiner elfjährigen Tochter Ruhi, seinem Bruder Leon und der Mutter in einer engen, schmucklosen Wohnung. Shlomi ist ein liebevoller Vater, aber er schafft es nicht regelmäßig zu arbeiten, schläft tagsüber und kann seine freche, aggressive Tochter Ruhi nicht erziehen, die mit ihm das Bett teilt und dessen Schutz sie sucht, als sie in der Schule gemobbt wird.

Regisseurin Efrat Corem fand in ihrem Debütfilm einen passenden Namen für ihre Heldin:

"'Ruhi' bedeutet auf Hebräisch 'meine Seele' und auf Arabisch 'Geh weg'. Diese beiden Namen sind charakteristisch für die Struktur meines Films, die die Distanz zwischen der Liebe und der Trennung, des Weggehens darstellt.

Ich habe große Angst, Mutter zu werden, weil das eine große Verantwortung verlangt und weil die Liebe zum Kind sehr wichtig ist, aber nicht ausreicht. Einen Film zu machen und Mutter zu werden erfordern jeweils, in eine neue Welt zu wechseln. Anschließend ist man nicht mehr derselbe. Ob mich der Film auf das Elternsein vorbereitete? Vielleicht (lacht), ich hoffe es jedenfalls."

Das Schicksal afrikanischer Flüchtlinge in Israel

Die Familie Ben Zaken ist orientalisch und traditionell. Die Brüder suchen in ihrer Not Rat bei einem Rabbiner. Aber das Mädchen Ruhi, das ihre national-religiöse Schule hasst, will auf keinen Fall in ein religiöses Internat gehen. Regisseurin und Drehbuchautorin Efrat Corem stammt selbst aus einer traditionellen Familie aus Ashkelon:

"Ich bin niemals gegen die Religion. Ich fürchte nur den religiösen Zwang, der mich eingrenzt. Mein Glauben lässt die Kreativität zu. Die Religion wird ein Problem, wenn es institutionalisiert wird. Denn Glauben ist eine Privatangelegenheit und hat mit staatlichen Institutionen nichts gemein."

Israel ist nicht nur die Heimat der Juden weltweit, sondern seit 2007 auch Zufluchtsort für über 50.000 Afrikaner, überwiegend Männer aus Eritrea und Sudan. Weil Sudan in Israel als feindseliger Staat gilt und die UN keine Rückführung illegaler Einwanderer aus Eritrea zulässt, verschärfte Israel das Gesetz, um die Festnahme von Flüchtlingen für drei Jahre zu legalisieren. Die einzige Menschenrechtsorganisation, die sie im Gefängnis besuchen darf ist "Hotline for Refugees and Migrants", die auch humanitäre und politische Hilfe für die Afrikaner in Israel leistet. Die Arbeit dieser Menschenrechtler verfilmte Regisseurin Silvina Landsmann für ihren Dokumentarfilm "Hotline":

"Ich war sehr beeindruckt, solche engagierten Israelis zu beobachten, die sich für die Flüchtlinge einsetzen, weder für Profit noch für politische Macht, sondern nur, weil ihnen diese Menschen so wichtig sind. Ich habe aber die Dreharbeiten im Juni 2012 begonnen, als die Gesetzesveränderung in Kraft trat, wonach Israel sogenannte 'Eindringlinge', die illegal ins Land kommen, mit mindestens drei Jahre Haft bestrafen kann."

"Hotline" begleitet die Menschenrechtler bei der Beratung, auf Besuch in Ämtern, vor Gericht oder in einem Parlamentsausschuss, wo sie die Politiker ständig widersprechen und für ihre Schützlinge kämpfen. Ein Bild bleibt unvergessen: Zwei Frauen tragen eine alte Sofa in ihr Vereinsbüro – für einen verletzten Flüchtling, der eben in Israel eintraf. Er wurde auf der Sinai-Halbinsel monatelang von Beduinen gefoltert, so dass er kaum stehen kann. Eine Israeli bietet ihm an, seine erste warme Mahlzeit zu kaufen. Der Mann bestellt Pasta.

Mehr zum Thema:

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