Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 10.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.10.2011

Islands katholische Kirche

Eine kleine Gemeinde, bevölkert von Migranten

Von Caroline Michel

Podcast abonnieren
Der Dettifoss ist ein gewaltiger Wasserfall im Nordosten Islands. (Jessica Sturmberg)
Der Dettifoss ist ein gewaltiger Wasserfall im Nordosten Islands. (Jessica Sturmberg)

Noch immer glaubt die Hälfte der Isländer an Trolle und Elfen. Harte Konkurrenz für die Kirchen im Land, die sich in ihrer bewegten Geschichte aber durchaus angepasst haben. Die Katholiken stellen dabei nur eine verschwindende Minderheit, von 320.000 Landeseinwohnern gerade mal rund 9000. Die Kirchen werden vor allem von Polen und Philippinos bevölkert, die als Arbeitsmigranten kamen, der Bischof stammt aus der Schweiz.

Sprecher: "Es war das Jahr 1000 nach Christi Geburt. In Norwegen war der Fürst Hakon ermordet worden und Olav Tryggvason war König. Er, der zum 'Sankt Olaf' werden wollte, warf den alten Glauben ab und brachte mit Reden, Zwang und Schwert das Evangelium in sein Königreich und in die westlich liegenden Landen, (nämlich Shetland, die Orkaden und die Faröer.) Als das getan war, schickte er den Sohn des Grafen Wilbaldur aus Sachsenland, einen Mann namens Tangbrand, die Isländer zu bekehren."

Die Geschichte des Christentums in Island ist zum einen bestechend einfach, gleichzeitig aber so eigensinnig wie die Isländer selbst. Gleich zweimal wurde vom Parlament "Althing", dem auch heute noch existierenden Parlament, ein Glaubenswechsel angeordnet: So wurden im Jahr 1000 alle Isländer von einem Tag auf den anderen Christen. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern vor allem, um den Norwegischen König gnädig zu stimmen. Der angesehene Häupling Thorgeier war damals ausgewählt worden, ganz allein die Entscheidung zu treffen: Sollten die Isländer Christen werden – oder nicht?

Sprecher: "Einen ganzen Tag lang lag Thorgeir mit einem Mantel über dem Kopf da, und keiner sprach zu ihm. Am zweiten Tag erhob er sich und ging zum Gesetzesfelsen: 'Wenn wir nicht alle ein und dasselbe Gesetz haben, ist unsere Lage aussichtslos. Wird das Gesetz zerrissen, dann wird der Friede noch mehr zerreißen als bisher. Das dürfen wir nicht geschehen lassen! Vom heutigen Tag an soll der erste Grundsatz unseres Gesetzes sein, dass alle Menschen im Land Christen seien.'"

So heißt es in der Hörbuchfassung der berühmten Saga vom weisen Njáls, die gerade rechtzeitig zur Buchmesse im Hörverlag erschienen ist.

Obwohl es jedermann freigestellt blieb, in seinen eigenen vier Wänden den alten Göttern zu dienen, sollten also alle Isländer getauft werden. Aber die Isländer wären keine Isländer, wenn sie sich nicht auch hier für einen Sonderweg entschieden hätten: Sie weigerten sich, sich im kalten Wasser taufen zu lassen und pilgerten anstatt dessen zu einer rund 50 Kilometer entfernten warmen Quelle, die seitdem "Krosslaug" – Kreuzquelle – heißt. Ganz ähnlich ging es nach der Reformation, als das Althing zum zweiten Mal eine abrupte Kehrwende beschloss: Der evangelisch-lutherische Glauben wurde kurzerhand zur Staatsreligion erklärt.

Peter Bürcher: "Ich hab# Ihnen vorhin erzählt, dass die Isländer von einem Tag auf den anderen Lutheraner werden sollten. Und das nicht verstanden im Grunde genommen. Und deshalb haben sie viel vom Katholizismus behalten und auch in den lutherischen Kirchen können Sie Bilder der Mutter Gottes finden. Und auch in der Feier der Liturgie haben sie die gleichen Gewänder wie die katholischen Priester, fast die gleichen, und zum Beispiel für die Kommunion knien die Lutheraner nieder an der Kommunionbank, um die Kommunion zu empfangen – was man in anderen Ländern nicht unbedingt finden würde."

Außerdem können die Katholiken in evangelischen Kirchen ihre Gottesdienste abhalten, erklärt Peter Bürcher, der katholische Bischof von Reykjavik. Und auch die kleine russisch-othodoxe Gemeinde mit ihren knapp 500 Mitgliedern wird integriert:

Peter Bürcher: "Die haben den ersten Stein ihrer zukünftigen Kirche gelegt, und dafür kam ein hoher Erzbischof aus Moskau gab als Geschenk eine schöne Ikone der Madonna mit dem Kinde. Und im Juni bekam ich einen Anruf vom orthodox-russischen Priester. Und der sagte 'Mit meiner Familie gehe ich jetzt in die Ferien nach Russland, und ich hab ein Anliegen: wir haben diese Ikone bekommen und ich weiß nicht, was ich tun soll, weil ich will diese Ikone nicht allein lassen, die ist wertvoll, aber die ist auch spirituell wertvoll weil die angebetet werden MUSS'. Und dann sagte ich: 'Ja, wir können die schon beherbergen während der Ferienzeit.'"

und so haben die Isländischen Katholiken eben ausnahmsweise einmal eine russisch-orthodoxe Ikone angebetet.

Aber: was bleibt 320.000 Einwohnern, die über eine Fläche von 103 Quadratkilometern verteilt in einem unwirtlichen Land leben, anderes übrig, als zusammenzuhalten? Bischof Peter Bürcher zum Beispiel setzt sich oft ins Auto, um den drei Prozent Katholiken persönliche Besuche abzustatten. Letztes Jahr war er in der Gegend Islands, wo der Anteil am höchsten ist.

Peter Bürcher: "Das heißt, fünf Prozent. Und das war genau auf der Insel Grimsey, nördlich von Akureyri, und da wohnen fünf Polen auf 100 Einwohner: Das macht fünf Prozent."(lacht)

Und es gibt GENAU EINEN gebürtigen Isländer unter den 18 katholischen Priestern: Den 68-jährigen Hjalti Thorkelsson, der eigentlich lieber seinen Ruhestand genießen würde:

Hjalti Thorkelsson: "Also ich weiß natürlich: Ich könnte mit 70 Jahren mich zurückziehen, ich muss es tun mit 75 Jahren, aber ich werde mal sehen, wie die Situation ist. Ich weiß: wenn ich mich jetzt zurückziehen würde, dann bringt das große Schwierigkeiten für den Bischof, denn er hat keinen anderen, den er hierher schicken könnte."

Solange der Bischof keinen Nachfolger für Hjalti findet, ruhen also alle Hoffnungen ruhen also auf engagierten Ausländern, die vielleicht überredet werden könnten, in Island zu arbeiten. Und auf dem studentischen Nachwuchs:

Hjalti Thorkelsson: "Im Moment gibt es einen, der studiert in Rom. Und ich habe gehört, dass ein zweiter im Herbst beabsichtigt, anzufangen."

Sehr ambitioniert, denn Isländer, die zum Katholizismus konvertieren, gibt es nach wie vor nur selten:

Hjalti Thorkelsson: "Sehr wenige. Zum Beispiel sagen wir mal letzten Sonntag: Da war ein isländischer Katholik, ein paar isländische Männer, die mit philippinischen Frauen verheiratet sind – aber sind Nicht-Katholiken, die kommen dann mit ihrer Familie in die Kirche – die meisten Kirchenbesucher hier sind Philippinos. Einige paar Polen, aber die kommen meistens nur, wenn die Messe auf polnisch ist."

Stykkisholmur, ein abgelegener Ort auf einer Halbinsel im Nordwesten Islands. Der Polizeichef sucht Hilfe für die Kranken seines Bezirks. Er bittet einen Kaufmann um Hilfe, der wiederum den Bischof in Reykjavik fragt. Der schickt vier Ordensschwestern, die hier ein Krankenhaus aufbauen. Das war 1929.

Jetzt wiederholt sich die Geschichte: Vor gut zwei Jahren kamen auf Geheiß des heutigen Bischofs drei junge "Blaue Schwestern" aus Argentinien, die jetzt zusammen mit einem englischen Priester die Tradition der Franziskanerschwestern in Stykkisholmur fortsetzen.

Maria Reina de los Cielos: "Ich wusste nichts über Island. Ich habe in der Schule gelernt, die Hauptstadt heißt 'Reykjavik' – das war all mein Wissen über Island."

Neben dem Gebet widmen sich die drei Schwestern vor allem sozialen Aufgaben. Sie besuchen Katholiken und Nicht-Katholiken im Altenheim und im Krankenhaus und bieten einmal pro Woche eine Jugendfreizeit an. Und an den langen, kalten und vor allem dunklen Wintertagen lernt die 29-jährige Maria Reina de los Cielos diszipliniert Isländisch und Englisch. Für sie ist die fremde Welt, in die sie hier hineingeworfen wurde, eine Herausforderung, die sie gerne annimmt.

Maria Reina de los Cielos: "Ich habe mich entschieden, Nonne zu werden, als Braut Christi zu leben. Und so tue ich alles, was er von mir verlangt. Außerdem war es immer mein Traum, als Missionarin zu arbeiten."

Die Schwestern leben in einem Kloster, das eigentlich ein Anbau des riesigen Krankenhaus ist, und das für die drei, die selten Gäste haben, eigentlich viel zu groß ist. Versteckt in der Mitte befindet sich die Kapelle, in der Bruder Edward allabendlich die heilige Messe hält.

Er bezeichnet sich selbst gern als "geistigen Schwaben", denn vor vielen Jahren studierte er in Tübingen Philosophie. Schwerpunkt: Die deutschen Idealisten Schelling und Hegel:

Bruder Edward: "Die versuchen eine Verbindung zu machen zwischen der reellen Welt, der Naturwelt und der intellektuellen Welt."

So schreibt Bruder Edward in seiner Freizeit Abhandlungen über Elfen. Über Metaphysik. Und über Tolkiens "Herrn der Ringe"

Bruder Edward: "Gandalf lebt noch, man sagt. Glauben Sie das?"

Falls Gandalf, der große Zauberer, wirklich noch leben sollte, dann jedenfalls ganz bestimmt in Island. Wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung zugibt, an Elfen zu glauben. Und wo Thor und Odin, die mächtigen Gottheiten aus der nordischen Mythologie, immer noch einen hohen Stellenwert haben. Kein Problem für die christlichen Kirchen. Denn in dieser Hinsicht ist man hier immer noch genau so tolerant und pragmatisch wie im Jahr 1000 – als der weise Njáls sich der Sage nach erst einmal genauestens beim sächsischen Missionar Thangbrandt über den konkreten Nutzen eines Glaubenswechsels informierte, bevor er sich endgültig fürs Christentum entschied.

Sprecher: "Gut. Dann werde ich zuerst die Messe singen – denn dies ist ein großer Festtag!" "Zu wessen Ehren?" "Des Engels Michael"."Welche Macht hat er, dieser Engel?" "Große Macht. Er ist Gotteskrieger" "Wird er auch für mich kämpfen?" "Er wird für jeden kämpfen, der ihm in Gottes Namen sein Leben und seine Seele anvertraut." "Dann brauche ich ihn sehr nötig. Versprich mir, wenn ich die Taufe nehme, dass er mein Beschützer sein wird!"

Die Auszüge (Sprecher) stammen aus dem Hörbuch : Die Island-Saga vom weisen Njál, Es ist erschienen beim Hörverlag, umfasst 4 CDs und kostet 24,99 Euro.

Religionen

Kirchen fehlen die KüsterGotteshäuser ohne Hüter
Küster Lutz Pesler putzt das Tausbecken in der Dresdener Frauenkirche. (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)

Sie stauben Engel ab, legen Gesangbücher aus und stellen frische Blumen auf den Altar. Küster oder Mesnerinnen sorgen dafür, dass Gläubige sich in ihrer Kirche wohlfühlen. Trotzdem gibt es immer weniger Geld für ihre Arbeit.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur