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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.06.2015

Islamischer StaatEuropa muss sich militärisch stärker engagieren

Navid Kermani im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Kämpfer einer irakischen Einheit an einem Flussufer: Einer schießt über eine Böschung auf ein nicht sichtbares Ziel, zwei Andere kauern in Deckung. Im Hintergrund nähern sich weitere Soldaten. (AFP / MOHAMMED SAWAF)
Irakische Einheiten beschießen Kämpfer der IS-Terrormiliz. (AFP / MOHAMMED SAWAF)

Die Terroristen des Islamischen Staates haben inzwischen große Teile des Iraks und Syriens in ihre Gewalt gebracht. Navid Kermani beklagt fehlende Solidarität des Westens: Weil man jahrelang in Nahost die "falschen Kriege" geführt habe, sei man jetzt kriegsmüde.

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani fordert mehr militärisches Engagement des Westens gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat".

Die Luftschläge der internationalen Allianz reichten gerade aus, "um halbwegs den IS einzudämmen", jedoch nicht um die Gebiete zurückzuerobern, die der IS in seine Gewalt gebracht hat, sagt Kermani. So solle der Westen den Druck auf den "strategischen Partner" Saudi-Arabien erhöhen, sich stärker gegen die Terrororganisation zu engagieren, außerdem Waffen an die irakische Armee liefern, die in einem katastrophalen Zustand sei.

Fehlende Solidarität

Allerdings herrsche nach dem verheerenden Irak-Krieg im Westen derzeit "allgemeine Kriegsmüdigkeit", beklagt Kermani. "Man hat die falschen Kriege geführt und ist offenbar nicht mehr in der Lage, dann – ich will nicht sagen: richtige Kriege – aber dann, wenn es darauf ankommt, auch militärisch einzugreifen." Offenbar sei die Öffentlichkeit im Westen nicht bereit sich daran zu gewöhnen, "dass man ab und zu auch militärisch dann auch eingreifen muss, wenn man Völkermorde, Vertreibung, ethnische Säuberung verhindern will". Vielmehr scheine man sich an den Gedanken zu gewöhnen, "dass da jetzt über längere Zeit ein quasi-faschistisches Regime über weite Teile des Nahen Ostens herrscht".

Kermani vermisst außerdem die Solidarität Europas mit den betroffenen Regionen: Obwohl in der unmittelbaren Nachbarschaft Europas ganze Staaten zusammenbrächen, Millionen auf der Flucht seien und Massaker an Tausenden verübt würden, sei die internationale Öffentlichkeit immer noch "vergleichsweise still". Auch Europa sei jedoch vom IS unmittelbar betroffen, warnt der Schriftsteller: zum einen in Form von Terroranschlägen, zum anderen in Form steigender Flüchtlingszahlen.

 


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Es ist ein Jahr her, als die Terrororganisation, die sich damals Islamischer Staat in Irak und Syrien nannte, ISIS, eine Offensive begann und in weniger als 24 Stunden die irakische Stadt Mossul einnahm, von der irakischen Armee nahezu ungehindert. Ein Drittel des Landes hat sie erobert und viele Gebiete im benachbarten Syrien. Diese Regionen wurden zum Kalifat erklärt und ein Schreckensregime errichtet. Zwar wurden die IS-Truppen teilweise zurückgedrängt, aber bis heute nicht besiegt. Ein Jahr danach will ich mit dem deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani über die Wahrnehmung des IS und die Strategie dagegen sprechen. Im vorigen Jahr hat er den Irak bereist und darüber geschrieben, und seine Bücher, die kreisen ja auch immer um Grenzerfahrungen, die Menschen machen. Herr Kermani, guten Morgen!

Navid Kermani: Guten Morgen!

von Billerbeck: Die Bekämpfung des IS-Terrors, die wurde auf dem Treffen vor Bergkulisse bei dem G7 auch in der Abschlusserklärung vollmundig betont. Sind das nur leere Worthülsen oder was halten Sie davon?

Kermani: Also leere Worthülsen sind es nicht, denn wenn man sich überlegt, dass ohne die insbesondere amerikanischen Luftschläge vor einem Jahr der IS ja noch ganz andere Gebiete des Irak erobert hätte und es noch zu ganz anderen Massakern insbesondere im Kurdistan gekommen wäre. Da waren die Luftschläge schon hilfreich, aber diese Unterstützung reicht offenbar vorne und hinten nicht aus. Sie reicht gerade aus, um halbwegs den IS einzudämmen. Aber die Bemühungen, auch die Gebiete zurückzuerobern, in denen der IS sein Schreckensregime aufgerichtet hat, die scheinen nicht ausreichend zu sein. Als ich im Irak war, Sie erwähnten es, habe ich von westlicher Unterstützung nicht viel gesehen, weder im kurdischen Teil, bei den Peschmerga, noch bei der irakischen Armee. Also offenbar scheint man sich dran zu gewöhnen an den Gedanken, dass da jetzt über längere Zeit ein quasi faschistisches Regime über weite Teile des Nahen Ostens herrscht.

"Beinahe genauso falsch" wie der Irakkrieg: der verfrühte Abzug der Amerikaner

von Billerbeck: Woran liegt es denn? Sie sagen, die Luftangriffe, die Luftschläge der US-geführten Koalition waren richtig. Woran liegt es, dass die trotzdem so wenig nutzen?

Kermani: Sie nutzen insofern, als dass der Vormarsch des IS eingedämmt wurden ist, aber sie helfen halt nicht, wenn man Städte zurückerobern will, weil dann muss man halt Bodentruppen haben, und die irakische Armee ist nun einmal in einem katastrophalen Zustand aufgrund der Folgen des Irakkrieges, als die Armee aufgelöst wurde, der Staat praktisch aufgelöst wurde und es quasi keinen Staat mehr gab, der alle Ethnien umfasst. Das war ja die Spätfolge des Irakkrieges. Und dann kommt hinzu: So falsch der Irakkrieg war, beinah genauso falsch war dann die Art und Weise des Abzugs der Amerikaner aus dem Irak, also dass man da so verfrüht, unvorbereitet raus aus dem Irak gegangen ist.

Und zu der Situation hinzu kommt einfach eine allgemeine Kriegsmüdigkeit im Westen. Man hat die falschen Kriege geführt und ist offenbar nicht mehr in der Lage, dann, wenn es, ich will nicht sagen, richtige Kriege, aber dann, wenn es drauf ankommt, auch militärisch einzugreifen und auch Entschlossenheit zu zeigen und letztendlich natürlich auch Opfer zu bringen, denn darum geht es im Krieg ja auch. Nach all diesen falschen und verheerenden Kriegen der letzten Jahre ist auch die Öffentlichkeit offenbar nicht mehr bereit, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, dass man ab und zu auch militärisch dennoch mal eingreifen muss, wenn man Völkermorde, Vertreibung, ethnische Säuberung verhindern muss, will.

Der Autor Navid Kermani liest am 13.03.2014 in Köln im Rahmen des internationalen Literaturfestival lit.cologne. (picture alliance/dpa/Horst Galuschka)Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani. (picture alliance/dpa/Horst Galuschka)

Warum gibt es keine Konferenzen, Demonstrationen, Mahnwachen gegen den IS-Terror in Europa?

von Billerbeck: Opfer bringen, sagen Sie: Opfer bringen ja vor allen Dingen die Menschen in diesen Ländern, wo der IS auf dem Vormarsch ist. Ist das eigentlich im Westen klar, welche Folgen dieser Terror der IS für den ganzen Nahen Osten hat?

Kermani: Nicht nur für den Nahen Osten, auch für Europa. Also ich meine, wir haben uns alle aufgeregt und über Charlie Hebdo, über das Attentat, aber dass das direkt mit Irak, dass der Attentäter ja von IS kam und sich auf IS berufen hat, dass der Terror auch uns erreichen wird ... Also wenn da in der unmittelbaren Nachbarschaft Europas ganze Staaten zusammenbrechen, wenn Hunderttausende, Millionen fliehen, wenn Massaker verübt werden an Tausenden, Zehntausenden, wenn Kulturdenkmäler, die wirklich zu den wichtigsten der Menschheit gehören, zerstört werden, dann ist a) merkwürdig, dass die internationale Öffentlichkeit immer noch vergleichsweise still ist, dass man da keine Riesenkonferenzen, Demonstrationen, Mahnwachen, ich weiß nicht was alles man machen müsste, dass es keine allzu große Solidarität gibt, auch nicht mit denen, die die ganzen Flüchtlinge aufnehmen in der Region.

Aber es ist vor allem – und man kann ja dann manchmal nur an den Egoismus appellieren – ... aber natürlich wird das den Westen und uns alle, und zwar direkt, betreffen in Form von Terrorismus. Es werden Anschläge kommen, wenn unmittelbar in europäischer Nachbarschaft ganze Staaten praktisch rechtlos sind, wenn Terrorgruppen sich dort frei sammeln und ausbilden und mit viel Geld auch um sich werfen können.

Und zugleich wird es die internationale Politik betreffen im Sinne von strategischen Räumen, die verloren gehen, und natürlich auch die ganzen Flüchtlinge, die uns erreichen. Also die kommen ja nicht irgendwie aus dem Himmel oder den Sternen, sondern das sind Flüchtlingsströme, mit denen Europa auch erst mal umgehen muss. Das sind dann vielleicht nicht ganz die Dimensionen, die die Nachbarstaaten haben wie Libanon, die ja völlig überfordert sind, oder die Türkei.

Aber auch wir werden uns, wenn das so weitergeht im Nahen Osten, noch an ganz andere Flüchtlingsströme gewöhnen müssen, und das mit allen Folgen auch für das Zusammenleben hier in Europa: ob da nicht doch die Rechten noch sehr viel stärker werden, wenn es Terroranschläge gibt, wenn Flüchtlinge noch in viel größerer Zahl kommen werden, die einfach wirklich ihr nacktes Leben retten wollen. Also ich glaube nicht, dass Europa unberührt davon bleibt, wenn in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Region in Gewalt und Krieg und wirklich einer Art von religiösem Faschismus versinkt.

US-Präsident Obama und der saudische König Salman  (picture alliance/dpa/Saudi Press Agency / Handout)US-Präsident Obama und König Salman bei einem treffen im Januar. (picture alliance/dpa/Saudi Press Agency / Handout)

Keinen roter Teppich für Diktatoren

von Billerbeck: Wenn Sie an den europäischen Egoismus appellieren, um da etwas zu unternehmen, was müsste Europa denn ganz konkret tun?

Kermani: Es sind ja zwei Dinge, die man unterscheiden muss, also einmal die Analyse dessen, was falsch gelaufen ist. Das ist ja eine lange Geschichte, wo man einfach auch schauen muss, die Partnerschaft mit Diktatoren, die ja zu dem Zusammenbruch dieser Regime geführt hat, die jetzt auch fortgesetzt wird ...

Wenn ich etwa an den Besuch des ägyptischen Diktators Sisi in Berlin denke – nicht, dass man mit den Leuten nicht reden muss, aber man muss ihnen vielleicht nicht unbedingt alle roten Teppiche ausbreiten. Und vielleicht muss man die Begegnung auf die politische Ebene beschränken und aber dann eben auch klar machen, dass man – wie es der Bundestagspräsident übrigens gemacht hat –, dass man diese diktatorischen Verhältnisse ablehnt.

In der Vergangenheit hat man Diktatoren nicht nur unterstützt, sondern hat sie regelrecht umarmt, was zum Zusammenbruch dieser Gesellschaften, zu diesem Arabischen Frühling geführt hat, der wiederum gescheitert ist, und das hat zu diesem Zusammenbruch geführt.

Das andere, um das kurz zu erwähnen, ist natürlich die strategische Partnerschaft in Saudi-Arabien. Saudi-Arabien ist der Hauptsponsor des militanten Islamismus über viele Jahrzehnte gewesen. Die IS-Ideologie kommt direkt aus Saudi-Arabien. Nicht, dass die aktiv immer noch unterstützt werden, sie sind zum Feind geworden, aber die geistige Saat, die ist in Saudi-Arabien gesät worden und das Geld kam auch lange Zeit da her. Und das ist unser engster strategischer Partner.

Waffen und Ausbildung für die irakische Armee

Und wenn ich sehe, dass Saudi-Arabien innerhalb einer Woche in der Lage ist, hunderttausende Soldaten zu mobilisieren, um gegen die Rebellen im Jemen zu kämpfen, wenn es in der Lage ist, Luftschläge zu machen, aber über ein, zwei Jahre mittlerweile nicht in der Lage ist, einen einzigen Luftschlag gegen IS zu führen, dann hat das ja seinen Grund.

Und vielleicht müssen wir unsere eigenen Verbündeten da auch mal stärker an die Kandarre nehmen und sagen: Wenn ihr unsere Verbündeten bleiben wollt, dann müsst ihr in der eigenen Region eine andere Politik machen. Das vielleicht jetzt zu dem Langfristigen.

Kurzfristig natürlich, um das auch zu erwähnen, müsste die militärische Unterstützung offenkundig ausgeweitet werden, nicht im Sinne von eigenen Bodentruppen, aber im Sinne von Waffenlieferungen und Ausbildung der irakischen Armee.

von Billerbeck: Navid Kermani war das, der deutsch-iranische Schriftsteller, hier im Deutschlandradio Kultur, ein Jahr, nachdem die Terrororganisation IS eine Offensive begonnen und die irakische Stadt Mossul eingenommen hat. Herr Kermani, ich danke Ihnen!

Kermani: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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