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Im Gespräch | Beitrag vom 16.09.2021

Islamische Religionslehrerin Fatma Akay-TürkerEine weibliche Sicht auf den Koran

Moderation: Katrin Heise

Drei verschleierte Frauen sitzen in einer Moschee gegen eine Säule gelehnt und lesen den Koran. (AFP / Manan Vatsyayana)
Nach der Auffassung der Islamlehrerin Fatma Akay-Türker ist der Islam auf Geschlechtergerechtigkeit aufgebaut. (AFP / Manan Vatsyayana)

Fatma Akay-Türker war die erste Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, gab das Amt aber nach kurzer Zeit wieder auf: zu verkrustet sei das dortige Frauenbild. In ihrer Kritik stützt sie sich auch auf den Koran.

Nur 18 Monate übt die promovierte Historikerin, Philosophin und Islamlehrerin ihr Amt als Frauensprecherin des Obersten Rates der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) aus. Dann hat das einzige weibliche Mitglied unter 15 Männer genug von den patriarchalen Strukturen. Sie wolle Reformen anstoßen, aber es herrsche Stillstand.

"Keiner wollte etwas hören. Aber ich wurde nicht dafür ausgebildet, dass ich fünf Jahre in die Kamera lächele. Das Buch, das ich jetzt veröffentlich habe, wollte ich eigentlich dort veröffentlichen. Es sollte eine kollektive Arbeit von allen Frauen sein, weil ich auch einen Frauenrat gegründet habe. Aber auch das wurde nicht zugelassen."

Streitbare Muslimin

In ihrem Buch "Nur vor Allah werfe ich mich nieder. Eine Muslimin kämpft gegen das Patriarchat" analysiert die streitbare Muslimin den Koran aus ihrer Perspektive und legt den Schwerpunkt auf die Gleichstellung der Geschlechter. Dass es darüber viele Auseinandersetzungen mit der IGGÖ gegeben hat, kann man sich vorstellen. Es mangele dem Verband an der Fähigkeit, die islamische Theologie kritisch zu reflektieren. Der Koran würde Männer und Frauen gleichstellen, sagt die überzeugte Feministin.

"Nach meiner Auffassung ist der Koran auf der Geschlechtergerechtigkeit aufgebaut. Seit Jahrhunderten wurde der Koran nur von Männern interpretiert, und nur Männer schrieben die Lehre. Viele Frauen sind sich nicht bewusst, was wirklich über Frauen im Koran steht. In einem Vers spricht Gott zum Beispiel alle Menschen an: 'Wir haben euch als ein männliches und weibliches Wesen geschaffen.' Das sagt schon etwas. Nämlich: Niemand ist dem anderen überlegen."

 "Ich habe nur geweint"

Nach Österreich kommt Fatma Akay-Türker 1989, da ist sie 14 Jahre alt. Ein Schock für das selbstbewusste Mädchen, das in seiner türkischen Heimat Klassensprecherin war, bei Feiern Gedichte vortrug, einen Chor leitete und immer im Vordergrund stand. Und dann plötzlich Wien.

Dort hat der Vater ein paar Jahre zuvor eine Arbeit gefunden und holt die Familie nach. Fatma Akay-Türker versteht am Anfang kein Wort Deutsch und ist isoliert. Die neue Sprache lernt sie relativ schnell und dolmetscht bald für die Eltern. Bis sie sich aber in Österreich zu Hause fühlt, dauert es viele Jahre. Die muslimische Gemeinde, in der die Familie verkehrt, erlebt sie viel konservativer als das, was sie aus der Türkei kannte.

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"Ich bin in meiner Kindheit nicht unterdrückt worden, und ich muss sagen: Patriarchat und Geschlechtertrennung habe ich erst in Österreich kennengelernt. In der Türkei war das überhaupt kein Thema. Kopftuch war in der Türkei auch kein Thema. Die Mädchen haben kein Kopftuch getragen, auch die studierenden Mädchen nicht. In Österreich, also in Wien, in der muslimischen Community, war das anders. Ich war schockiert und fragte mich: Was haben wir für eine Gesellschaft? Als in den 90er-Jahren diese Kopftuchdebatte angefangen hat, war der Gesellschaftsdruck schon da. Denn wenn jemand Kopftuch getragen hat, bekam er mehr Anerkennung."

Den eigenen Weg finden

Wie für ihre Mitschülerinnen wird auch für Fatma Akay-Türker eine Ehe arrangiert. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder und beginnt ein Studium. Ihr Mann hat zu ihrem großen Erstaunen nichts dagegen. "Da begann eine neue Epoche für mich."

Das Studium eröffnet ihr eine neue Welt – und vertieft ihren Glauben. Fatma Akay-Türker lässt sich von ihrem Mann scheiden, heiratet erneut. Diesmal wählt sie den Mann selbst aus und bekommt noch einmal zwei Kinder. Nachdem sie ihre Tätigkeit beim IGGÖ und als Islamlehrerin aufgegeben hat, orientiert sich die 46-Jährige neu.

 (svs)

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