Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 20.09.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.07.2014

IslamdebatteMehr Fairness, bitte!

Physiker plädiert für einen offenen und differenzierten Umgang mit Muslimen

Von Hakan Turan

Podcast abonnieren
Koran und Gebetskette (dpa / picture alliance / Roos Koole)
Koran und Gebetskette - Muslime sind ihren deutschstämmigen Mitbürgern in Vielem sehr ähnlich, sagt Hakan Turan und wirbt für einen besseren Dialog zwischen den Kulturen. (dpa / picture alliance / Roos Koole)

Für das Fehlverhalten Einzelner sollte nicht die Gesamtheit der Muslime verantwortlich gemacht werden, fordert Hakan Turan, Referent für interreligiösen Dialog. Er wünscht sich, dass wir den Muslimen wirklich zuhören. Nur dann sei ein respektvolles Miteinander möglich.

Seit der Jahrtausendwende erleben wir eine engagierte und kritische Islamdebatte. Zu einem besseren Miteinander trägt sie jedoch nicht bei. Im Gegenteil: Sie grenzt aus. Und zwar auch diejenigen, die schon längst dazu gehören. Denn von nahezu allen Bürgern muslimischen Glaubens wird diese Debatte als hart und unfair wahrgenommen. Der Tonfall ist verletzend und pauschalisierend. Und er zementiert Vorbehalte gegenüber Muslimen.

Zwar wird seit langem viel von Integration geredet, doch manche einfache Wahrheiten haben sich noch nicht herum gesprochen. Die meisten Muslime sind in der Tat religiös, aber nicht um negativ aufzufallen. Sie leben ihren Alltag wie andere Bürger auch. Und sie verweigern sich nicht der Gesellschaft, schon gar nicht, weil sich ihr Glaube von dem der Christen unterscheidet. Mit ihnen teilen sie jedoch, dass sie theologische und ideologische Debatten oft nur am Rande interessieren.

Islam ist Teil der Identität

Und was entscheidend ist: Die meisten von ihnen, ob hochreligiös oder säkular eingestellt, verbinden mit dem Islam einen Teil ihrer Identität. Sie fühlen sich daher persönlich angegriffen, wenn ihre Religion oder Herkunftskultur zum Sündenbock für alles und jedes gemacht wird – zur Ursache aller möglicher Probleme, auch solcher, die den meisten dieser Muslime fremd sind.

Dabei sind sie ihren deutschstämmigen Mitbürgern in Vielem sehr ähnlich. Auch sie schütteln den Kopf über Machoverhalten und empören sich über religiös daherkommenden Fanatismus. Gleichzeitig erzählen sie sich resignierend bei einem Glas Çay, wie sie von ihren christlichen oder religionsfernen Nachbarn dafür gelobt werden "Ausnahmen" zu sein – Ausnahmen von einem extrem negativen Klischee, das nicht repräsentativ für die Muslime ist.

Selbstverständlich soll weiterhin offen und kritisch darüber diskutiert werden, was das Miteinander stört. Aber wenn einige Muslime sich falsch verhalten, dann können dafür nicht alle anderen mitverantwortlich gemacht werden. Zudem sind es oft nicht religiöse, sondern soziale Ursachen, die für gesellschaftliche Spannungen sorgen.

Pluralismus und Vielfalt auch unter Muslimen

Und natürlich darf jeder eine kritische Meinung zum Islam oder zur Religion allgemein äußern. Es wäre dabei jedoch fair, auch anzuhören, wie muslimische Gesprächspartner ihre Religion verstehen, bevor man diese verurteilt, wie es vermeintliche Islamexperten oft vormachen.  

Dabei würde man entdecken, dass es unter Muslimen recht unterschiedliche Ansichten und Lebenserfahrungen gibt. Und dass die meisten Tradition und Moderne auf sehr pragmatische Weise miteinander aussöhnen. Pluralismus und Vielfalt gibt es also auch unter Muslimen. Es gibt nur leider kein religiöses Treffen, wo dies für jeden sichtbar wird – also keinen Event wie einen Kirchentag.

Es war nicht zuletzt die Religion, die uns lehrte, im Gegenüber zu allererst den Nächsten zu sehen, gleichgültig ob er Muslim, Christ, Jude oder etwas anderes ist. So begegnen wir uns respektvoll, sachlich und fair, und machen miteinander positive Erfahrungen, solche, die helfen, die negativen zu verkraften.


Hakan Turan, studierte Diplom-Physik, Mathematik und Philosophie (Quelle: privat)Hakan Turan, Physiker und Philosoph (Quelle: privat)Hakan Turan
, Jahrgang 1979, studierte Diplom-Physik, Mathematik und Philosophie in Stuttgart und Tübingen, ging in den Schuldienst und arbeitet derzeit in Stuttgart als Studienrat und in der Lehreraus- und -fortbildung. Er engagiert sich als Referent und Autor für den interreligiösen Dialog, für islamwissenschaftliche Studien und für die interkulturelle Öffnung von Schulen. Ferner verfasst er Essays über „Islam und Moderne“ auf seinem Blog www.andalusian.de.

Mehr zum Thema:

Islamkonferenz - Zwischen Dialog und Ausschluss (DLF, Hintergrund, 23.03.2014)

Muslime in Deutschland - Gleichstellung statt Integration (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 06.02.2014)

Politisches Feuilleton

Mehr Realismus in die KI-DebatteHauptsache irgendwas 4.0
Der Roboter «PR2» dreht am 27.02.2013 in einer Laborküche des Institute for Artificial Intelligence (IAI) am Technologie-Zentrum Informatik (TZI) der Universität Bremen einen Pfannkuchen um. Der Roboter kann experimentell selbstständig Aufgaben im Haushalt übernehmen und ist Teil eines europaweiten Projekts. Foto: Michael Bahlo dpa/lni | (dpa)

Kühlschränke, die intelligenter sind als wir, oder der "Robo-Boss" als Vorgesetzter: Viele tolle Zukunftstrends stehen angeblich kurz davor, Wirklichkeit zu werden. Hauptsache Hype und Hauptsache irgendwas 4.0. Doch wenig davon dürfte wahr werden, meint Stefan Kühl.Mehr

Ärztemangel Deutschlands Lösung macht Rumänien krank
Ein Arztkittel und Stethoskop hängt an einer Garderobenständer. (picture alliance/dpa/Ulrich Baumgarten)

Länder wie Rumänien leiden darunter, dass viele Mediziner und Ärztinnen nach Deutschland gehen. In den Herkunftsländern hat dieser "brain drain" jedoch Folgen, die auch der Europäischen Union gefährlich werden können, warnt Markus Bauer.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur