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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 14.11.2018

Islam und IntegrationMehr Frauen in die Muslim-Verbände!

Ein Standpunkt von Sineb El Masrar

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Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. Islamische Verbände halten Friedensgebet vor der Mevlana-Moschee ab, vor der vor einem Monat ein Brandanschlag verübt wurde. Eine Aktion des Zentralrats der Muslime, der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), des Islamrates und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). (imago/Mike Schmidt)
Der Islam - eine Männerreligion? Muslime aus Berlin-Kreuzberg beim Friedensgebet (Symbol-Bild). (imago/Mike Schmidt)

Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz will künftig nur noch mit Migrantenverbänden verhandeln, die mindestens eine Frau im Führungsgremium haben. Sie erntete für ihren Vorstoß prompt Kritik. Die Publizistin Sineb El Masrar hingegen findet ihn gut.

Kürzlich ließ die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz in der "Bild"-Zeitung verlauten, dass es mehr Frauenpower brauche. Sie wolle sich fortan nur noch mit Organisationen treffen, die in ihren Führungsgremien mindestens eine gleich- und sprechberechtigte weibliche Vertreterin aufweisen. Erwartungsgemäß gerieten die Islam-Vereine in den Fokus. "Bild" titelte online: "Frauen-Pflicht für Muslim-Verbände".

Spätestens da wurde in den sozialen Medien und bei den einschlägigen Kommentatorinnen und Verbänden das Klagelied von den Doppelstandards angestimmt. Und tatsächlich würde eine solche Dialogvorbedingung auch das Bundesinnenministerium - ein Männerclub sondergleichen - von jedem Gespräch ausschließen. Das BMI ist immerhin Gastgeber und Organisator der Deutschen Islam-Konferenz. Dabei betonte eine Sprecherin der Integrationsbeauftragten, dass auch die katholische Kirche, wie etwa die Deutsche Bischofskonferenz betroffen sein könnte.

Emanzipationsbefürworter werden ausgegrenzt

Da der Aufgabenbereich von Widmann-Mauz nun aber "Migration, Flüchtlinge und Integration" heißt, dürften vor allem migrantische Gruppen betroffen sein und darunter eben auch islamische Vereinigungen.

Und dafür gibt es – Doppelstandards hin und her – gute Gründe. Das Thema Gleichberechtigung stellt auch 2018 noch immer ein grundlegendes Problem in ihren Reihen dar. Nicht nur in ihren Verbandsstrukturen, sondern auch in ihrer Islamauslegung und Religionspraxis. Frauen wird noch immer eine Kleiderordnung gepredigt, die bi-religiöse Ehe bleibt untersagt, das gleiche Erbrecht verwehrt und die Homosexualität verteufelt. Was sich entscheidend auf das Leben von muslimischen Männern und Frauen in Deutschland auswirkt.

Emanzipationsorientierte Muslime werden dadurch regelmäßig in den Vereinen als auch in den muslimischen Familien in die Enge gedrängt und ausgegrenzt. Wer theologische und soziale Geschlechtergerechtigkeit in den Vereinen anstrebt, wird ausgegrenzt oder wirft nach hoffnungsloser Bemühung irgendwann das Handtuch.

Ein islamfeindlicher Vorstoß?

Kritiker von Widmann-Mauz, die selbst in den islamischen Vereinen sozialisiert sind, oder Nicht-Muslime, die die Verhältnisse sowohl in den Verbänden als auch muslimischen Lebensrealitäten in ihrer Vielschichtigkeit nicht kennen und vor lauter Muslim-Solidaritätsdrang jegliche Kritik an diesen Verhältnissen als islamfeindlich deklarieren, empfinden Widmann-Mauz' Vorstoß daher als paternalistisch und wenig angebracht für eine Christdemokratin. Denn als Mitglied einer Partei, die eher für Tradition als für Feminismus steht, könne solch eine Forderung kaum glaubhaft sein. Ist dem wirklich so?

Widmann-Mauz ist auch Bundesvorsitzende der Frauen-Union und teilt mit Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer durchaus das Bemühen, Frauen mehr Einfluss und Sichtbarkeit in der Partei zu verschaffen. Diese Politikerinnen taugen tatsächlich schlecht als Karikatur christlicher Missionare, aber überraschend gut als Agentinnen für Diversity und Frauenquote.

Mehr als Erfüllungsgehilfinnen

Es ist dem jahrhundertelangen Kampf der Frauenbewegung zu verdanken, dass es große Fortschritte bei Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen gibt. So feiern wir aktuell 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Diese Kämpfe um Gleichberechtigung und Emanzipation entstammen eher dem linken Milieu, haben aber unübersehbar auch die Christdemokratie beeinflusst. Warum sollten nun Christdemokratinnen nicht auch Einfluss auf verkrustete muslimische Vereinigungen ausüben? Widmann-Mauz sollte allerdings ihren Vorsatz auch einhalten. Gleichberechtigte weibliche Vertreterinnen müssen wirklich eigenständig denkende Frauen sein, nicht aber Erfüllungsgehilfinnen des Patriarchats.

Sineb El Masrar, deutsche Autorin und Journalistin mit marokkanischen Wurzeln. Aufgenommen am 19.10.2016 auf der Buchmesse in Frankfurt/Main (Hessen). (dpa/ Erwin Elsner)Sineb El Masrar (dpa/ Erwin Elsner)Sineb El Masrar ist Herausgeberin und Chefredakteurin der multikulturellen feministischen Zeitschrift "Gazelle" und Autorin zahlreicher Bücher zum Islam. Zuletzt erschienen: "Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden" (2016) und "Muslim Men: Wer sie sind, was sie wollen" (2018).

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