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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2018

Isabel Fargo Cole: "Die grüne Grenze"Roman über das Ende der DDR

Von Verena Auffermann

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Buchcover "Die Grüne Grenze" von Isabel Fargo Cole, im Hintergrund Rinder auf einer Wiese im Harz (Nautilus Verlag / dpa / Reinhard Kaufhold)
Buchcover "Die Grüne Grenze" von Isabel Fargo Cole, im Hintergrund Rinder auf einer Wiese im Harz (Nautilus Verlag / dpa / Reinhard Kaufhold)

In einen abgelegenen Ort in der DDR hat Isabel Fargo Cole den Roman "Die grüne Grenze" angesiedelt. Im Alltag ihrer Hauptfiguren lässt die US-amerikanische Schriftstellerin alle Übel der jüngeren deutschen Vergangenheit lebendig werden – und benutzt dafür eine bemerkenswerte Sprache.

Dies ist eine der seltsamsten und verwegensten Geschichten über die letzten Jahre der ehemaligen DDR. Geschrieben hat diesen Roman Isabel Fargo Cole, eine Amerikanerin, die in New York aufwuchs und nach Berlin kam, um Russisch und Neuere Deutsche Geschichte zu studieren - und seit 1995 als Übersetzerin und Autorin im Berliner Umland lebt.

Ein Grübler als Hauptfigur

Sie schlägt in "Die grüne Grenze" den Bogen von 1973 bis 1987, beschreibt ein Künstlerpaar, das von Ost-Berlin in das Sperrgebiet nahe der Grenze zieht, in einen Ort am Fuß des Harzes, der "Elend" heißt und wohl auch genauso war. Thomas, die Hauptfigur ist ein grübelnder Mensch, wahrscheinlich ein jüdisches Waisenkind von einem russischen Soldaten gerettet und aufgezogen. Dieser Thomas hat einen Roman verfasst und arbeitet an einem historischen Text über Mönche im Mittelalter, die im Harz siedelten.

Editha, seine starke Freundin, eine Schülerin des "Meisters" Werner Tübke, ist bekannt für ihre heroischen Soldatendenkmäler, meist steht Thomas Modell. Das Kind Eli entwickelt sich zu einem traumwandlerischen Wesen, neugierig, naseweis und in eine aus Märchen und Fantasien zusammengesetzte Welt zurückgezogen.

Ein abgelegener Ort mit misstrauischen Menschen

Isabel Fargo Cole holt weit aus, um die drei Charaktere: starke Frau, unsicherer Mann und versponnenes Kind, im misstrauischen Klima eines abgelegenen Ortes lebendig werden zu lassen, ihren Alltag aus der allgemeinen politischen Stimmung zu erklären, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Sie benennt alle Übel der deutschen jüngeren Vergangenheit, die Eigenarten und Idiosynkrasien.

Das Bemerkenswerteste an diesem monströsen Roman aber ist seine Sprache. Eine Mischung aus romantischen Wendungen, pathetischen Formulierungen und äußerster Schroffheit. Die Autorin erwähnt eine "leicht schräge Erlesenheit der Sprache", eine Textmischung, in die auch romantische Elemente eingeflossen sind.

Dass Novalis aus dem Harz stammte und sein Heinrich von Ofterdingen dort über die Berge lief, wird sie nicht unbeeindruckt gelassen haben, genauso wenig wie die Bücher des sprachmächtigen Wolfgang Hilbig, den Isabel Fargo Cole ins Amerikanische übertragen hat. Dazu kommt ihre Kenntnis der im Harz ausgeprägten Sagenwelt.

Die Schriftstellerin Isabel Fargo Cole beim Bücherherbst 2017 (Deutschlandradio / David Kohlruss)Die Schriftstellerin Isabel Fargo Cole beim Bücherherbst 2017 (Deutschlandradio / David Kohlruss)

Märchenhaftes und symbolbeladenes Ende

Die Autorin lässt ihren Roman märchenhaft und symbolgeladen enden. Eli von zu Hause in den Wald entlaufen, bei Fremden untergekommen, verwandelt sich in einen Vogel und sieht fliegend zum ersten Mal den Wald, den mäandernden Fluss, die Grenze aus der Luft. Wolfgang, ein ängstlicher Volksarmist, trifft am letzten Tag seiner Dienstzeit den Flügel des Vogels: "Ein rotes Zittern wie Feldmohn".

Es ist mutig, dass die Jury des diesjährigen Leipziger Buchpreises dies bis jetzt zu wenig beachtete Buch auf die Shortlist setzte. Es ist ein anspielungsreicher, kluger, geschichtsträchtiger Roman über das "deutsche Wesen", über die historischen Hintergründe und kulturellen Prägungen.

Isabel Fargo Cole: "Die grüne Grenze"
Roman
Nautilus Verlag, Hamburg 2017
490 Seiten, 26 Euro

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