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Tonart | Beitrag vom 16.06.2016

Ironie versus PathosWie klingt die ideale Fußball-Hymne?

Von Tobias Ruhland

Fußballfans jubeln am 12.06.2016 beim Public Viewing auf dem Messegelände in Freiburg (Baden-Württemberg) vor der Fußball-EM-Begegnung Deutschland vs. Ukraine. Foto: Patrick Seeger/dpa (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)
Der wahre Fan will auch singen - und so gibt es eine breite Palette an Fußball-Liedern. (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

"Seven Nation Army", "Don't Come Home Too Soon" oder "Die Gentlemen Spieler": Die Bandbreite an erfolgreichen Fußballliedern ist groß. Wichtig sei die Balance zwischen Realismus und Optimismus, meinen Ball-Experten. Doch die besten Songs entstehen inoffiziell.

(Musik: "Don't Come Home Too Soon" von Del Amitri)

"Don't Come Home Too Soon" – "Kommt bloß nicht zu früh zurück", so der Songtitel der Rockband Del Amitri aus Glasgow, die damit hofft, den Fluch der schottischen Fußballnationalmannschaft bei Europa- und Weltmeistermeisterschaften wegsingen zu können.

Bei ihren bisherigen zehn Teilnahmen bei EMs und WMs haben die "Bravehearts" noch nie die Vorrunde überstanden und führen damit die Rangliste des Ausscheidens in der ersten Runde an. "Del Amitri" wollten stellvertretend für fünf Millionen Schotten diesen Bann 1998 bei der WM in Frankreich brechen.

Die Franzosen werden bald den Geruch von schottischem Whisky schmecken, singt da Justin Currie von Del Amitri. Die Fußballwelt mag noch nicht erzittern vor uns, aber wir werden es ihnen beweisen. Vielleicht ja sogar mit einem Schuss aus der zweiten Reihe. Schreibt Geschichte und zeigt allen, wie leicht das passieren kann. Mit dieser Mischung aus Pathos, Schmalz und Schulterklopfen landeten "Del Amitri" seinerzeit auf Platz 15 der britischen Charts. Das Erstrundenaus der Schotten in Frankreich konnten aber auch sie nicht verhindern. Merde!

Hamburger Band Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Bester Fußball-Song des Jahres 2012 - diese Auszeichnung hat die Deutsche Akademie für Fußballkultur damals an die Hamburger Band Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen vergeben. Sänger und Gitarrist Carsten Friedrich ist Fan der Hamburger Fußballvereine HSV und Altona 93.

"Viele Fußballlieder gehen ja darum, den eigenen Verein oder das eigene Land abzufeiern. Das geht mit wenigen Worten und ist meistens sehr, sehr stumpf. Und entweder man findet eine Ebene, die es so noch nicht gab, oder man singt über ein Detail, das so noch nicht besungen wurde und das ein bisschen einen Widerhaken hat. Das ist uns mit 'Gentlemen Spieler' - da haben wir gesungen über die Anfänge des Fußballs in Deutschland - ganz gut gelungen."

Die Leute von früher waren oft fiese Typen. Deutschnationale und auch Antisemiten. Und ihnen missfiel das englische Spiel und sie wollten den Fußball verbieten. Doch die Gentlemen Spieler treffen sich im Park"

Pathos-Pop funktioniert nicht 

Humor und Ironie – das sind Carsten Friedrichs persönliche Hauptkriterien für eine gelungene Fußballhymne. Pathos-Pop à la Andreas Bourani, der mit dem Song "Auf Uns" den Soundtrack zum WM-Gewinn 2014 lieferte, kann Friedrichs überhaupt nichts abgewinnen, weiß aber sehr wohl, warum solche Lieder funktionieren.

"Der Text ist eigentlich schon plemplem. Relativ einfältig. Spricht 'ne Binsenweisheit aus. Ist praktisch die 2014er-Version von "So ein Tag, so wunderschön wie heute”. Da muss natürlich noch viel mehr Pathos rein. Nur Biergarten – das wäre den Leuten heute glaub' ich zu wenig und insofern muss man das in so einer Tradition sehen."  

(Musik: "Seven Nation Army" von The White Stripes)

Fernab irgendwelcher Traditionen hat sich dieses Gitarrenriff weltweit und dauerhaft in den Fußball-Stadien eingenistet. "Seven Nation Army" von den White Stripes. Darin singt Jack White von einem, der jetzt zurückschlagen werde, und dass selbst eine Armee aus sieben Nationen ihn nicht aufhalten könne. Sieben Nationen - sieben Gegner, die es während eines Turniers zu schlagen gilt.

Der Siegeszug von "Seven Nation Army"

White hatte bei diesem Text eher biblische Hintergedanken. Die Fußballfans des FC Brügge fanden, dass die Songzeilen auch ziemlich gut die Gruppenphase in der Champions-League beschreiben und haben das Lied 2003 im Spiel beim AS Rom angestimmt. Sodann haben es die Römer nachgeplärrt, dann ganz Italien – und schließlich war "Seven Nation Army" bei der EM 2008 die offizielle Einlaufmusik der Mannschaften ins Stadion.

Der Song habe sich verselbständigt, er sei nicht mehr kontrollierbar, freut sich Jack White. "Seven Nation Army" gehöre jetzt den Leuten, den Fußballfans, Und denen sei es vollkommen egal, wo der Song herkommt.

Die große Schwierigkeit, einen Fußballsong für Europa- und Weltmeisterschaften zu schreiben, besteht darin, die Balance hinzukriegen zwischen Realismus und Optimismus. So hat es einmal David Baddiel gesagt. Der Mann ist britische Comedian-Legende und meint: Du kannst ja schlecht einen Song schreiben mit den Worten "Wir verlieren gegen Costa Rica, holen ein Punkt gegen Marokko und am Ende verlieren wir sowieso gegen Deutschland." Deswegen scheuen sich viele Bands wohl auch, explizite Fußballlieder zu schreiben, weil es einfach viel zu schnell blöd klingen kann. Ausnahmen gibt's natürlich immer.

Die Fußball-Hymne "Thress Lions On A Shirt"

Besagter David Baddiel hat 1996 übrigens den Text zur Fußball-Hymne "Three Lions On A Shirt" der Britrockband "Lightning Seeds" beigesteuert. Hier Ausschnitte aus den ersten Aufnahme-Sessions von David Baddiel und seinem Kompositionsfreund Frank Skinner.

"Bloß nicht zu viel über Trikotfarben singen. Ist doof. Nicht zu viel über die Hosen singen. Ist doof. Nicht zu Bob Dylan-artig. Ist nervig."

Und weiter meint David Baddiel: Die besten Fußballhymnen sind die, die erst mal gar nix mit Fußball zu tun haben – oder mit klassischen Erwartungen brechen. Tatsächlich erzählt der Song "Three Lions on a shirt", die drei Löwen im englischen Wappen, nicht von glorreichen Siege der Vergangenheit, sondern vom immer wiederkehrenden Scheitern der Engländer.

Dazu den perfekten Mitgröhl-Refrain "Football's Coming Home". Passend zur EM 1996 im eigenen Land. Der Song ist auch eines der ersten Beispiele für den Schulterschluss von Fußball mit der Popkultur. Keine Schlager mehr in Stadien, die Musikindustrie zimmert ab sofort rechtzeitig zu EMs und WMs Pop mit den perfekten Refrains zurecht, die wie Schlachtrufe funktionieren.

Die Deutschen haben Herbert Grönemeyer

Und wir Deutschen? Haben Grönemeyer. Schon wieder. Und schon wieder kein "echter" Stadionsong, prophezeit Carsten Friedrich, Sänger der Band Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen. 

"Die besten Fußballsongs, wie wir Deutschen festgestellt haben, die entstehen eh inoffiziell. Wenn ganze Fußballstadien Go West von den Village People singen, ist das großartig. Ich glaube, man kann da relativ wenig berechnen. Dass jetzt jemand im Stadion den Grönemeyer-Song singt, da kann man, glaube ich, lange darauf warten."

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