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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.12.2010

Ironie macht unangreifbar

Péter Esterházy: "Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)", Berlin Verlag, Berlin 2010, 538 Seiten

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Péter Esterházy verzichtet auf Bitterkeit oder Leidenspathos. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Péter Esterházy verzichtet auf Bitterkeit oder Leidenspathos. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Der "Produktionsroman" ist Esterházys Debütwerk und mit 30-jähriger Verspätung auf deutsch erschienen. Er erinnert darin auch an die Demütigung, Enteignung und Verfolgung der alten ungarischen Adelsklasse durch das kommunistische Regime.

Péter Esterházy, als Spross der bedeutenden ungarischen Magnaten-Dynastie 1950 in Budapest geboren, ist vom Studium her Mathematiker und arbeitete in den 1970-er Jahren als "System-Organisator" (Datenverarbeiter), ehe er den Sprung zum freien Schriftsteller vollzog – mit seinem Debütwerk "Produktionsroman". Er gehört mit Imre Kertész und Péter Nadás zum großen Dreigestirn der ungarischen Gegenwartsliteratur. Die deutschen Übersetzungen seiner Werke erscheinen nicht chronologisch, sondern in merkwürdigen Zeitsprüngen. So kommt nun mit 30-jähriger Verspätung Esterházys Erstlingsroman auf Deutsch heraus.

"Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)" besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil spielt in einem Rechenzentrum. Er parodiert den Produktionsroman, die Lieblingsgattung des sozialistischen Realismus. Esterházy macht daraus ein komisches Heldenepos: Rechentechniker Imre, System-Organisator eines mathematischen Instituts in Budapest, betätigt sich mit Verve als System-Desorganisator in dem Intrigantenstadl seines Instituts, bis eine Papierflut das ganze Büro unter sich begräbt.

Esterházy arbeitet mit spöttischen Zitaten und eingeschobenen parodierten Trivialtexten, etwa Parlamentsreden aus der Zwischenkriegszeit. Die blonde Sekretärin des Instituts heißt Marilyn Monroe, und die kommunistischen Bürokraten und Parteifunktionäre werden in einem Ton beschrieben, als handle es sich um lächerlich gemachte Barockfürsten, lauter Riesenzwerge.

Der zweite, umfangreichere Teil arbeitet gleichfalls mit ironischen Brechungen und Spiegelungen. Berichtet werden Taten und Ansichten des Meisters Péter Esterházy und seiner Familie, stets nahe an der tatsächlichen Biografie des Autors entlang. Der Meister arbeitet an seinem ersten Roman, produziert seinen "Produktionsroman".

Erinnert wird an die Demütigung, Enteignung und Verfolgung der alten ungarischen Adelsklasse durch das kommunistische Regime. Geheimdienstberichte werden einmontiert, Prozessakten und andere Schriftstücke.

Ehemalige Großgrundbesitzerinnen und Schlossherrinnen mussten sich als Putzfrauen verdingen, auch die Familie Esterházy wurde enteignet und ausgesiedelt, Esterházys Vater musste beim Straßenbau arbeiten. Und trotzdem herrscht ein leichter, amüsanter Ton ohne Spur von Bitterkeit oder Leidenspathos.

Der Autor macht sich lustig über die tollpatschigen, verbissenen Parteifunktionäre. Der Roman erweckt den Eindruck, dass die Kommunisten im Grunde der Familie nichts anhaben können. Ihr Standesbewusstsein, ihre Grandezza, ihre jahrhundertelange Familiengeschichte können nicht enteignet werden.

Esterházys Debüt, in Terézia Moras virtuoser deutscher Übersetzung, zeigt bereits den charakteristischen Schreibstil des Autors: formal innovativ, sprachschöpferisch, humorvoll, souverän und rundum respektlos. Der Roman zieht Staat und Gesellschaft durch den Kakao, bleibt aber durch Ironie unangreifbar. Das musste auch die Zensurbehörde feststellen, als der Roman in Ungarn 1979 veröffentlicht wurde und seinen Autor schlagartig berühmt machte.

Besprochen von Sigrid Löffler

Péter Esterházy: Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Berlin Verlag, Berlin 2010
538 Seiten, 36 Euro

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