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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.05.2010

Irina Antonowa und der Zweite Weltkrieg

Intellektuelle wehren sich gegen Stalin-Kult in Russland

Von Elfie Siegl

Josef Stalin wird in Russland verehrt. (AP)
Josef Stalin wird in Russland verehrt. (AP)

Am 9. Mai wird in Russland der Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg gefeiert. Dabei soll Stalin als Oberbefehlshaber der Roten Armee verherrlicht werden. Die Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, Irina Antonowa, kritisiert den Kult.

Irina Antonowa ist 88 Jahre alt und hat die Zeit des Zweiten Weltkrieges bewusst erlebt. Für sie ist der Sieg der Sowjetunion in diesem Krieg zu einem hohen Preis errungen worden.

"Dieser Sieg - das war ein Sieg des Volkes. Wie schwer es auch immer war - aus einem starken Vaterlandsgefühl heraus ist das Volk, schlecht vorbereitet und schlecht ausgerüstet und zum Teil hungrig, in den Krieg gezogen und hat gesiegt. Heute, 65 Jahre später, darf man nicht alle Verdienste Stalin zuschreiben. Unser Volk hat gesiegt, seine Wahrheit hat gesiegt."

Im Puschkin-Museum ist seit 1945 der größte Teil der kriegsbedingt von Deutschland nach Russland verbrachten Kunst gelagert, darunter etwa der Goldschatz des Priamos, der Silberschatz von Eberswalde und viele andere Kunstwerke. Irina Antonowa, die Hüterin dieser Schätze, hat es immer abgelehnt, dass die sogenannte Beutekunst vom russischen Staat zurückgegeben wird. 65 Jahre nach Kriegsende hat sich nichts an Irina Antonowas Haltung geändert: Auch in Zukunft wird sie auf deutsche Forderungen, Beutekunst zurückzugeben, harte Antworten finden und sich dabei auf die Gesetzeslage berufen.

"Der Status dieser Sachen wird vom Gesetz der Russischen Föderation definiert. Diesem Gesetz zufolge sind die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland und einigen anderen Ländern, zum Beispiel Ungarn, nach Russland verbrachten Kunstschätze, mit einigen Ausnahmen, Eigentum des russischen Staates. Es handelt sich dabei um eine Wiedergutmachung. Das Gesetz wurde 1998 vom Staat angenommen und vom Staatsoberhaupt unterschrieben. Es gibt diesen Kunstschätzen einen juristischen Status."

Ein Grund für die unnachgiebige Haltung liegt sicher in Irina Antonowas Lebensgeschichte, die auch mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist. Den deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erlebt sie in Moskau. Als die deutschen Truppen Anfang Dezember vor Moskau stehen, wird auch sie für kurze Zeit evakuiert.

"Wir setzten uns im Kursker Bahnhof in den Zug und als der Zug abfuhr, begann ein schrecklicher Bombenangriff. Die Bomben fielen buchstäblich um die Waggons herum. Der Zug hielt und alle - es waren meist Frauen - rannten hinaus und versteckten sich irgendwo. Im Zug war eine hochschwangere Frau, die konnte nicht mehr aus dem Waggon springen. Ich bin dann bei ihr geblieben, sie hat ihren Kopf zwischen meinen Knien verborgen. Ich war damals 19 Jahre alt. Wir haben die ganze Zeit so gesessen, sie hatte die Augen geschlossen, ich hatte die Augen geschlossen. Dann hörte der Bombenangriff auf und wir sind weitergefahren. Dieses Erlebnis hat mir klargemacht, dass ich wahrscheinlich eine Kämpfernatur bin."

Bevor sie ihre Stelle im Puschkin-Museum antrat, hatte Irina Antonowa Kunstgeschichte studiert und bis Kriegsende nebenbei als Krankenschwester in zwei Moskauer Militärlazaretten verwundete Soldaten versorgt. Es waren meist junge Männer in ihrem Alter, denen häufig Gliedmaßen amputiert wurden. Den Krieg hat sie also in seinen konkreten, schrecklichen Folgen gesehen. Die Erinnerung daran ist in ihr bis heute wach.

In den ersten Wochen des Krieges gab es in Moskau kaum Zweifel am Sieg der Roten Armee. Es stand viel auf dem Spiel. Mit den Heldentaten der Soldaten wollte man zugleich den Aufbau einer neuen, besseren Welt verteidigen. Für Irina Antonowa veränderte der Überfall der Nazis auf ihre Heimat entscheidend ihr Verhältnis zu Deutschland. Davon ist jedenfalls der stellvertretende Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Günther Schauerte, überzeugt, der Irina Antonowa seit langer Zeit kennt:

"Wie sie mir sagte, ist sie als Diplomatentochter in Berlin aufgewachsen, sie hat da auch die deutsche Sprache erlernt. Als dann die Deutschen, die sie vorher ganz anders kennengelernt hatte, sich aus sowjetischer Sicht als Barbaren aufgeführt haben, die verbrannte Erde hinterlassen haben - das hat dann einen erheblichen Bruch gegeben und das bestimmt im Grunde ihre Haltung gegenüber Deutschland. Nicht den einzelnen Menschen gegenüber, da verhält sie sich ja ganz anders. Sondern gegenüber Deutschland und allem, was mit Beutekunst zu tun hat. Das ist in dem Sinne zu verstehen, das ist die gerechte Strafe für das, was Nazi-Deutschland der Sowjetunion, den Völkern dort, den einzelnen Menschen dort, angetan hat."

Irina Antonowa: "Ja, es gab den Krieg, aber das heißt ja nicht, dass wir aufhörten, Thomas Mann und Goethe zu lieben. Nur deshalb, weil Krieg war und die Länder gegeneinander kämpften. Manchmal wirft man mir vor, dass ich unter Stalin gelebt habe und unter Chruschtschow. Das ist dann eine Art vulgäre Soziologie. Es gibt das Regime und es gibt Land und Leute. Das sind verschiedene Dinge, wir wählen ja nicht, unter welchem Regime wir leben."

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