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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 18.08.2006

"Irgendwann hat er den Zeitpunkt verpasst"

Journalistin Bruhns äußert Unverständnis über Grass

Moderation: Dieter Kassel

Die Journalistin Wibke Bruhns. (privat)
Die Journalistin Wibke Bruhns. (privat)

Die Journalistin Wibke Bruhns hält die harsche öffentliche Kritik am Schriftsteller Günter Grass für gerechtfertigt. Grass habe ausgeteilt und müsse sich deshalb jetzt gefallen lassen, verprügelt zu werden, sagte Bruhns zum Geständnis des Literaturnobelpreisträgers, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Dies sei eine Folge des "unendlichen Hochmuts", den er in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt habe.

Dieter Kassel: Die Journalistin Wibke Bruhns, geboren 1938, hat 1961 ihr Volontariat bei der "Bild"-Zeitung abgebrochen - nicht zufällig im Jahr des Berliner Mauerbaus. Sie hat danach für renommierte Zeitungen und für Fernsehsender gearbeitet, war 1971 die erste Frau, die die "Heute"-Sendung im ZDF präsentierte, sie war aber auch bei der Wahl 1972 - davor natürlich - einer der Mitarbeiterinnen der Sozialdemokratischen Wählerinitiative für den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt. Und sie war die Frau, die gestern in unserem Auftrag unter anderem um 22.45 Uhr Fernsehen geguckt hat und die Sendung mit Ulrich Wickert und Günter Grass gesehen hat. Jetzt ist sie bei mir im Studio. Schönen guten Morgen, Frau Bruhns!

Wibke Bruhns: Guten Morgen!

Kassel: Bevor wir uns über verschiedene Zeiten des 20. Jahrhunderts, in denen es vorgeblich nicht möglich war, gewisse Dinge zuzugeben, unterhalten, hören wir uns mal den zentralen Satz an aus der Sendung gestern - das ist natürlich relativ, was der zentrale Satz war, aber natürlich kam von Wickert mehrmals sogar die Frage: Warum erst jetzt, warum das erst jetzt zugeben, Herr Grass? Und eine der Antworten auf diese Frage lautete so:

"Das lag bei mir begraben. Ich kann die Gründe auch nicht genau nennen. Es hat mich immer beschäftigt, es war mir immer präsent, und ich war der Meinung, dass das, was ich tat als Schriftsteller, als Bürger dieses Landes - was all das Gegenteil dessen bedeutete, was mich in meinen jungen Jahren während der Nazi-Zeit geprägt hat -, dass das ausreicht. Ich war mir auch keiner Schuld bewusst. Ich bin zur Waffen-SS gezogen worden, war an keinem Verbrechen beteiligt, hatte aber immer das Bedürfnis, eines Tages darüber in einem größeren Zusammenhang zu berichten. Und das hat sich jetzt erst ergeben, indem ich meine inneren Widerstände überwunden habe, überhaupt autobiografisch zu schreiben und diese meine jungen Jahre zum Thema gemacht habe. Und in diesem größeren Zusammenhang konnte ich offen darüber sprechen."

Günter Grass gestern Abend in der ARD im Gespräch mit Ulrich Wickert. Die Journalistin Wibke Bruhns hat sich das für uns unter anderem angesehen und ist bei uns im Studio. Frau Bruhns, als Sie das und auch andere Äußerungen von Günter Grass zu diesem Thema gestern gesehen und natürlich gehört haben, hatten Sie da vor dem Fernseher das Gefühl, das ist tatsächlich so, das hätte er so in den 50er, 60er Jahren, auch zur 68er Zeit später, nicht sagen können, dann wäre er weg vom Fenster gewesen?

Bruhns: Also ich denke mal, er hätte es eher in den 50er und 60er Jahren sagen können als zu Zeiten der 68er. Sie erwähnten vorhin die Sozialdemokratische Wählerinitiative. Ich muss sagen, dass, wenn er dann, zu der Zeit, '72, aber auch '69, damit rausgekommen wäre, da wären also die Genossen und Freunde in der Wählerinitiative ganz schön ins Schlittern geraten. Wenn er das da erst erzählt hätte. Wenn es allerdings natürlich bekannt gewesen wäre die ganze Zeit, dann hätte man gut damit umgehen können. Ich glaube, in den 50er und 60er Jahren war das kein Makel. Da wird es doch noch ein paar mehr gegeben haben, die bei der Waffen-SS waren, vielleicht nicht so viele, die so ausgeteilt haben wie er. Er hat ja wirklich ausgeteilt. Und hatte eine Form von Arroganz und Anmaßung in der Beurteilung anderer Leute, das ist dann ein bisschen schwierig, wenn man im selben Boot sitzt.

Also ich denke, irgendwann hat er den Zeitpunkt verpasst. Und jetzt allerdings hatte ich in der Sendung gestern, die mir übrigens sehr viel besser gefallen hatte, als ich befürchtete, so das Gefühl, der Leidensdruck ist nicht sonderlich hoch. Er sagt ja auch, das muss ihm überlassen bleiben, wann er das denn nun eigentlich sagt. Im Prinzip hat er Recht. Dann darf er sich aber auch nicht wundern, wenn das gesamte Feuilleton in Deutschland und im Ausland so über ihn herfällt. Denn wiederum ist das eine Konsequenz dessen, was er über all die Jahrzehnte abgeliefert hat, nämlich diesen unendlichen Hochmut. Und da, denke ich, muss er sich gefallen lassen, dass er verprügelt wird.

Kassel: Nun sagt Günter Grass - er hat es gestern nicht noch mal gesagt in dem Interview mit Ulrich Wickert, aber in dem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", mit dem alles begann -, da sagt Grass wörtlich: "Die Gesellsch…" - und er meint jetzt die 50er, 60er Jahre natürlich - "Die Gesellschaft in der Adenauer-Zeit war durch eine Art von Spießigkeit geprägt, die es nicht mal bei den Nazis gegeben hatte." Wenn wir mal versuchen, darüber hinwegzusehen, dass das keine politisch korrekte Aussage ist, ist da trotzdem was dran?

Bruhns: Ja also erst mal, es ist übrigens doch eine politisch korrekte Aussage. Ich war ja auch ganz verblüfft, zu sehen, wie wenig spießig eigentlich die Nazi-Zeit war. Wir machen uns da ein falsches Bild. Das habe ich aber erst in den Recherchen zu meinem Buch festgestellt. Trotz und alledem glaube ich das nicht. Ich glaube, das ist im Gegenteil, ja, ich sage jetzt mal, ein Statussymbol gewesen wäre, wenn man bei der Waffen-SS war. Das war ja eine Zeit, in der man sich nicht schämen musste, bei den Nazis eine wie auch immer geartete Rolle gespielt zu haben. Davon gab es ja einige, und da gab es eben auch einige bis in die höchsten Spitzen der Regierung.

Kassel: Aber hing das nicht, Frau Bruhns, davon ab, in welchen Kreisen man verkehrte? Günter Grass war ein wichtiges Mitglied der Gruppe 47 …

Bruhns: Ja also da …

Kassel: … und die hatte ja bisschen der 68er Zeit, was die Verurteilung der Nazis angeht, schon vorweggegriffen.

Bruhns: Ja das ist, das ist sicher richtig. Also er ist da auch ein bisschen unscharf in dem, was er sagt, wen er eigentlich meint mit der "Gesellschaft". Und ich war nun damals noch viel zu klein und kenne mich da nicht aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass gerade also Gruppe 47 und das Umfeld nun so spießig gewesen sein sollte. Das fällt einem so zunächst mal nicht ein, wenn man über diese Leute nachdenkt. Und vielleicht hat er sich - also die allgemeine deutsche Gesellschaft war das sicher und da war es nicht ehrenrührig, auf irgendeine Art und Weise eine Nazi-Vergangenheit zu haben. Bei der Gruppe 47 ist das sicher anders gewesen, und er hat sich dann wohl nicht getraut - was eigentlich dummes Zeug ist, denn niemand hätte einem 16-, 17-Jährigen übel genommen, dass er da irgendwo reingerutscht ist.

Kassel: Kommen wir doch noch mal auf diese 68er Zeit, die Sie ja bewusst miterlebt haben, um einen bisschen diesen Druck, den man sofort spürt als Deutscher, wenn man über eine NS-Vergangenheit redet, mal runterzunehmen. Kommen wir mal zum Beispiel Rudi Dutschke, Der hat mit Ihnen was gemeinsam, der war auch bei der "Bild"-Zeitung, der war mal Sportreporter bei der "Bild"-Zeitung. Das hat man auch sehr viel später erst erfahren, allerdings nicht im Gespräch mit Uli Wickert. Sie waren selber ja auch bei der "Bild"-Zeitung.

Bruhns: Ja.

Kassel: War das, um mal ein anderes Tabu zu nehmen, das hat man natürlich als Linker nicht gemacht, egal wie links man war, ein bisschen links von der Mitte war nicht bei Springer- Sie haben ja auch mit großer Absicht dann sogar ihr Volontariat da abgebrochen, Dutschke war auch bloß ein Weilchen Sportreporter. Aber war selbst so etwas in den 70er Jahren zur harten 68er Zeit ein völliges Tabu?

Bruhns: Ja, das war schon schwierig. Ich bin zur "Bild"-Zeitung gegangen, weil die am meisten zahlten. Das ist also wirklich der simple Grund gewesen. Da gab es Volontariate, wo man für 100 Mark im Monat hätte arbeiten müssen, und die zahlten sehr viel besser. Und, das muss ich schon auch sagen, die Ausbildung war prima. Also ich habe da eine Menge gelernt.

Kassel: Haben Sie das 1972 den Kollegen zum Beispiel bei der Wählerinitiative für Brandt abends so erzählt?

Bruhns: Also ich habe das jedenfalls nie verheimlicht. Weil ich, wie gesagt, ich habe da sehr von, ich habe wirklich profitiert von diesem Volontariat bei der "Bild"-Zeitung. Ich habe auch davon profitiert, dass ich irgendwann das Weite gesucht habe, weil: Ich war, glaube ich, die erste und einzige Volontärin, die tatsächlich ein Volontariat abgebrochen hat aus politischen Gründen - steht auch so in meinem Zeugnis. Trotz und alledem war das eine Zeit, die ich nicht missen möchte und in der ich eine Menge vom Handwerk gelernt habe, das muss man schon sagen. Die Zeitung war, als ich das gemacht habe, nämlich Mauerbau, das war ja noch mal zehn Jahre vorher, nicht, die war schon immer schlimm, aber so schlimm war sie nicht.

Kassel: Lassen Sie uns nicht so lange bei der "Bild"-Zeitung" bitte bleiben. Ich finde das sehr interessant, aber kommen wir zurück auf dieses Dutschke-Beispiel auch - ein sehr viel harmloserer Fall ja, als jetzt bei der Waffen-SS gewesen zu sein. So viel müssen wir Springer lassen, es ist harmloser, da mal gearbeitet zu haben. Aber diese vielen Tabus, war das wirklich so, dass letzten Endes - "Spießigkeit" wird, wenn man in ein Wörterbuch guckt, übersetzt mit "Engstirnigkeit" -, war das so, dass die 68er sehr engstirnig waren?

Bruhns: Also jedenfalls hatten sie sehr rigide Maßstäbe, was man tat und was man nicht tat. Der Gruppendruck war ungeheuer stark. Und deswegen denke ich schon, also Günter Grass hätte zu 68er Zeiten im weitesten Sinne, also nehmen wir mal seine Aktivitäten bei der Wählerinitiative '69 und '72, das wäre ein sehr ungünstiger Zeitpunkt gewesen, damit rauszukommen.

Kassel: Wie war es denn 1985, um darauf jetzt zu kommen? Das war das Jahr, in dem es den Besuch von Ronald Reagan und dem damaligen Bundeskanzler Kohl in Bitburg, auf dem Soldatenfriedhof, gab, und da hat Grass sehr polemisiert gegen diesen - natürlich nicht als einziger, aber es geht jetzt um ihn -, sehr polemisiert, weil da eben auch Angehörige der Waffen-SS liegen. War es da immer noch nicht möglich, da mal zu sagen: Da hätte eigentlich theoretisch auch ich liegen können?

Bruhns: Also es wäre immer, es wäre immer zu spät gewesen. Das ist gar keine Frage. Wann immer er das sagt, wenn er es nicht unmittelbar in dem Moment, wo er angefangen hat, sich ins öffentliche Leben einzumischen, sofort auf den Tisch gelegt hätte, wäre es immer zu spät gewesen, es hätte immer irgendjemand sagen können: Warum erst jetzt? Natürlich wäre Bitburg eine Gelegenheit gewesen. Und natürlich hat er ungeheuer ausgeteilt, eben gerade in diesem Zusammenhang mit Bitburg. Und ich frage mich: Wo hat er die Chuzpe hergenommen? Ich meine, was ist denn das für ein Verdrängungsprozess? Wenn man also so wütet, dann - und selber bei der Waffen-SS war, und sei es auch noch so kurz und noch so zufällig und noch so unschuldig, wenn man das so nennen will -, dann hält man sich doch vielleicht ein bisschen zurück. Es ist dumm.

Kassel: Wie ist es denn jetzt? 2006 hat er es erzählt, es steht in seiner Autobiografie, er hat es der "FAZ" erzählt, er hat es gestern im Fernsehen erzählt. Abgesehen von dem Ärger, den es natürlich auch jetzt noch gibt, was nützt es dem Günter Grass, das jetzt zu erzählen?

Bruhns: Na ja, wenn er eine Autobiografie schreibt, dann gehört das da wohl rein, vor allen Dingen, da er sich diesen Zeitraum ausgesucht hat. Ich bin ein bisschen sauer auf ihn, weil ich denke mir, Günter Grass hat eine Menge zu erzählen über die Zeit. Und ich will jetzt endlich das Buch lesen, weil ich denke mir, da muss ja noch mehr drinstehen als diese blöde Waffen-SS. Er ist ja ein Zeitzeuge, dem ich gerne zuhören möchte. Und es nützt ihm gar nichts, nur er kommt jetzt natürlich, wenn er dann dieses Vorhaben schon macht, dann kommt er nicht daran vorbei, denke ich.

Kassel: Über dieses Buch, was Sie erwähnt haben, das wollen sicherlich viele Leute lesen, da kann ich an dieser Stelle sagen, das kann man hören bei uns im Programm heute Abend um 19.30 Uhr haben wir eine Lesung aus dem Buch von Günter Grass, kleiner Ausschnitt dazu schon um fünf vor drei. Aber ich sage jetzt schon - so schön es ist, es zu hören - es ist kein Ersatz dafür wahrscheinlich, das Buch wirklich zu lesen.

Bruhns: Ne, das ist wirklich so.

Kassel: Wibke Bruhns, ich danke Ihnen, dass Sie bei uns waren zu diesem Thema. Danke fürs Kommen.

Bruhns: Gerne, gerne.

Kassel: Die Journalistin Wibke Bruhns im Gespräch im Deutschlandradio Kultur.

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