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Lesart | Beitrag vom 11.10.2021

Irene Dische über "Die militante Madonna"Wie Transgender im 18. Jahrhundert gelebt wurde

Moderation: Joachim Scholl

Das Bild "Fencing Match Between Mademoiselle La Chevaliere D'Eon De Beaumont and Monsieur De Saint George, 1787" nach Charles Jean Robineau. Aus der Zeitschrift "The Connoisseur Magazine", London, 1908. (picture alliance / Heritage Images / The Print Collector)
Druck aus einer englischen Zeitschrift 1908 nach dem Gemälde "Fechtkampf zwischen Mademoiselle La Chevaliere D'Eon De Beaumont and Monsieur De Saint George, 1787" von Alexandre-Auguste Robineau. (picture alliance / Heritage Images / The Print Collector)

In "Die militante Madonna" schreibt Irene Dische über eine schillernde Persönlichkeit aus dem 18. Jahrhundert: Chevalier d’Éon de Beaumont. Sie lebte als Mann und als Frau. Das sei in höheren Kreisen akzeptiert gewesen – und doch gab es Skandale.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Irene Dische schreibt in ihrem Roman "Die militante Madonna" über eine Person aus dem 18. Jahrhundert, von der nicht ganz klar ist, ob sie Mann oder Frau war. Ihr Name: Chevalier d’Éon de Beaumont. Eine zu ihrer Zeit wichtige Persönlichkeit, sagt Dische, die neben den USA auch in Berlin lebte. Chevalier d’Éon de Beaumonts Porträt hänge zwar in der London Portrait Gallery, doch sei sie völlig in Vergessenheit geraten.

Dische ist auf den Namen gestoßen, als sie sich in der Coronazeit literarisch mit dem 18. Jahrhundert beschäftigt hat. "Es war eine exzentrische Zeit. Man durfte das sein, was man sein wollte. Für Bürgerliche oder für die höhere Schicht war alles offen."

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In den USA wurde während der Coronazeit viel über Gender diskutiert. Deswegen habe sich d’Éon de Beaumont Dische als Thema aufgedrängt, "weil er das ja eigentlich total ausgelebt hat", so Dische.

De Beaumont sei vieles und viele gewesen: offiziell der französische Botschafter in England nach dem Siebenjährigen Krieg. "Er war ein berühmter Degenfechter, er war ein großer Soldat, sehr tapfer, ist mehrmals verwundet worden im Siebenjährigen Krieg. Er war ein brillanter Schreiber, er war ein Ökonom – und er hat sich öfters als Frau gekleidet."

Als Frau sei de Beaumont dann Spionin am Hof der russischen Zarin Katharina der Großen gewesen.

D’Éon de Beaumont habe zumindest zeitweise luxuriös gelebt, mindestens als Botschafter in England, erklärt Irene Dische. Das sei belegbar. Dische schildert de Beaumont in ihrem Roman als in sexueller Hinsicht keusch und sehr fromm mit vielen Stunden Gebet am Tag. Das habe sie zum Teil aus de Beaumonts Schreiben entnommen. "Er hatte einen sehr kuriosen Seelenhaushalt. Das hat mich daran auch so interessiert."

Per Dekret als Frau leben

Bei aller Freizügigkeit der Epoche gab es um de Beaumonts Existenz aber auch immer wieder Skandale. So wurden etwa Wetten abgeschlossen, ob er ein Mann oder eine Frau sei, vor allem im schon damals wettbegeisterten England. Es gab große Intrigen. Am Ende musste d’Éon de Beaumont per Dekret des französischen Königs wie eine Frau leben und aussehen, um weiterhin die Apanage – eine Art Abfindung für nicht regierende Mitglieder eines Adelsgeschlechts – behalten zu können.

Dem französischen Staat brachte das Vorteile: Als Frau habe d’Éon de Beaumont keine Rechte mehr gehabt und sich auch nicht mehr äußern können.

Weil nach der Französischen Revolution die Apanage entfiel, sei de Beaumont zurück nach England geflohen und habe dort weiter als Frau gelebt. Seinen Lebensabend habe de Beaumont in Armut verbracht. Mit welchem Geschlecht d’Éon de Beaumont geboren worden sei, sei letztlich nicht ganz klar, sagt Irene Dische.

"Frei von der Ich-Bezogenheit"

Was ihr so gefalle an dieser Figur und vielen Figuren dieser Zeit? Dass sie so frei seien von der Ich-Bezogenheit. "Die leben, ohne zu sehr über sich selber nachzudenken." Für sie sei d’Éon de Beaumont eine befreiende Figur. "Weil sie tut, was sie will. Er tut, was er will, und der Fokus ist nicht auf ihm, sondern auf seiner Umwelt."

Der Name spielt über d'Éon de Beaumonts Tod hinaus eine Rolle. In der frühen Sexualwissenschaft, am Anfang des 20. Jahrhunderts, wurden mit dem Begriff "Eonismus" sogenannte transvestitische Neigungen umschrieben. Und bis heute gibt es die Beaumont-Society, die sich für die Emanzipation und gegen die Diskriminierung von Transgender-Menschen einsetzt.

(abr)

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