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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 28.12.2015

IranDer verbotene Gesang der Frauen

Von Reinhard Baumgarten

Vahdat Hall in Tehran (picture alliance / dpa / Foto: epa Abedin Taherkenareh)
Männer dürfen im Iran öffentlich musizieren, Frauen nicht. Hier die Vahdat Hall in Teheran. Am 29. August 2007 spielte dort zum ersten Mal nach der Iranischen Revolution das Osnabrücker Symphonieorchester. (picture alliance / dpa / Foto: epa Abedin Taherkenareh)

Nach der Iranischen Revolution 1979 waren westliche Klänge verboten, iranische Sänger und Sängerinnen durften nicht mehr auftreten. Während Männer heute wieder öffentlich musizieren, bleibt es den Frauen immer noch versagt. Einzelne Frauen akzeptieren das nicht.

Sadegh Ahangarān – die Stimme des Krieges in den 80er-Jahren. Der Einpeitscher auf den Schlachtfeldern zwischen Irak und Iran. Hundertausende sind mit seinem "Nouheh" genannten Sprechgesang im Ohr in den Kampf und in den Tod geschickt worden.

"Ich habe deinen Ruf gehört, mein Bruder, und folge deinem Weg.

Der Karawane von Kerbela – ihr schließe ich mich an!"

Iran nach der Revolution vom Februar 1979: Umbruch, Unruhe, Konfrontation und Krieg. Musik im Allgemeinen ist verpönt, weltli­cher Gesang wird nicht geduldet, westliche Mu­sik ist bei Strafe verboten. Die neuen Macht­haber halten all das alles für unislamisch. Gi­tarren, Saxophone, Klarinetten – was west­lich klin­gende Tö­ne erzeugt, wird beschlag­nahmt, konfisziert, eingesammelt und häu­fig auch zerstört. Re­volutionswächter machen Jagd auf Schallplatten und Kassetten. Konzerte und Auftritte ira­nischer Sänger und Sän­gerinnen werden verboten. Musikunterricht ver­schwindet aus den Lehrplänen. Ein Land verliert Töne und Melodien. 

Sadegh Ahangaran – er ist in jenen Jahren mit seinen schlichten Sprechgesängen gefragt. Darin geht’s um Opferbereitschaft, Martyrium und den großen Sieg gegen die Feinde im Irak und im Rest der Welt.

Verbannt ist die unglaubliche Stimmakrobatik der klassisch-iranische Lieder intonie­renden Sängerin Parisa…verboten ist die Leichtigkeit der kecken iranischen Popgröße Gogoosh. Parisa, Go­goosh, Marzieh, Hayedeh und viele andere iranische Sängerinnen sind beliebte Stars vor der Revolution. Sie alle trifft der Bannstrahl der reli­giösen Herrscher. Und während ira­nische Sänger in den vergangenen 37 Jahren nach und nach wieder auf Bühnen und in Konzertsäle der Islamischen Republik zurück­kehren, gilt das Auftrittsverbot für Frauen bis heute. Eigentlich kenne sie die Gründe dieses Verbotes gar nicht, erklärt Mahsā Vahdat.

"Ich denke, Angst spielt eine große Rolle. Es ist die Angst vor der Stimme einer Frau. Und die Angst vor der Macht der Kunst."

Mahsā Vahdat ist 42 Jahre alt, sie ist in Teheran geboren und hat mit 14 begonnen, Gesangsunterricht zu nehmen.

"Wenn eine Frau singt, fühlt sie sich stärker. Deshalb denke ich, die Angst genau davor ist entscheidend und alles andere sind nur Ausreden. Ich denke, es ist die Angst vor Schönheit und Stärke, vor Freiheit und Befreiung."

Mahsā Vahdat hat vor gut einem Jahr in Norwegen eine neue CD aufgenommen. Beh Tarabnāki-ye Khāk heißt sie auf Persisch – Traces of an old Vineyard heißt sie auf Eng­lisch. Im Frühjahr 2015 hat der Sender BBC 3 das Album zur CD des Monats März ge­kürt. 

"Ursprünglich sollte das Album in einer Kunstgalerie namens ´Die Sei­denstraße` in Teheran vorgestellt werden. Es wurde aber in die norwegische Botschaft in Teheran verlegt. Es hatte eine Reihe von seltsamen ´Benachrichtigungen` von Per­so­nen gege­ben, die angeblich vom Ministerium waren. Das waren dubiose und befremd­liche Bot­schaften."

Das angesprochene Ministerium heißt Wezarat-e Farhang wa Ershad-e Eslamii – Mi­ni­s­terium für Kultur und Islamische Rechtleitung. Es hat übers ganze Land verteilt viele Tausend Mitarbeiter, die darauf achten, dass Kultur und Kunst, dass Zeitungen, Bücher, Filme und Theaterstücke im Einklang mit den Richtlinien der Islamischen Republik ste­hen. Ali Jannati ist der zuständige Minister.

"Demokratisierung der Kultur und deren Verbreitung, die Wahrung der is­lamisch-ira­ni­schen Werte sowie die Förderung der Wirtschaftlichkeit von Kunst und Kulturarbeit – das sind die Grundsätze unserer Kulturpolitik."

Seit August 2013 ist der 66-jährige Kulturminister. Häufig schon war er das Ziel heftiger Angriffe konservativer Hardliner, die ihm Laxheit bei der Umsetzung religiöser Grund­sätze in der Kulturpolitik vorwerfen. Jannati genießt die Rückendeckung seines Kabinettchefs Hassan Rohani. Dieser hat nach seiner Wahl zum Präsidenten eine Versöhnung mit der Welt und mehr Freiheiten im Inneren versprochen.

"Kunst ohne Freiheit ergibt keinen Sinn. Schaffenskraft ist nur mit Freiheitsliebe mög­lich."

Hehre Worte des 67-jährigen Hojatoleslām im Amt des Präsidenten. Die politische Rea­li­tät in seinem Land sieht oft genug ganz anders aus.

"Ich bin zwei Mal vorgeladen worden. Zuletzt als ich aus dem Aus­land zurückkam. An einem bestimmten Ort haben sie mir Fragen gestellt. Ich hatte nichts zu verbergen, denn meine Arbeit ist rein künstlerisch und nicht politisch. Aus mei­ner Sicht war alles ziemlich transparent."

Mahsā Vahdat singt Texte der persischen Mystiker Rumi und Hāfez. Ihre Lieder sind nicht subversiv. Sie handeln von Liebe, Sehnsucht, den Fährnissen der Exi­s­tenz. Vortrag und Arrangement sind modern mit Elementen aus Jazz und Blues. Im Iran ist ihre CD nicht zu haben. Sie darf nicht hergestellt und auch nicht verkauft werden. Das Ministe­ri­um erteilt singenden Frauen nicht die nötigen Genehmigungen. Der zuständige Minister und auch der Präsident des Landes wissen ei­genem Bekunden zufolge, wie wichtig die Schaffensfreiheit für Künstler ist.

"Das Gefühl der Sicherheit für die Kulturschaffenden führt zum Aufblühen der herr­li­chen Talente unserer Künstler. Ein Klima der Überwachung und Kontrolle hingegen wirkt tödlich auf Kunst und Kultur."

"Mit Direktiven können wir keine Kunst erzeugen. Polizeiüberwachung zerstört die Kunst schon im Keim."

Gefahr erkannt. Gefahr gebannt? Mitnichten, wendet Pari Maleki ein. Sie ist die Lehrerin von Mahsā Vahdat.

"Sehr häufig hat man mich ins Ministerium zitiert und befragt. Im Laufe der Jahre hat man sogar Arbeitsverbote gegen mich verhängt. Aber ich bin dran geblieben."

Pari Maleki ist 64. Sie ist die Pionierin singender Frauen in der Islamischen Republik.

"Ich hab ihnen gesagt, dass derjenige, der mir diese Stimme geschenkt hat, von mir verlangt, dass ich singe. Gott hat mir diese Gabe gegeben und deshalb muss ich meinen Khoms – meinen Tribut – in Form von Singen leisten."

"In diesem Land werden Frauen immer zur Seite gedrängt. Wenn ei­ne Frau sieht, dass sie etwas nur für sich alleine hat, dann fühlt sie sich stark. Das wirkt sich positiv auf die Beziehung zu ihrer Familie, ihrem Mann, ihren Kindern und auch auf die Ge­sell­schaft aus."

Eine Gesellschaft braucht starke Frauen

Starke Frauen braucht ein Land. Diese Erkenntnis hat ein Bericht der UN-Organi­sation UNDP vor ziemlich genau zehn Jahren mit Zahlen, Daten und Fakten belegt. In dem Be­richt ging es um die Situation von Frauen in arabischen Ländern. Die Autoren sind damals zu dem Schluss gekommen, dass wirtschaftlicher Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung massiv beeinträchtigt werden, wenn Frauen marginalisiert werden, wenn das Potential von bald 50 Prozent der Bevölkerung nicht wirklich ausgeschöpft wird. Was für mehrheitlich muslimisch-arabische Länder gilt, das gilt auch für den muslimischen Iran.

"Die Männerdominanz beschränkt sich nicht nur auf die Herren der Obrigkeit. Viele Ehe­­män­­ner – oder die Männer um uns herum – haben diesen typischen Männer­blick, auch wenn das scheinbar hinter einer gewissen Modernität versteckt wird.

Tooka Maleki ist Anfang 40. Während der Präsidentschaft des Reformers Mohammed Khatami hat sie Musikwissenschaft studiert. Ermutigt durch eine gewisse kulturel­le Öff­nung des Landes hat sie ein mehrere Hun­dert Seiten dickes Buch geschrieben.

"Mein Buch hieß ´Die Frauen in der iranischen Musikgeschichte`. Mein Ziel war, die Rol­le der Frau in allen Bereichen der Musik – also singen, Instrumente spielen, Dich­tung von Texten und Komponie­ren – in der gesamten Geschichte Irans zu erforschen. Es gibt Überlieferungen des Propheten Mohammad, denen zufolge er nicht gegen das Musizieren war. Er hat es nicht untersagt, wenn in seinem Beisein Musik ge­macht wurde. Wir haben auch Berichte darüber, dass bei der Hochzeit seiner Tochter Fatima Zahrā Musiker Tamburin gespielt haben sollen. Die ersten Proteste gegen mein Buch tauchten in Form von Artikeln in konservativen Zeitungen wie Keyhan und Resalat auf. Sie meinten in dem besagten Artikel über mein Buch, der Prophet Mohammed und religiöse Werte seien verunglimpft worden. In den Abschnitten über Musik im Islam hatte ich aber nur auf Überlieferungen hinge­wie­sen, die sich für oder gegen Musik aussprachen. Ich hatte gar keine eigene Stellung be­zogen."

Konservative Hardliner schießen sich auf Tooka Maleki ein. Die Vorwürfe reichen von Verunglimpfung heiliger Personen über Beleidung des Propheten bis zum Abfall vom Islam. Darauf steht im Iran die Todesstrafe. Tooka Maleki wird angeklagt, steht Todesäng­ste aus, wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und kommt nach erfolgreicher Revi­sion schließlich mit einer Geldstrafe davon. Ihr Buch wird verboten. 

In Händen kon­­servativer Hardliner

"Wir dürfen nicht vergessen und alle sollen es wissen, dass Kunst keine Gefahr dar­stellt. Künstler gefährden nicht die Sicherheit des Landes."

Also spricht Präsident Rohani. Und viele Menschen im Iran gestehen ihm auch eine gewisse Glaubwürdigkeit zu. Gleich­zeitig wissen und sehen sie aber auch, wie dem reform­willigen Präsidenten täglich die Grenzen sei­ner Macht auf­ge­zeigt werden. Die Streit­kräf­te, die staatlichen Medien, das Parlament und vor allem die Justiz sind in den Händen kon­­servativer Hardliner. Der Iran steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Das Land lei­det unter hoher Arbeitslosigkeit, massiven Dro­genproblemen und wach­sen­der Armut.

"Die sozialen Probleme müssen rasch behoben werden, ansonsten wird die Verbindung zwischen Staat und Gesellschaft reißen. Die wirkliche Bedrohung kommt von diesen Problemen und nicht von Künstlern. Sie sollen Symbole von Freude, Hoffnung und nationaler Einheit sein."

Pari Maleki ist eine Künstlerin, deren Stimme Freude, Hoffnung und Trost bringt. Sie hat es aufgrund ihrer Hartnäckigkeit trotz aller Widerstände geschafft, ihren Gesang auch öf­fentlich zu Gehör zu bringen.

"Es war sehr, sehr schwer die erste Genehmigung zu bekommen, aber ich ha­be es schließlich geschafft. Bis dahin konnte man viele Jahre keine Frauenstimme bei Kon­zerten hören. Man hat mir auch nur erlaubt, vor Frauen zu singen, und nicht in großen offiziellen Sälen. Die Genehmigung wurde mir auch gar nicht ausgehändigt. Sie teilten mir nur mit, dass ich singen dürfe. Erst als ich die offiziellen Beamten im Saal ge­sehen ha­be, wurde mir klar, dass ich wirklich singen durfte. Mein erster Auftritt vor gemischtem Publikum war in Shirāz beim Grabmal des Dich­ters Hāfez. Der ganze Hof des Mausoleums war voller Zuhörer. Einige meiner Schü­le­rinnen und ein männlicher Sänger haben mich begleitetet. Zuerst waren alle zu­tiefst ir­ri­tiert und es gab überhaupt keine Reaktion auf meine Darbietung. Später dann haben sich einige laut beschwert – z.B. der Frei­tags­prediger von Shiraz."

Seit mehr als 30 Jahren unterrichtet Pari Maleki Gesang. Der Unterricht findet zumeist bei ihr zuhause statt. 4/5 ihrer Schüler sind junge Frauen. Deren Ziel ist es zumeist nicht, professionelle Sängerin zu werden. Sie tun es nicht als Akt des Widerstands gegen das von Männern dominierte politisch-religiöse Establishment. Sie tun es für sich, für ihr Selbstwertgefühl, für ihr Selbstvertrauen.

"Sie wollen sich besinnen, zu sich kommen. Singen hilft ihnen dabei. Sie wollen durch den Gesang die Kultur besser kennenlernen. Unsre Musik ist die reichste Musik der Welt. Das sage ich aus Überzeugung. Wenn jemand sie erlernen will, dann dauert das mindestens zehn Jah­re. Ich glaube, woanders auf der Welt kann man in vier, fünf Jahren Musiker werden. Un­sere Musik ist reine Kultur und sie ist so reich wie die persische Spra­che."

An Versuchen, die iranische Kultur nach Vorstellungen der religiösen Herrscher umzuge­stal­ten, hat es nicht gemangelt. Oft genug ist der Vorwurf erhoben worden, Feinde der Is­lami­schen Re­publik versuchten über Kunst, Kultur, Musik und Wissenschaft die Fun­da­men­te der Re­volution zu untergraben. Die Infiltrierung durch den Feind sei eine der größten Bedrohungen für das Land, mahnte erst kürzlich wieder Irans starker Mann, Revolutionsführer Ali Khamenei.

"Wirtschaftlicher Einfluss ist möglich, aber das ist relativ unbedeutend. Die Infiltrierung des Sicherheitssystem ist möglich, aber auch das ist nicht so bedeutend, wie die kul­tu­rel­le, intellektuelle und politische Einflussnahme."

Der Iran ist kein abgeschottetes Land. Über Satellitenfernsehen, Internet, Auslandsrei­sen und Kulturaustausch können die gut 80 Millionen Iraner am globalen Geschehen teilneh­men. Die Revolutionäre fürchten den Einfluss von außen, weil er dazu beiträgt, dass mehr und mehr Menschen die revolutionäre Ideologie, die herrschenden Dogmen, und die in­sti­tutionalisierten Privilegien der herrschenden Eliten in Frage stellen. Doch um die irani­sche Kultur müsse sich niemand Sorgen machen, versichert die Musikwissenschaftle­rin Tooka Maleki.

"Wir Iraner haben stets unsere Kultur bewahrt. Araber und Mongolen haben das Land erobert, aber aus dem Iran ist kein Land wie Ägypten geworden, das seine gesamte Kultur und Sprache verloren hat. Die Iraner waren offen für andere Kulturen – eben auch für die Kulturen der Eroberer. Diese wurden in die eigene iranische Kunst und Kultur aufgenommen."

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