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Lesart | Beitrag vom 29.04.2020

Irakischer Dichter Umar Abdul Nasser"Halb Vogel bin ich, halb Baum"

Von Cornelia Wegerhoff

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Die Wand eines Café s ist mit Gedichten verziert. (Getty Images / Corbis  / Eric Lafforgue)
Aus dem Exil in Deutschland mahnt der irakische Dichter Umar Abdul Nasser seine Landsleute: "Passt auf eure Träume auf!" (Getty Images / Corbis / Eric Lafforgue)

Zwei Jahre lang hat sich der irakische Dichter Umar Abdul Nasser vor den Schergen des sogenannten Islamischen Staates versteckt. In seinen Gedichten schrieb er von Terror und Angst, von Liebe und Wut. Mittlerweile lebt er im Exil in Weimar.

Auch Umar Abdul Nasser ist im Home-Office. Der Dichter heißt dennoch zu einem kurzen Lyrik-Clip in Zeiten von Corona willkommen. Statt Lesungen gibt es Videos aus seiner Wohnung in Weimar, heute mit Begleitung aus Bagdad, von Ameen Mokdad an der Geige.

Umar Abdul Nasser erzählt in poetischen Worten vom Lächeln, das auch auf Abstand die Seele berührt. Mit dem Freund im Irak funktioniert das sogar über eine Entfernung von 4000 Kilometern. Aber jetzt ansonsten meist allein zu sein, erinnere ihn an die Zeit in seinem Versteck in Mossul, gibt der 34-Jährige zu.

"Es war eine sehr harte Zeit und gleichzeitig war sie auch fruchtbar."

"Ich musste meine Texte verstecken"

Denn während sich der Dichter vor den IS-Terroristen versteckte, schrieb er tagtäglich neu gegen sie an, richtete einen eigenen Youtube-Kanal ein, um seine Protestgedichte in Videos öffentlich zu machen.

"Ich rechnete damals damit, jeden Augenblick sterben zu müssen. Ich musste mich verstecken. Ich musste meine Texte verstecken, heimlich arbeiten. Und gleichzeitig konnte ich nicht aufhören. Mein Aufschrei war die einzige Macht, die es mir möglich machte, ich selbst zu bleiben. Die Poesie und die Kunst waren die letzten Räume der Freiheit."

Im Jahr 2014 wurde Mossul zur Hochburg des sogenannten "Islamischen Staates". Literatur und andere Künste erklärten die radikalen Milizen für angeblich unvereinbar mit dem islamischen Recht. Sie sprengten antike Tempel, zogen mit dem Presslufthammer durch das Museum von Mossul und ermordeten jeden, der sich gegen sie stellte. Für zwei Jahre tauchte Umar Abdul Nasser unter.

Verlust der Heimat

2016 floh er schließlich aus dem Irak. ICORN, ein Netzwerk von europäischen Städten, das Kulturschaffenden Asyl bietet, lud ihn ins polnischen Breslau ein.

Seit Juli 2019 ist Umar Abdul Nasser "Writers in Exile"-Stipendiat des deutschen PEN-Zentrums und des Vereins "Weimar – Stadt der Zuflucht". Der Verlust der Heimat ist auch Thema in seinen Gedichten:

"Halb Vogel bin ich, halb Baum. Eine Hälfte will Wurzeln schlagen, die andere fliegen. Was ist schöner? Gleiten durch grenzenlose Weite, ohne Pass, umweht vom Duft der Länder und Blumen und immer getrennt von den Lieben? Oder der Platz am warmen Ofen, umgeben von Kindern, Geschichten erzählen und spielen, die Liebste küssen, ohne Abschied fürchten zu müssen und abends die Türen zu verriegeln?"

Für das Unrecht im Irak sei aber nicht nur der islamistische Terror verantwortlich, stellt Umar Abdul Nasser klar.

"Es ist wichtig zu wissen, dass der IS nur so stark werden konnte, weil unsere Regierung so schwach ist. Mossul befand sich schon vor der Eroberung durch den IS in einer schwierigen Lage. Aber auf einmal waren wir umzingelt von verrückten, dummen Leuten, die das Leben hassen und uns als menschliche Schutzschilde benutzt haben."

Als das Volk nach Grundrechten rief

Mittlerweile ist Mossul offiziell vom IS befreit. Aber die irakischen Massenproteste vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie hätten gezeigt, dass seine Landsleute weiter um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie ihre Meinung äußern.

"Als die Leute am 1. Oktober mit diesem Aufstand begonnen haben, zuerst in Bagdad, um gegen die korrupte Regierung zu protestieren, haben sie angefangen, die Leute zu ermorden. Da waren Scharfschützen, die auf die Demonstranten geschossen haben, die einfach nur irakische Fahnen geschwenkt haben. Wieder versucht man, die Stimmen der Menschen zum Schweigen zu bringen."

"Conspirancy" nennt der Dichter eines seiner Gedichte dazu ironisch. Denn die irakische Regierung habe gleich von einer "Verschwörung" gesprochen, als das Volk nur nach seinen Grundrechten rief.

Wie so oft kombiniert Umar Abdul Nasser seine Werte mit eindringlicher Musik und Videos. In diesem Fall sind sie Beweismaterial für das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten.

Inzwischen habe das Coronavirus der irakischen Regierung dabei "geholfen", die Proteste der Iraker zu zerstreuen, sagt Umar Abdul Nasser bitter. Zusammen mit befreundeten Musikern aus aller Welt will er in seinen poetischen Corona-Clips unterdessen Mut machen, auch in diesen Zeiten zusammen zu halten.

"Passt auf eure Gesundheit auf", mahnen Umar Abdul Nasser und Ameen Mokdad, der Violinist aus Bagdad.

"Passt aber auch auf eure Träume auf!"

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