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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.06.2017

Irakische SchriftstellerinnenLiteratur als "drittes Auge"

Hannah Dübgen im Gespräch mit Frank Meyer

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Die Schriftstellerin Hannah Dübgen (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Die Schriftstellerin Hannah Dübgen berichtet von der Schriftstellerinnenkonferenz in Basra. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Autorinnen im Irak wollen endlich mitsprechen, sie wollen die "weibliche Perspektive" auf die Gesellschaft sichtbar machen, so berichtet die Schriftstellerin Hannah Dübgen von einer Konferenz in Basra. Beklagt wird die Kluft zwischen theoretischer Freiheit und praktischer Unfreiheit.

Vor Kurzem haben sich Schriftstellerinnen aus dem Irak getroffen, um über ihre Situation zu sprechen. Bei dem Treffen im südirakischen Basra waren auch die französische Autorin Elise Fontenaille und die deutsche Schriftstellerin Hannah Dübgen dabei. Sie hat in ihrem Roman "Über Land" von einer deutsch-irakischen Freundschaft erzählt.

Die Konferenz in Basra sei durch die Vielfalt der teilnehmenden Autorinnen besonders interessant gewesen, berichtet Hannah Dübgen im Deutschlandfunk Kultur. Die Autorinnen, von Mitte 20 bis Mitte 60, stammten aus ganz unterschiedlichen Regionen: Die Hälfte sei aus dem konservativen, schiitischen  Irak gekommen. Es habe aber auch Teilnehmerinnen aus Bagdad, Babylon, Kerbela oder Tikrit gegeben, der Stadt, die noch vor drei Jahren in den Händen des IS gewesen sei.

"Wenn man sie auf ihre Lage ansprach, kamen doch immer wieder ähnliche Themen durch. Es ging dann immer wieder um die Frage, inwiefern sich der Irak als Ganzes seit 2003, seit dem Sturz Saddam Husseins, verändert hat. Es gibt unterschiedliche Grade von Instabilität im Land. Aber es gab zwei Leitmotive: Einmal die Rolle der Frau oder der Eindruck von frustrierender Ko-Existenz von praktischer Unfreiheit und theoretischer Freiheit. Das klang immer wieder durch in den Gesprächen."  

So existiere zwar in der irakischen Verfassung von 2005 eine festgeschriebene Frauenquote von 25 Prozent für sämtliche öffentlichen Parlamente. Die Praxis sehe allerdings anders aus:

"Die irakischen Autorinnen – so unterschiedlich sie auch waren – sagten aber einhellig: 'Nein, diese Frauen repräsentieren uns nicht.' Sie sind oft von ihren Männern oder von ihren Vätern eingesetzte Frauen der konservativen Parteien, die eher den Status quo zementieren als dass sie wirklich was für uns tun."

Schwierige Situation des irakischen Buchmarkts

Die Situation auf dem irakischen Buchmarkt sei weiterhin schwierig, so beschreibt es Dübgen. Der Verleger Abdulmahdi Al-Amiri vom Al-Aghadir Verlag aus Basra habe ihr von Chaos und Intransparenz berichtet. Offiziell hätten seit dem Sturz Saddams irakische Druckereien und Verlage zwar das Recht, Bücher zu veröffentlichen. Tatsächlich wurden jedoch bis 2013 die unter Saddam eingeführten Ausfuhrzölle und das Verbot, irakische Bücher ins Ausland zu exportieren, weiter praktiziert - was das Überleben unabhängiger, junger Verlage enorm erschwerte.

Zudem brauche man seit 2003, so Al-Amiri, zwar offiziell keine Publikationserlaubnis des Kulturministeriums mehr, trotzdem würden auch weiterhin Zuschüsse für das Drucken von Schulbüchern - für viele irakische Verlage eine wichtige Einkommenquelle – weiterhin nur einer Handvoll Verlagen, "denselben wie damals", gewährt. 

Weibliche Perspektive auf die irakische Gesellschaft

Die Themen Krieg und Gewalt seien in den literarischen Werken immer noch sehr präsent, meint Dübgen – gerade auch im Bereich der Lyrik:

"Für viele Autorinnen, die wir getroffen haben, ist die Lyrik die Königsdisziplin in der Literatur. Dazu kommt auch erzählende Prosa. Viele Frauen haben gesagt: Eigentlich ist jetzt der Moment für uns gekommen, wo wir wirklich aus einer weiblichen Perspektive erzählen wollen. Sie meinen, dass die weibliche Perspektive  auf die heutige irakische Gesellschaft eigentlich nicht sichtbar ist. Gerade durch die Literatur, so die Hoffnung, würden eben  alle Leser – männliche wie weibliche – diesen Blick auf die irakische Gesellschaft erfahren können." 

Von der amerikanischen "Besatzung" nach 2003 hatten sich viele Autorinnen eine Verbesserung der Situation für Frauen im Irak erhofft, doch das Gegenteil sei der Fall: "Man muss den Mädchen heute mehr Mut machen als früher", konstatiert eine junge Babylonierin, und gerade deshalb sei die Literatur zum Finden der eigenen Stimme, als "drittes Auge” so wichtig. Denn der Krieg ist in der Literatur wie auch im Alltag - in Form zerbombter Ruinen neben bewachten Neubauten - noch immer gegenwärtig.

Nur vernetzt geht es weiter

Wie es dennoch vorwärts gehen könne? Durch Vernetzung, digital und real, sowie durch einen internationalen Austausch, betont Aliya Talib aus Bagdad:

"Wir sind doch alle über soziale Medien in Kontakt. Das sollte vertieft werden."

Zum Beispiel durch mehr Webseiten, die Lyrik übersetzen, durch Festivals und Kongresse, die vergleichende Literaturwissenschaftler aus der westlichen und der arabischen Welt zusammenbringen, durch weniger administrative Hürden bei der Einladung zu Buchmessen, oder durch literarische Briefwechsel über die Kulturen hinweg. Darin waren sich die irakischen Autorinnen einig, ob sie nun Schleier und Abaya trugen, oder Hosenanzug, ob sie nebem dem Schreiben bloggten, unterrichteten, Zeitschriften in Bagdad herausgaben oder sich gerade zum Thema "Photoshop" weiterbildeten.

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