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Konzert / Archiv | Beitrag vom 27.05.2020

"Intonations" im Jüdischen Museum BerlinEin Festival trotz alledem

Moderation: Volker Michael

Denis Kozhukhin, KlavierClara Jumi Kang, Malina Ciobanu, ViolineMadeleine Carruzzo, ViolaTim Park, Violoncello, Anton Kammermeier, Kontrabass spielen das Klavierkonzert A-Dur KV 414 von W.A. Mozart im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)
Auch ohne Publikum ein Ereignis - Musikerinnen und Musiker von Intonations 2020 im Glashof des Jüdischen Museums Berlin (Monika Rittershaus/JMB)

Die 9. Ausgabe des Kammermusikfestivals Intonations war im Corona-Modus ein Mini-Festival ohne Publikum - wir bringen hier auch den dritten Abend aus dem Jüdischen Museum Berlin mit Werken von Schubert, Mozart, Schönberg und Brahms.

Das für Ende April geplante Kammermusikfestival Intonations musste verschoben werden und fand nun Mitte Mai an drei Abenden ohne Publikum und mit leicht verändertem Programm statt. Wir haben zwei Abende live aus dem Jüdischen Museum Berlin übertragen und bringen jetzt den dritten Abend in Aufzeichnung vom 14. Mai 2020.

Das deutschsprachige Jerusalem

Die Wiener Musikkultur steht unverändert wie ursprünglich geplant im Zentrum dieses Mini-Festivals, das in der Form von Geisterkonzerten stattfindet.

Wien war um 1900 eine Art deutschsprachiges Jerusalem, wegen seiner großen Jüdischen Gemeinde, aber auch wegen seiner Orientalität, also den starken osteuropäischen und südosteuropäischen Einflüssen. Und die meisten Musikerinnen und Musiker, die dort wirkten, waren selbst gar nicht aus Wien, sondern hatten sich die Metropole als Wirkungsort ausgesucht, wenn nicht sogar ihre Anerkennung als Künstler dort hart erkämpft.

Mihaela Martin, Hartmut Rohde und Frans Helmerson spielen das Trio D 581 von Franz Schubert im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)Mihaela Martin, Hartmut Rohde und Frans Helmerson spielen das Trio D 581 von Franz Schubert im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)

Der Abend begann mit dem Streichtrio B-Dur D 581 von Franz Schubert. Ein sehr typisches Werk des geborenen Wiener Komponisten. Es spielt mit den großen Gesten der Wiener Klassiker und der italienischen Oper, hat aber die deutlich romantischen Brüche und saugt regelrecht die Volksmusik der Habsburger Hauptstadt und ihrer umliegenden Provinzen auf und wirft sie in ein neues Licht.

Alma Mater zweier Festivals

Eine Person steht als Alma Mater hinter dem "Jerusalem International Chamber Music Festival" und dem Berliner Ableger "Intonations" im Jüdischen Museum: Die in Berlin lebende Pianistin Elena Bashkirova. Auch der neunte Jahrgang des überaus erfolgreichen Kammermusikfestivals sollte wieder renommierte Musiker aus vielen Ländern im Glashof des Jüdischen Museums Berlin versammeln – auf Einladung Bashkirovas und eines Freundeskreises. Nun ist es im Jahr 2020 ein kleines Festival, exklusiv bei uns im Radio zu erleben.

Mit ihrem Sohn Michael Barenboim spielte Elena Bashkirova am letzten Abend die überaus expressive und technisch hochkomplexe Fantasie für Violine in Begleitung des Klaviers op. 47 von Arnold Schönberg. Das stammt aus Schönbergs späten Jahren, die er in den USA im Exil lebte.

(Monika Rittershaus/JMB)Michael Barenboim und Elena Bashkirova spielen die Fantasie op. 47 von Arnold Schönberg im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)

"Intonations" gehört zu den wenigen dezidierten Kammermusikfestivals der Bundeshauptstadt. Das Publikum strömt eigentlich immer im April ins Jüdische Museum, um anspruchsvolle und oft auch lang dauernde, jedoch immer spannende Programme zu genießen. Nun sind die Musikfreunde auf die Verbreitung über Radio und Internet angewiesen.

Live ist das Beste für Musik

Doch Elena Bashkirova geht mit ihren Musikerinnen und Musikern mutig voran, um auch anderen Kammermusikfestivals Wege aus dem existenzbedrohenden Lockdown anzuzeigen. Musik muss live gespielt werden - eine Veranstaltung wie ein solches Musikfestival ist zwingend notwendig und kann nicht dauerhaft im Stadium des "abgesagt"-Zustands gehalten werden.

Die Pianistin Elena Bashkirova im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)Die Pianistin Elena Bashkirova im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)

Das Pausengespräch zum Festival 2020 mit Elena Bashkirova können Sie hier hören:

Wie als hätte er die Nöte der Lockdown-geschädigten Musikerinnen und Musiker vorausgeahnt, hat der große Wiener Klassiker Salzburger Herkunft einige seiner Klavierkonzerte auch für eine reduzierte Fassung vorgesehen. 

Statt dem "großen Orchestre"

Gleich zwei der Wiener Klavierkonzerte Wolfgang Amadeus Mozarts tauchen im Festivalprogramm 2020 auf: Das in A-Dur KV 414 erklang am dritten und letzten Abend mit Denis Kozhukhin als Klaviersolist - mit fünf Streichern in der Rolle des begleitenden Orchesters.

Der Klarinettist und Dirigent Karl-Heinz Steffens im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)Der Klarinettist und Dirigent Karl-Heinz Steffens im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)

Dieses wie ebenso das am ersten Abend gespielte C-Dur-Konzert KV 415 hat der Komponist selbst sowohl zur Aufführung "bey großem Orchestre mit blasenden Instrumenten" als auch in einer kleinen Streicherbesetzung vorgesehen.

Auch er hat also unbewusst vorgesorgt für Zeiten eines damals unvorstellbaren Konzertverbots - eine "Normalisierung" ermöglichen wir, indem wir uns das große Repertoire in kleinen Schritten erschließen, um dann hoffentlich bald wieder das "große Orchestre" hören zu können. Nicht weniger orchestral gedacht ist das späte Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier von Johannes Brahms.

Evergreens des Kammermusikrepertoires

Ob nun bekannte und beliebte oder ausgefallene und neuartige Werke - alle erklingen bei "Intonations" in einer engagierten Version, die die Gäste Elena Bashkirovas liebevoll erarbeitet haben. Im reduzierten Festivalprogramm des Jahres 2020 gibt es besonders viele Evergreens des romantischen Kammermusikrepertoires, darunter auch das Trio für die Klarinette von Johannes Brahms.

Geschrieben hat es der Wahl-Wiener für den Meininger Klarinettisten Richard Mühlberg. Der habe einen extrem sinnlichen Ton gehabt, erklärte Karl-Heinz Steffens im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Sein Vibrato war legendär. Eine sehr moderne und zugleich innige Interpretation des Trios von Brahms bildete den feierlichen Abschluss des Intonations-Festivals 2020.

Karl-Heinz Steffens, Denis Kozhukhin und Eckart Runge spielen das Klarinettentrio op. 114 von Johannes Brahms im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)Karl-Heinz Steffens, Denis Kozhukhin und Eckart Runge spielen das Klarinettentrio op. 114 von Johannes Brahms im Glashof des Jüdischen Museums Berlin am 14.5.2020 beim Festival Intonations. (Monika Rittershaus/JMB)


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Kammermusikfestival Intonations
Glashof des Jüdischen Museums Berlin
Aufzeichnung vom 14. Mai 2020

Franz Schubert
Trio für Violine, Viola und Violoncello B-Dur D 581

Mihaela Martin, Violine
Hartmut Rohde, Viola
Frans Helmerson, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzert A-Dur KV 414

Denis Kozhukhin, Klavier
Clara Jumi Kang, Malina Ciobanu, Violine
Madeleine Carruzzo, Viola
Tim Park, Violoncello
Anton Kammermeier, Kontrabass

Arnold Schönberg
Fantasie für Violine in Begleitung des Klaviers op. 47

Michael Barenboim, Violine
Elena Bashkirova, Klavier

Johannes Brahms
Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier a-Moll op. 114

Karl-Heinz Steffens, Klarinette
Eckart Runge, Violoncello
Denis Kozhukhin, Klavier

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