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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.09.2011

Intime Szenen aus der Todeszelle

Mario Vargas Llosa: "Der Traum des Kelten", Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011, 447 Seiten

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Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa in der Paulskirche in Frankfurt am Main (AP)
Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa in der Paulskirche in Frankfurt am Main (AP)

Mario Vargas Llosa erhielt im Oktober 2010 den Literaturnobelpreis. Zuletzt arbeitete er vier Jahre lang an dem Roman "Der Traum des Kelten", der jetzt auf Deutsch erschienen ist. Hier knüpft er an sein Frühwerk an und schafft ein Alterswerk, das zittert vor Empörung und Empathie.

Mit dem "Traum des Kelten" kehrt Vargas Llosa zu seinen Anfängen zurück, als er mit dem Roman "Das grüne Haus" die Gräueltaten des Kolonialismus anprangerte und schilderte, wie die Indios in den Urwäldern des Amazonas vernichtet wurden. Bis hin zu seinen Diktatorenromanen wie dem "Fest des Ziegenbocks" von 2001 konzentrierte sich Vargas Llosa auf das Geschehen in Lateinamerika. Frei nach seinem poetologischen Motto: "Der Ursprung aller Geschichten ist die Erfahrung des Erfinders". Spätestens mit dem "Traum des Kelten" erweitert Vargas Llosa jedoch seinen Horizont. Denn die Hauptfigur dieses Romans durchquert drei Kontinente.

Er verwandelt sich von einem Anhänger der Kolonisation – im Auftrag der Zivilisation – zu einem erbitterten und verbitterten Kritiker des Systems der Ausbeutung. Dieser Ire beobachtet um 1900 im Kongo und am Amazonas, wie die Kolonialherren und ihre Handlanger die Eingeborenen auspressen, quälen, foltern und vernichten. Dieser Roger Casement wird schließlich zum irischen Freiheitskämpfer, der im Kampf gegen den englischen Kolonialismus nach dem irischen Osteraufstand von 1916 am Galgenstrick endet.

Der Roman beginnt dramatisch und grandios. Roger Casement sitzt in einem Londoner Gefängnis in der Todeszelle. Sein Wärter verachtet ihn. Denn dessen Sohn ist im Krieg gegen die Deutschen gefallen. Und Casement hatte sich mit den Deutschen verbündet, hatte deutsche Waffen nach Irland geschmuggelt, wurde verraten von seinem homosexuellen Freund. Und jetzt hofft er auf Begnadigung, darauf, dass ihm seine Verdienste für die englische Demokratie durch seine Aufklärung der belgischen Verbrechen im Kongo angerechnet werden.

Der Fall von Casement wird von außen geschildert, aber der Erzähler gewährt diesem Helden seine Einfühlungskraft und volle Sympathie. Die eher intimen Szenen in der Todeszelle werden wie in einem schalllosen Raum als Seelendrama aufgeführt und dann krass kontrastiert, unterschnitten und parallel geschaltet mit Erinnerungen an die Erfahrungen im Kongo, am Amazonas und in Deutschland, das damals dem Iren Unterstützung bot.

Mit der Fahrt auf dem Congo beschwört Vargas Llosa Joseph Conrads Reise ins "Herz der Finsternis" herauf. In grellen Farben beschreibt er den Alltag des Grauens, die Leiden der Eingeborenen, ohne jedoch der Faszination des Bösen zu verfallen, die bei Conrad durchscheint. Der Erzähler schaut Casement über die Schulter, er steht hinter ihm, urteilt wie er moralisch. Was gelegentlich zu unnötigen Verdopplungen führt. Auch die Parallelfahrten auf dem Amazonas wirken mitunter wie Déjà-vu-Effekte, wie Altbekanntes, Immergleiches. Rigide Striche hätten dem Werk zu mehr Dringlichkeit verholfen.

Insgesamt aber gilt für mich: Mario Vargas Llosa hat mit dem "Traum des Kelten" einen Traum von Weltliteratur verwirklicht. Er stellt die – zu selten – beleuchteten dunklen Seiten des europäischen Kolonialismus in das schattenlose Licht des moralischen Urteils und der – ebenfalls – europäischen Aufklärung. Er knüpft an die schillernde Erzählkraft seines Frühwerks an und schafft ein Alterswerk, das zittert vor Empörung und Empathie.

Besprochen von Ruthard Stäblein

Mario Vargas Llosa: "Der Traum des Kelten"
aus dem Spanischen von Angelica Ammar
Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011
447 Seiten, 24,90 Euro

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