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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.09.2015

Interviews mit US-WhistlerblowernHeilsame Begegnungen mit verletzten Patrioten

Von Vera Linß

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Edward Snowden und Angela Richter (Schauspiel Köln)
Angela Richter bei einem Treffen mit dem US-Whistleblower Edward Snowden (Schauspiel Köln)

Die Theaterregisseurin Angela Richter hat für "Supernerds" acht Menschen interviewt, die durch ihre Enthüllungen Missstände in der amerikanischen Politik aufgedeckt haben. Sie sympathisiert stark mit den Whistleblowern und zeigt sie als Vorbilder. Darunter sind berühmte und fast vergessene Aktivisten.

Der Vorwurf lautet: Landesverrat. Der Grund dazu war die Veröffentlichung geheimer Dokumente, die offen legen, wie der Verfassungsschutz soziale Netzwerke in Zukunft überwachen will. Die mögliche Konsequenzen daraus: jahrelange Haftstrafen. Dass es nicht dazu kam, dafür sorgte eine Welle öffentlicher Solidarität. Das Verfahren gegen die Website "netzpolitik.org", angestrengt im Juli dieses Jahres, wurde eingestellt. Was aber bleibt, ist die Verunsicherung bei investigativen Journalisten und Whistleblowern in Deutschland. Deshalb kommt das Buch von Angela Richter genau zur richtigen Zeit.

Darin interviewt die Theaterregisseurin sieben Männer und eine Frau, die durch ihre Enthüllungen Missstände in der amerikanischen Politik aufgedeckt haben und deshalb unter zum Teil heftigen Repressalien leiden mussten, wenn sie nicht sogar zu Haftstrafen verurteilt wurden. Berühmte Namen sind darunter: Neben Wikileaks-Gründer Julien Assange der NSA-Whistleblower Edward Snowden und William Binney, der ebenfalls die Überwachungspraktiken der NSA offen legte. Aber auch fast vergessene Aktivisten hat Angela Richter befragt wie etwa Daniel Ellsberg, der 1971 die streng geheimen "Pentagon-Papiere" über den Vietnam-Krieg veröffentliche. 

Das Besondere an diesem Buch ist die Herangehensweise: Angela Richter begegnet ihren Interviewpartnern nicht mit der Distanz einer kritischen Journalistin, sondern als Künstlerin, die mit den Whistleblowern stark sympathisiert, wie sie gleich zu Beginn einräumt. Helden nennt sie sie. Für die Gespräche ist dies kein Nachteil. Im Gegenteil. Ihre Unterhaltung über Motive, politische Schlussfolgerungen und eine mögliche Zukunft sind sehr offen und frei von Misstrauen. 

Patrioten, die den Bruch der Verfassung durch Politik und Militär nicht ertragen können

Allen acht Interviewten ist gemeinsam, dass sie sich als Patrioten verstehen, die den Bruch der Verfassung durch Politik und Militär einfach nicht ertragen können. "Das raubte mir den Schlaf", sagt etwa Jesselyn Radack als Begründung, weshalb sie 2001 Rechtsverstöße beim Verhör des Talibankämpfers John Walker Lindh enthüllte. Aber auch Wut und Enttäuschung hat alle geprägt. Die patriotische Gesinnung von Whistleblowern werde in den Dreck gezogen, beklagt Radack. Vor allem aber entsteht das Gefühl, die Obrigkeit mache unbeirrt weiter. Als "totalen Reinfall" beschreibt Ellsberg die "Pentagon-Papiere", die nur deshalb in der Öffentlichkeit Wirkung zeigten, weil die Regierung Nixon Fehler machte. 

Trotz dieser Bekenntnisse zeigen die Interviewten eine beeindruckende Standhaftigkeit, auch weil sie sicher sind: Ungerechtigkeiten können nur durch die "Verbreitung der gestohlenen Informationen bekannt werden", so der Hacker Jeremy Hammond. Und weil sie gute Argumente auf ihrer Seite haben. Die flächendeckende Überwachung durch Geheimdienste etwa führe mitnichten zu mehr Sicherheit vor Terrorismus. Längst gebe es effektivere Technologien, die gleichzeitig die Privatsphäre der Bürger schützten. Nicht nur solche Fakten machen dieses Buch so wichtig. Sondern vor allem auch die Tatsache, dass diese acht Whistleblower Vorbilder sind, die dringend gebraucht werden, um auch hierzulande jenen Mut zu machen, die Licht ins Dunkel der Geheimdiensttätigkeit bringen wollen.

Angela Richter (Hg.): "Supernerds - Gespräche mit Helden"
Alexander Verlag, Berlin 2015
176 Seiten, 9,90 Euro

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