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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.05.2009

Interreligiöser Kulturpreis vorerst gescheitert

Jurymitglied kritisiert Kardinal Lehmann

Helmut Seemann im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)
Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)

Der Präsident der Klassik Stiftung Weimar und Jurymitglied des Hessischen Kulturpreises, Helmut Seemann, hält die Grundidee dieses Preises im Jahr 2009 für gescheitert. Die Idee sei es gewesen, Kultur und Religion als mit Schnittmengen verbundene Bereiche zu verstehen, sagte Seemann. Nach dem Streit zwischen den Preisträgern habe man jetzt einen anderen Weg gewählt. Man habe sich entschieden, Repräsentanten zu wählen.

Stephan Karkowsky: Man reibt sich die Augen und kann es kaum glauben: Da will das Land Hessen vier Religionsfunktionäre mit seinem Kulturpreis auszeichnen, und zwar ausdrücklich für ihre Toleranz und ihr Engagement für religionsübergreifenden Dialog. Doch statt diesen Dialog zu üben, zerstreiten sich die Preisträger. Erst sagt der Moslem ab, weil ihm der Jude zu israelfreundlich ist. Dann findet sich ein Ersatz, den wollen jetzt aber die beiden Christen nicht. Wir sprechen darüber mit Helmut Seemann. Er sind als Präsident der Klassikstiftung Weimar in der Jury des Hessischen Kulturpreises und hat die Streithähne mit ausgesucht: und zwar den katholischen Kardinal Lehmann, den ehemaligen evangelischen Kirchenpräsidenten Steinacker, den Vizevorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, am Ende auch den muslimischen Schriftsteller Navid Kermani, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Herr Seemann, wen davon halten Sie denn nach all dem Hin und Her wirklich noch für preiswürdig?

Helmut Seemann: Das ist eine gute Frage. Man könnte natürlich darauf antworten: Eigentlich nur noch Navid Kermani. Es ist tatsächlich aber so, dass ich glaube, dass wir jetzt ein Ergebnis haben, das zeitgeschichtlich hochinteressant ist, im Grunde genommen aber deutlich macht, dass die Befürworter dieses Kulturpreises mit dieser Ausrichtung wirklich etwas versucht haben, was in der heutigen ausdifferenzierten, pluralistischen Gesellschaft fast nicht möglich ist.

Karkowsky: Würden Sie sagen, die Idee ist gescheitert? Denn das war ja kein toleranter Dialog, der sich da im Vorfeld abspielte. Das war Abgrenzung, Ausgrenzung, anders sehen kann man das eigentlich nicht.

Seemann: Also ich würde schon sagen, dass diese Grundidee für diesen Kulturpreis 2009 gescheitert ist. Denn die Idee war es, die beiden Bereiche Kultur und Religion einmal als doch mit Schnittmengen versehene Bereiche zu verstehen und zu schauen, wer ist denn in den monotheistischen Religionen, die für uns hier in Deutschland wichtig sind, so stark in dialogischen Aufgaben verdient, dass man sagen kann, er hat für unsere heutige Kultur einen ganz wichtigen Beitrag geleistet. Und das finde ich schon an sich sehr schwierig, weil man immer in der Gefahr ist, wenn man einen Kulturpreis vergibt, dass man die Leute, die ihn bekommen, damit möglicherweise mehr schädigt, als dass man ihnen nützt. Also ich hatte größte Bedenken, mir vorzustellen, es würden jetzt etwa Schriftsteller mit katholischem Hintergrund oder Maler mit evangelischen Auftraggebern mit einem Kulturpreis geehrt werden sollen, der dann ihr Renommee in der Kultursphäre eher beschädigen würde, weil man sie nämlich labeln würde als von den Kirchen ausgehaltene Auftragnehmer.

Karkowsky: Aus heutiger Sicht sieht es natürlich so aus, als hätte die Jury die Preisträger einfach für tolerant erklärt, ohne …

Seemann: Natürlich, es ist ja jetzt ein anderer Weg gewählt worden, es ist jetzt einfach der Weg gewählt worden zu sagen, wir nehmen die Repräsentanten, und diese Repräsentanten haben nun wie Repräsentanten reagiert. Einer hat gesagt, ein anderer dieser Repräsentanten ist sozusagen für mich nicht satisfaktionsfähig, und ich finde eigentlich, da muss man sagen, ja, dann ist das in diesem Jahr jetzt mal kein Kulturpreis im engen Sinne, sondern das ist ein Preis für Repräsentanten der monotheistischen Konfession, aber kein Kulturpreis. Das ist mir eigentlich ganz wichtig, denn wenn man ihn als Kulturpreis versteht, dann müsste man eigentlich sagen, der, der hier ausgegrenzt werden soll, ist eigentlich der am stärksten Kulturaffine und außerdem muss man, wo Zensur im Gange ist, muss man immer den, der zensuriert wird, als den eigentlich zu Schützenden und zu Ehrenden in den Vordergrund stellen.

Karkowsky: Wir müssen noch ein bisschen mehr erklären: Im Dezember bereits hat ja die hessische Regierung die Preisträger verkündet. Dann ist erst ein Islamwissenschaftler abgesprungen, angeblich, weil ihm Salomon Korn zu israelfreundlich war, damit hatte er sich selbst disqualifiziert. Dann hat die Jury als Ersatz-Moslem – das ist auch gar nicht anstößig gemeint hier – den Schriftsteller Navid Kermani ausgewählt. Der ist ja so liberal, dass er sogar von Zeit zu Zeit in christlichen Kirchen beten geht. Haben Sie irgendeinen Zweifel daran, dass Sie sich bei der Auswahl geirrt haben, dass Kermani diesen Preis nicht verdient hätte?

Seemann: Nein, ich bin mir bei Kermani immer ganz sicher gewesen, dass er wirklich eine Persönlichkeit ist, der man diesen Preis geben kann, aber …

Karkowsky: Haben Sie protestiert, als ihm der Preis aberkannt wurde?

Seemann: Nein, Sie müssen bedenken, ich glaube, Kermani ist in keiner Weise vergleichbar als Repräsentant seines Glaubensbekenntnisses, wenn man ihn vergleicht mit den anderen Preisträgern. Die anderen Preisträger sind ja an sich, wenn ich das mal etwas böse sagen sollte, so etwas wie Religionsfunktionäre eher. Und das ist mir immer fremd gewesen, weil es doch hier um einen Kulturpreis geht.

Karkowsky: Aber Sie weichen mir aus, Herr Seemann.

Seemann: Nein, ich weiche nicht aus, sondern ich sage das, was mir das Problem ist. Aber Ihr Problem will ich gerne auch beantworten. Nur das ist mein Problem gewesen, dass ich immer gesagt habe: Ein Kulturpreis für einen Repräsentanten ist ein eigentlich nicht das Richtige. Kultur ist zu sehr mit Individualität und Autonomie verbunden, und deswegen war ich sehr für Karmani. Aber ich wundere mich über das Ergebnis nicht, denn natürlich ist Kermani in erster Linie ein Künstler, der hier sich als muslimischer Künstler, aber als Schriftsteller im Anblick eines christlichen Bildwerkes geäußert hat. Und das ist hochinteressant.

Karkowsky: Und das wollen wir noch mal erklären. Sie hören Helmut Seemann, den Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, er sitzt in der Jury des Hessischen Kulturpreises, hat die Preisträger mit ausgesucht. Herr Seemann, Navid Kermani wurde ja vor allen Dingen von Kardinal Lehmann abgelehnt, weil er sich in der "Neuen Zürcher Zeitung" kritisch über das christliche Symbol des Kreuzes geäußert hat. Ich zitiere: "Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung." Weiter sagt dann Kermani sehr differenziert, ihn stört die Anbetung des Schmerzes auch im schiitischen Islam. Zitat: "Ich kenne es, weil das Martyrium dort genauso exzessiv bis hin zum Pornografischen zelebriert wird." Und am Ende des Textes versöhnt er sich sogar mit der berückenden Darstellung Jesu am Kreuz, wie in Guido Reni auf seinem Gemälde "Kreuzigung" zeigt, und sagt: "Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur man – könnte an ein Kreuz glauben." Finden Sie diesen Text anstößig im Sinne Kardinal Lehmanns?

Seemann: Nein, ich habe eine vollkommen andere Haltung dazu, was deswegen – ich sage das sonst nie, aber in dem Zusammenhang muss ich es, fürchte ich, jetzt doch sagen –, ich selber katholisch bin und deswegen über die Äußerungen von Karl Kardinal Lehmann wirklich entsetzt bin, weil sie zum Ausdruck bringen, dass er einen Text nicht verstehen kann. Und das finde ich eine ganz schlimme Sache, wenn es um einen Kulturpreis geht, wiederum. Denn hier sehen wir einen Menschen, der sich über ein Ärgernis – und das Kreuz ist gerade auch nach christlichem Verständnis ein Ärgernis – ärgert und nun im Anblick der Kunst sich mit diesem Ärgernis in einer sehr differenzierten Form verständigt, vielleicht sogar aussöhnt, das bleibt ein bisschen offen. Das ist ein hochinteressanter Text auf der Grenze zwischen Religion und Kultur und ist deswegen exakt das, worum es eigentlich bei diesem Preis gehen müsste. Und das wird nun von einem anderen Preisträger, von dem ich geglaubt hätte, dass er hermeneutisch über die Grundausstattung eines kulturellen Menschen verfügt, wird dies zum Anlass genommen, sich gegen Kermani auszusprechen. Ich finde das wirklich ganz schlimm. Und ich kann mir auch eigentlich nicht vorstellen, dass es der einzige Grund ist, der Kardinal Lehmann leitet, denn dieser Text ist nach meiner Meinung nicht in irgendeiner Weise blasphemisch, sondern er bringt etwas zum Ausdruck, was zum Beispiel auch Goethe zum Ausdruck gebracht hat. Ich bin ziemlich sicher, Kardinal Lehmann würde einen Goethe-Preis nicht deswegen nicht annehmen, weil Goethe in bestimmten Zusammenhängen schon auch mal vom Scheißkreuz spricht. Das kann ärgerlich sein und das ist es auch in der Geschichte immer wieder gewesen, und schon Jesus Christus hat es im Evangelium als Ärgernis benannt. Das heißt, an welcher Stelle des Verstehens stehen wir denn hier?

Karkowsky: Wie verhält sich denn die Jury jetzt? Die könnte ja im Prinzip komplett zurücktreten, weil die Idee eines Toleranzpreises der Religionen mit diesen Preisträgern nicht möglich war. Stattdessen findet die Preisverleihung statt, und zwar nur mit zwei Christen und einem Juden. Ist das richtig so?

Seemann: Ja, also das ist jetzt eine politische Entscheidung, die Ministerpräsident Koch so vorgeschlagen hat. Ich war bei der Sitzung buchstäblich nur so halb anwesend, weil ich immer versuchte, aus einem Zugabteil mich zu Wort zu melden und dann immer wieder unterbrochen wurde. Ich hätte, wenn ich wirklich mitgestimmt hätte, möglicherweise ein bisschen anders votiert, aber ich trage diese Entscheidung mit, denn sie ist verbunden mit einer, finde ich, jetzt viel wichtigeren Veranstaltung, nämlich einer Diskussion der Preisträger, und zwar sowohl derer, die ihn bekommen haben, wie derer, die ausgeschlossen wurden. Und auf diese Diskussion bin ich dann doch mal sehr gespannt, und die würde ich mir sehr gerne anhören.

Karkowsky: Also Kermani sitzt mit auf dem Podium?

Seemann: Also wenn er das tut. Ich würde auch Verständnis dafür haben, wenn Kermani sagte, also bitte nun nicht auch noch hier mich als Profitbringer eines Preises, der mir gerade entzogen worden ist, verwenden. Das würde ich gut verstehen. Aber wenn Kermani auf das Podium ginge, und ich würde ihn natürlich sehr herzlich, soweit mir das möglich ist, dazu einladen, dann wäre das eine interessante Diskussion. Und wie gesagt, ich glaube, es kämen Dinge zum Vorschein, die durch diesen Artikel, den Kermani nun angeblich blasphemisch geschrieben hat, eher verdeckt werden, als dass sie schon offen liegen. Ich glaube, da kommt noch sehr viel mehr heraus. Und das zu erleben, wäre vielleicht für unsere Gesellschaft gar nicht so uninteressant.

Karkowsky: Der Hessische Kulturpreis 2009 soll für interreligiöse Toleranz verliehen werden, obwohl es gerade darum vorher zum Streit unter den Preisträgern gekommen ist. Das war dazu ein Mitglied der Jury, der Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, Helmut Seemann. Herr Seemann, Ihnen vielen Dank!

Seemann: Danke Ihnen auch!

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