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Lesart | Beitrag vom 19.06.2019

Internationaler Literaturpreis für "Saison der Wirbelstürme"Die harte ungeschützte Frauenrealität Mexikos

Fernanda Melchor und Angelica Ammar im Gespräch mit Frank Meyer

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Jeweils ein Porträt der Preisträgerinnen des 11. Internationalen Literaturpreises 2019 Fernanda Melchor (links) und Angelica Ammar (rechts) in einer Montage nebeneinandergestellt. (privat / Ann-Christine Woerhl / HKW)
Der 11. Internationale Literaturpreis 2019 geht an die Autorin Fernanda Melchor (links) und Angelica Ammar für die Umsetzung des Romans "Saison der Wirbelstürme". (privat / Ann-Christine Woerhl / HKW)

Gewalt, Missbrauch, Mord: In ziemlich derber Sprache beschreibt Fernanda Melchor in "Saison der Wirbelstürme" die harte Realität Mexikos. Die Unzahl an Flüchen und Kraftausdrücken waren für ihre Übersetzerin Angelica Ammar eine große Herausforderung.

Die Jury war selbsterklärter Weise von dem Roman "Saison der Wirbelstürme" überfordert und konnte nicht weiterlesen. Doch die Entscheidung war klar: Die Autorin Fernanda Melchor und die Übersetzerin Angelica Ammar haben am Dienstag den 11. Internationalen Literaturpreis erhalten. Der Preis ist mit 35.000 Euro dotiert: 20.000 Euro für die Autorin, 15.000 Euro für die Übersetzerin.

Bewusst als fiktive Geschichte geschrieben

In dem Roman geht es um den Mord an einer Frau, die als "Hexe" bezeichnet wurde. Schauplatz ist der mexikanische Bundesstaat Veracruz. Eine Zeitungsmeldung habe sie auf die Geschichte aufmerksam gemacht, sagt Fernanda Melchor im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

Allerdings habe sich die Autorin, die auch Reportagen – sogenannte Crónicas – schreibt, bewusst für die Form eines Romans entschieden. Zum einen weil Veracruz sehr gefährlich sei. So sei einer der Journalisten, der über den Fall berichtete, von Gangstern ermordet worden. Zum anderen: "Es ist immer auch eine sehr gute Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen, indem man sie fiktiv verpackt."

Beinharte Realität

Angelica Ammar erzählt, sie sei von Anfang an von dem Roman begeistert gewesen. Allerdings habe die Arbeit an der Übersetzung sie schwer beansprucht.

Das lag unter anderem an der in dem Buch beschriebenen Realität. Bei manchen Kapiteln sei sie manchmal schon vor ihrem Tagespensum am Ende gewesen. "Die Frauenrealität in Mexiko ist eine sehr harte und ungeschützte", so Ammar, "das geht einem unter die Haut".

Doch sie sei von dem Buch immer sehr überzeugt gewesen, "weil es die Realität beschrieben hat, die einem sehr zum Nachdenken bringt".

Junge Generation engagiert sich gegen Gewalt

Der Gegenstand des Buches, die Gewalt gegen Frauen, werde in Mexiko auch durch die verbreitete Straflosigkeit noch verstärkt, sagt Melchor, die bereits mehrere Preise für ihre Arbeiten gewonnen hat.

Opfer würden schuldig gesprochen, stigmatisiert oder erneut zu Opfern gemacht – vor allem bei Fällen von Sexualdelikten. Doch es gebe auch eine junge Generation, die sich dagegen engagiere.

Ein Vorbild für junge Frauen

Auch in Mexiko war "Saison der Wirbelstürme" ein großer Erfolg. So sei nun die sechste Auflage erschienen: 15.000 Exemplare wurden mittlerweile verkauft. Für Mexiko sei dies sehr viel, sagt Melchor. Vor allem junge und weibliche Leser würden auf ihre Veranstaltungen kommen. "Ich finde es großartig, als Vorbild junger Frauen zu fungieren", freut sich die Autorin und Journalisten.

Besonders auffällig bei dem Buch ist die derbe Sprache. Für Angelica Ammar sei diese der schwierigste Teil der Übersetzung gewesen, denn im Deutschen herrsche eine andere Sensibilität als im mexikanischen Spanisch. Sie habe deswegen Variationen der Schimpfwörter verwenden oder diese auch weglassen müssen. 

Die authentische Sprache der Menschen

"Das Buch hat vulgäre Ausdrücke und eine drastische, konkrete Sprache", räumt Melchor ein, "aber das entspricht auch der Realität. Das sind die Worte der Menschen, die in diesem Buch vorkommen. So reden die Leute wirklich, das soll auch so authentisch sein".

Dass ihr Buch nun auch in Deutschland erschienen ist und gelesen werde, mache sie sehr froh, sagt Melchor. Vor allem auch von einem Publikum, "das weit weg von Mexiko ist, aber darin etwas Interessantes für sich finden kann".

(rzr)

Fernanda Melchor: "Saison der Wirbelstürme"
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
Wagenbach Verlag, Berlin 2019
240 Seiten, 22 Euro

Hier unsere weiterführende Rezension.

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