Donnerstag, 29.10.2020
 

Studio 9 | Beitrag vom 02.06.2020

Internationaler HurentagIst Deutschland das Bordell Europas?

Von Judith Velminski

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Die übereinandergeschlagenen Beine einer Prostituierten, die auf ihrem Zimmer in einem Bordell in Frankfurt am Main auf Kundschaft wartet. Sie trägt High Heels mit einer Plateausohle. (picture alliance / Andreas Arnold/dpa)
Wie viele Prostituierte gibt es in Deutschland? Die Schätzungen gehen deutlich auseinander. (picture alliance / Andreas Arnold/dpa)

Wegen Corona gibt es derzeit keine Prostitution – zumindest nicht offiziell. Nach dem Willen von 16 Bundestagsabgeordneten soll das auch nach dem Shutdown so bleiben. In der Debatte über Sexarbeit geht jedoch vieles durcheinander. Ein Faktencheck.

Fakt 1: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier bezeichnet Deutschland als "das Bordell Europas" – ist da was dran?

Ja, schon. Denn vor Beginn der Corona-Pandemie hat die Prostitution in Deutschland geboomt: 1,2 Millionen Männer gehen oder gingen jeden Tag zu einer Prostituierten, schätzte das Bundesfamilienministerium vor einiger Zeit. Und das völlig legal, weil Prostitution in Deutschland erlaubt ist. Das Prostitutionsgesetz von 2002 sollte Sexarbeiterinnen und -arbeitern helfen, ihren Lohn und eine Krankenversicherung zu bekommen. "Hure" sollte nicht länger ein geächteter Beruf sein, so der Gedanke.

Was gut gemeint war, ging aber nach hinten los: Der Menschenhandel blüht. Eine Studie des Alfred-Weber-Instituts für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Heidelberg stellte fest, dass "Menschenhandel in Ländern ohne gesetzliches Prostitutionsverbot in einem größeren Umfang registriert wird als in Ländern, in denen die Prostitution verboten ist". Und das Geschäft boomte – Stand vor Corona: Sex-Touristen aus aller Welt kamen nach Deutschland, um Bordell-Urlaub zu machen. 14,5 Milliarden Euro werden im Rotlichtgewerbe pro Jahr in Deutschland umgesetzt, schätzt Verdi.

Fakt 2: 400.000 Prostituierte gibt es in Deutschland – diese Zahl liest man am häufigsten in den Medien. Stimmt sie?

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Ende 2018 insgesamt 32.800 Prostituierte nach dem deutschen Prostituiertenschutzgesetz gemeldet. Knapp ein Fünftel der angemeldeten Prostituierten hatte die deutsche Staatsangehörigkeit. 35 Prozent aller angemeldeten Prostituierten kamen aus Osteuropa.

Mehr Offizielles gibt es nicht: nicht zur Zahl der Prostituierten, darunter auch junge Männer und Transgender, nicht zur Zahl der Freier.

Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass sich in Deutschland bis zu 400.000 Menschen prostituieren. Diese Zahl basiert auf Schätzungen von Städten und daher ist sie die vielleicht beste Näherung. Andere Beobachter gehen von 200.000 Prostituierten in Deutschland aus - oder sogar von bis zu 800.000.

Fakt 3: Einige Länder sind Schwedens Politik gefolgt und stellen Prostitution unter Strafe. Ist Schwedens Sexkaufverbot ein Erfolgsmodell?

Als erstes Land der Welt hat Schweden vor gut 20 Jahren den Kauf von Sex verboten – aber nicht die Prostituierten werden kriminalisiert, sondern die Freier und Zuhälter. Sie können mit Geldstrafen oder Freiheitsstrafen belangt werden. Das Ziel: die Nachfrage nach gekauftem Sex senken. Das Modell sieht Ausstiegshilfen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter vor: Sprachkurse, eine Wohnung, Gesundheitsversorgung und Traumatherapie. Prostituierten soll der Weg in einen geordneten Beruf geebnet werden. Seit Einführung des Gesetzes soll die Zahl der Frauen, die ihren Körper verkaufen, um die Hälfte gesunken sein. Auch die Gewalt gegen Frauen und der Handel mit Menschen haben sich – mit dem Verbot – reduziert. Ergebnisse, die andere Länder überzeugt haben: Norwegen, Island, Irland, Frankreich, Kanada und Israel haben das nordische Modell übernommen und Sex gegen Geld unter Strafe gestellt.

Kritiker des Prostitutionsverbots glauben, dass sich die Probleme nur in die Illegalität verlagern. Eine Studie der Uni Malmö hat ergeben, dass das Sexkaufgesetz unerwünschte negative Effekte hat: Menschen, die Sex verkaufen, werden wohl vor allem durch Behörden und die Polizei stigmatisiert.

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