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Studio 9 | Beitrag vom 07.03.2015

Internationaler FrauentagMehr Selbstbestimmtheit für Teenager in Uganda

Von Leonie March

Mädchen mit Decke um den Kopf und Holzstock in der Hand vor einer Hütte in Uganda (imago/blickwinkel)
Mädchen mit Decke um den Kopf und Holzstock in der Hand vor einer Hütte in Uganda (imago/blickwinkel)

In Uganda bekommt jede Frau durchschnittlich sechs Kinder, dabei hätten sie Umfragen zufolge lieber weniger. Ein Frauenprojekt hilft den Teenagern vor Ort, unabhängiger zu werden, um selbstständiger über Ehe und Kinder zu entscheiden.

Kraftvoll schiebt Teresa Nambi den Schlitten der Strickmaschine von rechts nach links über die Nadeln. Masche für Masche, Reihe für Reihe.

Hier kann ich einstellen, wie viele Reihen ich in dieser Farbe stricken will, erklärt die 16-Jährige stolz. Dann fädele ich einen neuen Wollfaden ein. Erst vor ein paar Monaten hat das ernste Mädchen mit dem kahlgeschorenen Kopf gelernt, wie man mit der Maschine umgeht.

"Ich habe von einer Freundin gehört, dass es hier eine Gruppe von Frauen gibt, die einem alles Mögliche beibringt: Wie man strickt, wie man Körbe und Matten flechtet, wie man Seife herstellt und wie man Schweine züchtet. Das hat mich neugierig gemacht."

Teresa steht mit ihrer Strickmaschine in einem gepflegten Garten eines kleinen Bauernhofs: Zwischen Orangen- und Avocadobäumen picken Hühner im Gras, eine Gruppe älterer Frauen sitzt im Schatten und vernäht die gestrickten Teile zu Pullovern. Wir verkaufen sie an die Schulen in der Umgebung, erzählt Monica Kinosa. Eine ebenso energische, wie herzliche 58-Jährige. Mit Unterstützung der Stiftung Weltbevölkerung hat sie die Frauengruppe in dieser ländlichen Region am Ufer des Viktoriasees gegründet.

"Ich bilde jede aus, die Interesse zeigt. Ich stelle ihnen die Maschinen und Material zur Verfügung, so dass sie etwas lernen können. Außerdem können sie sich hier untereinander austauschen, denn viele von ihnen haben ganz ähnliche Probleme. Sie werden früh schwanger, so wie das Mädchen dort drüben: Sie wurde mit 14 verheiratet, hat heute fünf Kinder und ihr Mann hat gerade eine zweite Frau geheiratet, die auch schon schwanger ist. Ein Leben voller Sorgen und Elend."

Frauen in Uganda haben im Durchschnitt sechs Kinder, dabei hätten die meisten lieber weniger. In den häufig polygamen Familien entscheiden zuerst der Vater und dann der Ehemann über ihr Schicksal.

"Wenn nur der Mann Geld nach Hause bringt und allein für alle Ausgaben zahlt, dann ist die Frau nicht mehr als eine Reproduktionsmaschine. Wenn sie aber ein Handwerk erlernt und ein eigenes Einkommen hat, dann wirkt sich das auch auf die Partnerschaft aus. Man kann sich gegenseitig unterstützen und die Verantwortung teilen. Das steigert die Liebe und das Glück einer Ehe."

Mit kleinem Einkommen vor Teenager-Ehe bewahrt

Am anderen Ende des kleinen Bauernhofs widmet sich die 16-jährige Teresa mittlerweile einer anderen Aufgabe – sie steht mitten im Schweinestall und füttert die Ferkel. Eines durfte sie bereits mit nach Hause nehmen, weil sie hier so fleißig mitgearbeitet hat, erzählt sie. Außerdem verdient sie für jeden gestrickten Pullover ein wenig Geld. Ein Lächeln huscht über ihr sonst so ernstes Gesicht.

"Ich habe schon so viel gespart, dass ich ein Huhn und ein weiteres Ferkel kaufen konnte. Damit habe ich den Grundstock für eine kleine Zucht und kann meinen Großeltern Eier bringen. Bei ihnen wohne ich, seit meine Eltern gestorben sind. Zuerst wollten sie mich möglichst schnell verheiraten. Aber seit ich etwas zum Haushalt beitragen kann, haben sie eingewilligt, damit noch zu warten. Ich bin sehr froh darüber, denn mein Traum ist es, wieder zur Schule gehen zu können. Dafür spare ich."

Ihr bescheidenes Einkommen hat Teresa vor einer Ehe als Teenager bewahrt. Für die Schule reicht es aber noch nicht. Umgerechnet 65 Euro im Jahr müsste sie aufbringen. Jetzt schuftet sie auf dem Feld ihrer Großeltern, holt Wasser, sammelt Feuerholz, kocht und wäscht. Auch das ist ein typisches Mädchenschicksal in Uganda.

Monica Kinosa lernt inzwischen ein anderes Mädchen an der Strickmaschine an. Die erste Maschine wurde gespendet, erzählt sie, während sie die Maschen überprüft, eine zweite konnte sich die Gruppe gerade selbst durch den Verkauf der Pullover leisten.

"Wenn es Geld vom Himmel regnen würde, dann würde ich noch mehr Strickmaschinen kaufen. Die Pullover sind ein gutes Geschäft und vielleicht könnte ich dann sogar Frauen anstellen. Denn momentan gibt es mehr Schulen, die Pullover bei uns ordern, als wir liefern können."

Ein bescheidener Traum. Eines schafft die Frauengruppe aber schon jetzt: Sie stärkt den Zusammenhalt untereinander, sorgt für Hoffnung und zumindest kleine Erfolge auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. 

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