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Sein und Streit | Beitrag vom 27.05.2018

Internationale Konferenz in BerlinWas genau ist Emanzipation?

Von Philipp Schnee

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Frau mit erhobener Faust (imago )
Der Emanzipation geht es um alle Lebensbereiche, darauf konnten sich auf der Eröffnungsveranstaltung alle einigen. (imago )

Eine hochkarätig besetze Konferenz setzt sich mit dem Erbe vorangegangener Befreiungsbewegungen und deren ambivalenten Wirken auseinander und fragt: Was heißt Emanzipation heute? Schon gleich zu Beginn wurde deutlich, der Begriff hält einige Paradoxien bereit.

Emanzipation scheint zu ziehen. Bis auf den letzten Platz gefüllt, wohl über 1000 Zuhörer, folgen der mehrstündigen Eröffnungsveranstaltung einer Konferenz der Humboldt-Universität Berlin, dem Center for Humanities & Social Change an der HU Berlin, der Technischen Universität Berlin und der Menschenrechtsorganisation medico international e.V. zu ebenjenem Thema im Auditorium des Berliner Haus der Kulturen.

Emanzipation – die Befreiung von Herrschaft, der Zugewinn von Gleichheit – vielleicht bietet sie den von vielen dringend gesuchten Gegenbegriff, das Gegenkonzept zu den autoritären, rechtspopulistischen Tendenzen der Gegenwart. Was also ist Emanzipation heute? Rahel Jaeggi, die Mitorganisatorin der Tagung, erklärt das Grundverständnis von Emanzipation:

"Nicht mehr jemand emanzipiert uns, wir werden emanzipiert, sondern aktivisch, wir emanzipieren uns, wir emanzipieren uns selbst."

Doch damit fangen die Paradoxien um diesen Begriff, von denen es an diesem Abend reichlich zu hören gibt, an: Muss, wer sich selbst emanzipiert, nicht schon emanzipiert sein? Ist Autonomie nicht Voraussetzung und Ziel der Emanzipation? Jaeggi beschreibt Emanzipation nicht als Zustand, sondern Prozess, so "dass man sich in einem solchen Emanzipationsprozess am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht."

Dort knüpfte der französische Soziologe Didier Eribon an, und fragte skeptisch: "Who speaks? Who has the right to speak? Who has the ability to speak? Who don't speak?"

Was also bringt mir das emanzipatorische Konzept der Selbstbefreiung, wenn ich mich nicht selbst befreien kann? Wenn mir die Möglichkeiten zur Repräsentation fehlen? Auch der Frankfurter Philosophieprofessor Christoph Menke schließt sich einer skeptischen Betrachtung des Emanzipationskonzepts an. Weist aber zunächst auf das komplizierte Verhältnis von Liberalismus und Emanzipation hin:

"Wer Emanzipation sagt, sagt damit, wir sind nicht schon frei. Wir müssen erst noch frei werden. Das heißt, uns selbst erst noch frei machen. Und das ist die Bestimmung der politischen Tat. Die Idee der Emanzipation ist also antiliberal. Denn der Liberalismus denkt, dass wir die Freiheit als Eigenschaft oder Vermögen schon haben."

Keine einfache Fortschrittsgeschichte

Trotzdem, so Menke sei die Emanzipation eben keine einfache Fortschrittsgeschichte:

"Jedes mal, wenn ein Kampf der Emanzipation geführt wird, richtet er sich gegen eine Gestalt der Herrschaft, die selbst aus dem Kampf um die Emanzipation hervorgegangen ist. Das ist die Grunderfahrung der Moderne. Wenn ein Akt der Emanzipation erfolgreich war, brachte er zugleich auch eine neue Form der Herrschaft hervor."

Herrschaft heute, so schließt Menke, ist eine Folge von Emanzipationen. "I think that is my Break-Up not with emancipation." Noch radikaler bricht die linke US-amerikanische Politologin Wendy Brown mit dem Konzept der Emanzipation. "Freedom has become monstrous today"

Der vorherrschende Freiheitsbegriff, wie er heute in den politischen Debatten verstanden werde, sei antiemanzipatorisch:

"Freiheit als Berechtigung, sozialen Recht und Schutz anzugreifen, Freiheit als Berechtigung, demokratische Prinzipien zurückzuweisen, Freiheit als antisozial und antipolitisch, Freiheit, die sich perfekt in antidemokratisches Regieren fügt, das ist, was Neoliberalimus der Welt gebracht hat. Und wenn diese Formation aufgeladen wird mit verletztem Weiß-Sein - Wunden, die selbst von neoliberalen wirtschaftlichen Auswirkungen zugefügt wurden – kann das zu Freiheit mit einem faschistischen Funkeln im Auge führen."

Mit diesem Abgesang auf die Freiheit, verabschiedet sich Wendy Brown auch von der Emanzipation: Wenn ihre Grundlagen kollabiert sind, ihr Geist mit dem dunkler werden der Welt verbunden ist, ist Emanzipation vielleicht zu eng, zu naiv, zu anthropozentrisch?

Den Kampf um die Welt will keiner aufgeben

Diese radikale Absage an die Freiheit will Christoph Menke in der Diskussion nicht stehen lassen und antwortet auf englisch: "Wenn wir das aufgeben, ist alles, was übrigbleibt, Politik im Name der Interessen, Identität, des ökonomischen Überlebens... Freiheit bedeutet, Ja zu sagen zu etwas, in einem qualifizierten, unbedingtem Sinne.... Wenn wir diese Idee aufgeben, jenseits von den Gründen, die ich nannte, Interessen, Identität etc... die Perspektive JA oder Nein zu sagen in diesem unbedingten Sinne, geben wir die Idee der Politik insgesamt auf."

Und darauf können sich dann doch alle einigen. Der Emanzipation geht es ums ganze Leben, um alle Lebensbereiche. Und die Befreiung aus diskriminierenden, unterdrückerischen, ausbeuterischen Verhältnissen, den Kampf um eine andere Welt, den will niemand aufgeben. Finally...

"Ich habe keinen Rückzug vorgeschlagen von einer ernsthaften Beschäftigung und Entwicklung einer überzeugenden, alternativen Vision für diese Welt. Von dieser Welt, die momentan von der Rechten herausgefordert wird."

Wenige hundert Meter vom Tagungsort entfernt ruft die AfD zeitgleich zu einer Großdemonstration für ihr anti-emanzipatorisches Projekt auf. Ob Emanzipation heute dazu ein hilfreiches Gegenkonzept bieten kann, dazu liefert dies Auftaktveranstaltung im Haus der Kulturen reichlich Diskussionsstoff.

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