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Interview | Beitrag vom 20.02.2020

Internationale FilmfestspieleWarum 1970 die Berlinale abgebrochen wurde

Stephan Karkowsky im Gespräch mit Michael Verhoeven

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(L-r) Festspieldirektor Alfred Bauer, Jurymitglied Vera Volmane (Frankreich), Jurypräsident George Stevens (USA), eine Dolmetscherin und Jurymitglied Billie Whitelaw (Großbritannien) während einer Pressekonferenz am 05.07.1970 in Berlin. Im Hintergrund ein großes Foto von Heinrich Lübke.  (dpa/ Chris Hoffmann)
Aufruhr bei den Filmfestspielen: Festspieldirektor Alfred Bauer (li.) mit Teilen der Jury bei der Pressekonferenz. (dpa/ Chris Hoffmann)

1970 erschütterten heftige Proteste die Filmfestspiele, was zur Entlassung des Festivalleiters führte. Im Mittelpunkt: Michael Verhoevens Wettbewerbsbeitrag "o.k.". In diesem Jahr wird der Film erneut gezeigt. Der Regisseur erinnert sich an den Skandal.

Stephan Karkowsky: In Berlin, da beginnt heute die Berlinale, Deutschlands bedeutendes Filmfestival wird in diesem Jahr 70 Jahre alt, und zum Jubiläum, da werden auch Meilensteine der Berlinale-Geschichte gezeigt, und einer dieser Filme ist von Michael Verhoeven. Guten Morgen, Herr Verhoeven!

Michael Verhoeven: Guten Morgen, Herr Karkowsky!

Karkowsky: 81 Jahre jung, seit 53 Jahren verheiratet mit Senta Berger, und Sie sind als Filmregisseur Berlinale-Veteran, denn Ihr vietnamkritischer Film "o.k." sprengte die Berlinale 1970. Da musste zum einzigen Mal in seiner Geschichte das Festival abgebrochen werden.

Ich darf kurz zusammenfassen: Sie zeigen im Film eine Gruppe Soldaten, die ein vietnamesisches Mädchen brutal vergewaltigen, die wurde damals gespielt von der erst 15-jährigen Eva Mattes. Was war Ihr Ziel? War das Provozieren?

Verhoeven: Also ich muss ein bisschen ausholen. Ich habe im "Spiegel" einen Dreispalter über dieses Ereignis gelesen, 1969, und habe mich hingesetzt und ganz spontan ein Theaterstück geschrieben, das nie aufgeführt wurde, bis jetzt wenigstens nicht, und daraus dann ein Drehbuch entwickelt. Das ging dann ganz, ganz schnell. Wir haben eine Besetzung gehabt, wir haben den Film gedreht, und wir waren auf der Berlinale.

Verhoevens Film trifft den Zeitgeist bei den Jüngeren

Karkowsky: Und was ist dann passiert?

Verhoeven: Warum es ein Erfolg war beim Publikum? Das lag natürlich auch an dem Fall, der in diesem Film behandelt wird, denn die Jüngeren in Deutschland waren sehr kritisch gegen den Vietnamkrieg, die Älteren nicht so.

Aber auch diese enge Freundschaft mit den Amerikanern in Berlin hat dazu geführt, dass ältere Leute den Film nicht so toll fanden, also einfach weil es ein Ereignis war, bei dem Amerika nicht so gut aussieht. Dass ich das verfilmt habe, das hat vielen nicht so gefallen. Vielen anderen aber, den jüngeren Leuten, hat es sehr gefallen.

Karkowsky: Der Jurypräsident wollte diesen Film zurückgeben an die Auswahlkommission, im Nachhinein, weil er gesagt hat, der sei nicht geeignet, weil er sei antiamerikanisch. Richtig?

Verhoeven: Ja, so ist es gewesen.

(L-r) Festspielgeschäftsführer Walther Schmieding, Jurymitglied Dusan Makavejew (Jugoslawien), Festspieldirektor Alfred Bauer und Jurymitgleid Gunnar Oldin (Schweden) während einer Pressekonferenz am 04.07.1970 in Berlin.  (dpa/ Chris Hoffmann)Pressekonferenz: Die noch ausstehenden Wettbewerbsfilme wurden zwar gezeigt, es fand aber keine Preisvergabe statt. (dpa/ Chris Hoffmann)

Karkowsky: Das war ja auch eine bewegte Zeit. Also, zwei Jahre zuvor bereits war das Filmfestival von Cannes abgebrochen worden, im Mai 1968 nämlich, da erklärte sich die Jury, darunter Polanski, Lelouch, Malle, Godard, solidarisch mit den Studentenprotesten, und auch in Berlin dann, 1970, wurde wegen Ihres Films der Zoopalast besetzt. Was forderten die Besetzer damals? Wissen Sie das noch?

Verhoeven: Nein, das weiß ich gar nicht, ich konnte mich auch gar nicht an allen Fronten zeigen und mich einmischen, es war so viel los. Wir hatten so viele Pressekonferenzen. Aber ich glaube, was ich jetzt erzählen muss, ist, dass wir uns bei Doktor Bauer, dem Leiter der Festspiele, zu dem Vorfall, dass die Jury den Film aus dem Wettbewerb raushaben wollte, haben wir uns mit ihm darüber unterhalten wollen, und Herr Doktor Bauer hat gesagt, es hat gar nichts stattgefunden, niemand hat protestiert gegen den Film, ich war ja immer dabei. Da haben wir gesehen, da stimmt was nicht, das ist uns von anderer Seite, von Augenzeugen, anders berichtet worden.

Festivaldirektor Bauer war im Krieg bei der SA

Karkowsky: Die Situation eskalierte, die Kontroverse um Ihren Film "o.k." führte dann auch zum Rücktritt des Berlinale-Direktors Alfred Bauer, der ja seit den Enthüllungen von Katja Nicodemus über seine Nazivergangenheit neu bewertet werden muss. Wie haben Sie denn Bauer erlebt 1970?

Verhoeven: Genau so! Er hat in seiner Biografie gelogen und konnte deshalb, obwohl er ein strammer Nazi war – er war bei der SA, ein eifriger SA-Mann, so wird berichtet –, konnte er Leiter der Festspiele werden, fünf Jahre nach dem Krieg. Er muss also Mitwisser gehabt haben, die ihn gedeckt haben.

Karkowsky: Nun war ja gerade diese Zeit geprägt von einem großen Aufklärungswillen. Also die 68er-Generation verlangte Auskunft von ihren Eltern und Großeltern. Können Sie sich im Nachhinein erklären, dass Bauers wichtige Rolle in der Reichsfilmintendanz so lange unentdeckt bleiben konnte?

Verhoeven: Na ja, er war ja nicht der einzige Nazi in Deutschland und auch in Berlin.

Karkowsky: Die haben sich gegenseitig gedeckt.

Verhoeven: Ja, natürlich, zum eigenen Schutz auch, ja.

Die Produktionsfirma Warner Brothers wollte den Filmstoff kaufen

Karkowsky: Alfred Bauer trat zurück, aber nicht für lange. Er wurde dann mit der Neugestaltung der Berlinale 1971 betraut. Der Skandal um Ihren Film "o.k." hat dann im Prinzip auch gesorgt für die Gründung des Forums des Jungen Films, also einer Filmreihe, die heute noch läuft, und Ihr Film bekommt nun eine späte Rehabilitation durch die Aufführung am 28. Februar auf der Berlinale dieses Jahr. Wie bewerten Sie nach dieser langen Zeit all diese Aufregung?

Verhoeven: Na ja, es war damals furchtbar, weil es wurde mir ja auch angelastet, ich hätte diesen Stoff abgeschrieben aus einem Buch, und Rob Houwer, der Produzent, und ich, wir wurden auf eine Million Dollar verklagt von Warner Brothers, die diesen Stoff nämlich gekauft hatten, und die kamen nach Berlin, um über dieses Projekt zu reden, und da lief der Film schon – in ihren Augen.

Es war ja auch der Film, weil es war diese Geschichte, aber es war natürlich nicht der Film, weil er total anders war. Brian de Palma hat den Film dann auch tatsächlich noch gemacht, aber 20 Jahre warten müssen. Er hat sicher nicht gewartet, aber die Warner-Brothers-Produktionsfirma und Verleih, die haben warten müssen, weil der Film war sozusagen gemacht, wenn er auch ganz anders war, denn das war ein Kriegsfilm, und meiner war ein Antikriegsfilm.

Karkowsky: Wie ist die Geschichte mit der Klage ausgegangen?

Verhoeven: Ich konnte das Theaterstück vorlegen, und das war längst geschrieben und auch an ein Theater gegeben, bevor dieses Buch erschienen ist. Also ich konnte das Buch gar nicht gelesen haben.

Verhoevens Lebensthema: Die deutsche Nazivergangenheit

Karkowsky: Die deutsche Nazivergangenheit war ja danach dann auch weiter oft Ihr ganz großes Thema. 1982 "Die Weiße Rose" über die Geschwister Scholl, 1990 dann gab es eine Oscar-Nominierung für "Das schreckliche Mädchen" über ein junges Mädchen, das die Nazivergangenheit ihres Dorfes aufdecken wollte, und heute nun haben wir eine Partei im Bundestag, die in Teilen eine Abkehr von Erinnerungskultur fordert. Wie geht es Ihnen damit?

Verhoeven: Na ja, ich sehe doch mit einiger Skepsis auf diese Partei und vor allen Dingen auf die Wähler, die sich entschieden haben, diese Partei zu wählen. Entweder ist es ein Defizit an Wissen, wahrscheinlich, oder es ist eine sehr gefährliche antidemokratische Einstellung, die zu einer solchen Wahl führt, aber ich sehe doch, dass die meisten politischen Parteien da auf Distanz gehen.

Der Regisseur Michael Verhoeven (dpa / picture alliance / Ursula Düren)Freut sich auf die Berlinale: der Regisseur Michael Verhoeven (dpa / picture alliance / Ursula Düren)

Karkowsky: Sie sind nun dieses Jahr wieder Teilnehmer der Berlinale, auch mit diesem alten Film aus dem Jahr 1970. Haben Sie denn das Programm der Berlinale die letzten Jahre immer verfolgt und eine Meinung dazu?

Verhoeven: Also ich habe es sporadisch verfolgt, ja, weil ich ja nicht in Berlin lebe, leider, denn ich finde Berlin ganz wunderbar, aber ich war da immer wieder, und ich freue mich, auch jetzt hinzugehen, aber nicht nur wegen "o.k." und dieser Rehabilitierung, die ja schon längst auch passiert ist, nur, dass der Film halt nicht lief.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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