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Studio 9 | Beitrag vom 25.09.2018

Internationale Essener Songtage 1968Ein Hauch von Revolution

Von Laf Überland

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Porträt von Frank Zappa an einem Tisch mit einer Klorolle, die er sich um den Hals gewickelt hat. (picture alliance / AP Images)
Auch Bürgerschreck Frank Zappa hatte sich für das Popfestival qualifiziert. (picture alliance / AP Images)

Elf Monate vor dem Woodstock-Festival lud die Stadt Essen vom 25. bis 29. September 1968 zu den Essener Songtagen ein – einem "Festival für Rock, Pop, Chanson, Folksong, Underground-Musik, Kabarett und Poesie". Die Mischung war legendär.

"Lieder können unangenehm wirken, aus Bequemlichkeit aufwecken!" so stand es im Festivalmagazin, und um das zu beweisen, hatte das Jugendamt Essen über 200 Protestsänger, Beatmusiker, Lyriker und "Untergrundkünstler" aus Europa und USA eingeladen.

Eine Ausstellung der Gegenkultur

Ein Hauptanliegen der Organisatoren war es, das politische und revolutionäre Potential, das sie der Popmusik zusprachen, einem breiten Massenpublikum näher zu bringen. Außerdem sollte das Fest eine Art Gegenkultur-Ausstellung werden. Die Musiker kriegten keine nennenswerten Gagen, dafür aber vorab einen Fragebogen zum Sinn ihrer Musik, mit dem sie sich für eine Einladung zum größten europäischen Politik und Popfestival qualifizieren konnten.

Ein unerhört weiter Bogen überspannte die Essener Songtage: von historischen Widerstandsliedern der 1848er Revolution mit Hein & Oss über die Blödelei von Insterburg & Co und britischen Blues von Alexis Korner bis zum Freak Out des damaligen Bürgerschrecks Frank Zappa zum freien Getöse von Peter Brötzmann.

Trotz der Überzahl von Liedermachern bot das Festival ein Sammelsurium von allem, was irgendwie schräg, ungewohnt und mit linkem Bewusstsein gesättigt war - fernab der autoritären gesellschaftlichen Konventionen: Das war Underground! Und die rebellisch aufgeladenen Besucher waren erstaunt, dass es so viele von ihnen gab – 40.000! Aber weder alle Musiker noch alle Besucher hatten verstanden, worum es eigentlich ging - was einen der eigentlich antiautoritären Politikos zu einer strengen Ermahnung provozierte:

"Wir sind doch hier ins Ruhrgebiet gekommen, damit wir an der Front sozusagen, auf der Straße, die Bewohner agitieren, das heißt politisch bewusster machen – nicht, dass wir hier für Konsumenten schöne Lieder bringen!"

Songtage wurden zum Urerlebnis

Doch! Die Essener Songtage wurden zum Urerlebnis! Absolut shocking waren Amon Düül, die allesamt auf LSD waren und als wilde Horde zusammen mit Mitgliedern der Berliner Kommune 1, mit Kindern, Freunden, Verwandten und zwei Hunden einen hypnotischen Lärm machten - ohne Konzept, ganz aus der Eingebung des Moments heraus und ohne Ende... Hier auch nachzuvollziehen anhand eines TV-Auftritts von 1970:

Weil die Zuschauer mitmachen sollten, wurden sie eigens mit indischen Flöten und Schlagwerk ausgestattet. Leider aber waren die jungen Menschen überwiegend konsumtiv, und so nahm dieses Festival bereits den Split der linken Jugendlichen für die Zukunft vorweg:

"Ich möchte darum bitten, dass das Publikum jetzt abstimmt, ob es weiter diskutieren oder die Musik hören will", ruft einer der Veranstalter. Und der zweite: "Bitte Genossen, kein Lustverzicht, tut nicht so, als ob ihr nicht esst und die andern Dinge auch tut, tut nicht so arrogant. Auf der andern Seite haben hier einige Künstler den Wunsch geäußert, doch auch singen zu dürfen."

Öffentlicher Geschlechtsverkehr

Während bei den Songtagen also die neue Jugend ein paar Tage lang irgendwie "klassenlose Gesellschaft" probte, ging das gemeine Volk außerhalb des Festivals auf die Akazien. Mütter sagten, sie würden ihre Töchter totschlagen, wenn die so rumlaufen würden. Taxifahrer weigerten sich, die langhaarigen wilden Künstler zu transportieren, und eine Zeitung behauptete, es sei öffentlich Geschlechtsverkehr getrieben worden, und andere hätten dabeigestanden und unter Ho-Chi-Minh-Rufen den Takt geklatscht.

Dieser Artikel erregte großes Aufsehen und wurde von weiten Teilen der bundesdeutschen Presse nachgedruckt. Floh de Cologne traten dann ohne Unterhosen auf und projizierten Pornofilme auf eine Leinwand, die sie mit symbolisch brauner Farbe überstrichen. Hi ha happening!

Die Hoffnungen, dass die Internationalen Essener Songtage '68 zu einer Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins und zu einer Revolution beitragen könnten, erfüllten sich jedoch nicht.

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