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Im Gespräch | Beitrag vom 13.02.2020

Interkulturelle Beraterin Mai-Phuong Kollath"Die DDR war mein Traumland"

Moderation: Ulrike Timm

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Porträt von Mai-Phuong Kollath. (Gorki Theater / Ina Schönenburg)
Mai-Phuong Kollath wurde Zeugin der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 – zuvor hatte sie selbst im Sonnenblumenhaus gelebt. (Gorki Theater / Ina Schönenburg)

Voller Hoffnung kam Mai-Phuong Kollath als Vertragsarbeiterin aus Vietnam in die DDR. Sie erlebte Rassismus und das Pogrom von Rostock. Heute klärt sie über die Kultur ihres Geburtslandes auf – und gibt der vietdeutschen Community eine Stimme.

Das Bild vom Kreis, der sich schließt, wird oft bemüht. Doch für das Leben von Mai-Phuong Kollath passt es einfach. 1981 kam sie als sogenannte Vertragsarbeiterin aus Vietnam in die DDR. Heute, fast 40 Jahre später, vermittelt sie als interkulturelle Beraterin zwischen Deutschen und Vietnamesen.

"Kein Mensch ist vorurteilsfrei"

Gerade ist Mai-Phuong Kollath häufig in Krankenhäusern unterwegs. Wegen des Fachkräftemangels wurden in den vergangen Jahren viele Pflegekräfte angeworben.

"Ganz viele Krankenpflegekräfte aus Vietnam leben jetzt in Berlin. Und Krankenhäuser brauchen für die Mitarbeiter, im Umgang mit vietnamesischen Mitarbeitern, ein kultursensibles Training. Also, was zeichnet die vietnamesische Kultur aus?"

Teil der Trainings seien die Themen Sprache – etwa, was es heißt, wenn der eigene Name ständig falsch ausgesprochen wird – und Unterschiede in der Kommunikation: "Das Wort ‚ja‘, das hat zum Beispiel mindestens vier Bedeutungen in Vietnam", erklärt Mai-Phuong Kollath. "‚Ja‘ heißt ‚nein‘. ‚Ja‘ heißt ‚ja‘. ‚Ja‘ heißt aber auch ‚ich bin noch unsicher‘, ‚ich weiß noch nicht, ob ich sofort eine Meinung dazu sagen kann‘. Wenn man das weiß, hilft das."

In den Trainings würden außerdem Klischees und Stereotypen besprochen: "Kein Mensch vorurteilsfrei."

"Wir haben so viel für Deutschland gemacht"

Von ihren Erfahrungen als Vietnamesin in der DDR, sowie im vereinten Deutschland, erzählt Mai-Phuong Kollath auch im Berliner Maxim Gorki Theater. In "Atlas des Kommunismus" berichten sie und andere nicht-professionelle Darstellerinnen und Darsteller über ihre Lebenswege. Sie habe lange gezögert, ob sie da überhaupt mitmachen möchte: "Ich bin keine studierte Schauspielerin." Sie habe wirklich Bedenken gehabt.

Gleichzeitig habe sie unbedingt die vietnamesische Community in die Öffentlichkeit rücken wollen, sagt Mai-Phuong Kollath: "Ich beschwere mich häufig: Warum sind wir so leise? Warum sind wir immer nur so dankbar, erheben nicht die Stimme? In der Öffentlichkeit sehen wir kaum jemanden, der sagt: Wir haben so viel für Deutschland gemacht. Wir haben auch das Recht und die Lust weiterhin hier zu leben, die Gesellschaft mitzugestalten."

1981 von Hanoi nach Rostock

1963 in Hanoi geboren, erlebte Mai-Phuong Kollath als Kind den Vietnamkrieg. Als Funktionärin in der kommunistischen Partei habe ihre Mutter sie in die DDR schicken dürfen, erzählt die interkulturelle Beraterin. Sie sagt, sie sei sehr stolz gewesen, im Auftrag der Regierung die Reise anzutreten.

"Die DDR war mein Traumland. Als zehnjähriges Kind stand ich damals sehr oft vor der Botschaft der DDR. In einem Schaukasten habe ich immer die bunten Fotos angeschaut. Da sah ich wirklich blühende Landschaften."

Mai-Phuong Kollath war knapp 17 Jahre alt, als sie nach Rostock kam. Sie landete in der Küche, wurde als Köchin ausgebildet. Angedacht war, dass sie vier Jahre in der DDR bleiben würde.

"Ich habe meine Eltern angelogen. In Vietnam, zu dieser Zeit, konnte keiner etwas mit dem Begriff ‚Köchin‘ anfangen", so Mai-Phuong Kollath. Sie habe also einen Beruf erlernen müssen, von dem sie wusste: "Mit diesem Abschluss kann ich in Vietnam überhaupt nichts anfangen."

Nach vier Jahren wollte ihr Ausbildungsbetrieb sie behalten, Mai-Phuong Kollath wurde als Dolmetscherin gebraucht, für die neuen "Vertragsarbeiter". Sie ging eine Beziehung mit einem DDR-Bürger ein, bekam ein Kind von ihm. Eine Vertragsstrafe von über 8.000 Ostmark musste sie dafür zahlen.

Neonazis vor ihrem Imbiss

Nach der Wende fühlte sich Mai-Phuong Kollath als unerwünschte Person. "Auf einmal wurden wir ein bisschen zu ‚Freiwild‘, kein Mensch fühlte sich mehr für uns zuständig."

Mai-Phuong Kollath machte sich selbständig, eröffnete einen Imbiss. "Dann kamen die Gäste und beschimpften mich, als einzige sehr sichtbare Ausländerin, ‚Deutschland den Deutschen, Ausländer raus‘." Neonazis lungerten vor ihrem Imbiss herum, zeigten den Hitlergruß. Wenig später, im August 1992, musste sie die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen mit ansehen.

Mit anderen gründete sie auf Grund dieser Ereignisse den Verein "Diên Hông – Gemeinsam unter einem Dach", um sich für ein friedliches Zusammenleben und Unterstützung für die ehemaligen "Vertragsarbeiter" einzusetzen.

Seit 2010 lebt Mai-Phuong Kollath in Berlin, hat dort ihre interkulturelle Beratung aufgebaut. Doch trotz aller schlechten Erfahrungen in Rostock, die Stadt sei noch immer ihre "Wahlheimat", so die 56-Jährige.

"Meine allerersten Schritte habe ich in Rostock gemacht. Ich liebe diese Stadt weiterhin."

(ful)

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