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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.05.2016

IntensivmedizinNeue Räume für Schwerstkranke

Von Dörte Fiedler

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Blick auf ein leeres Krankenbett in einem Krankenhaus.  (dpa / Sebastian Kahnert)
Ein leeres Krankenbett auf einer Intensivstation (dpa / Sebastian Kahnert)

Ohne Tageslicht und umgeben von ratternden und piepsenden Geräten liegen Patienten auf einer Intensivstation. Viele verlieren in dieser Umgebung die Orientierung und entwickeln Ängste. Ein Berliner Projekt probiert neue Raumkonzepte aus.

"Wir sind hier eine anästhesiologische Intensivstation, haben zum größten Teil beatmete Patienten, schwerkranke Patienten in Lungenversagen, in Mehrorganversagen..."

Das ist Dr. Alawi Lütz, er ist Anästhesist am Virchow Klinikum Berlin mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin.

"…die eben hier in sieben Zwei-Bettzimmern versorgt werden. Zwei dieser Zimmer haben wir patientengerecht umgestaltet im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes. Sie können da ja mal reinschauen."

Im Gegensatz zu den Standardzimmern, die trubelig und chaotisch sind mit all den Kabeln und Schläuchen, jeder Menge ratternder und piepsender Geräte und Monitore, wirken die umgestalteten Räume einfach geordneter. Der Boden ist in einem warmen auberginefarbigen Ton gehalten und die medizinischen Geräte stehen eher im Hintergrund und von der Decke kommt großflächig ein helles aber indirektes Licht.

"Müssen sich vorstellen, sie sind in einer unbekannten Umgebung und sind auch noch schwerkrank. Das spüren sie auch, das an und für sich macht ihnen Angst. Und wenn Sie dann eben nicht wissen, ob Tag oder Nacht ist, diese ganzen medizinischen Geräte, Sie nachts nicht schlafen können, können Sie sich vorstellen, dass das nicht nur Angst macht, sondern dass sie auch viel schlechter in der Lage sind an ihrem Heilungsprozess mitzuarbeiten."

Technik hinter Holzfassade verborgen

Die Patientengerechte Umgestaltung der Räume, die hier in einem Pilotprojekt 2013 vorgenommen wurde, sollte in erster Linie genau dort ansetzen. Ein Raumkonzept, dass der angsteinflößenden Umgebung entgegenwirkt und gleichzeitig die Regeneration der Patienten unterstützt. Dazu haben die Mediziner Hand in Hand mit Schlafforschern, Psychologen, Mediengestaltern und Architekten das Konzept eines Intensivzimmers neu durchdacht und gestaltet.

"Wir haben versucht, die allgemeine Raumatmosphäre für den Patienten angenehmer zu gestalten. Das heißt, wenn der Patient aufwacht oder wach ist, das er nicht so konfrontiert ist mit der ganzen Apparatemedizin, sondern das die eben in diesen Räumen in den Hintergrund rücken kann. Dadurch, dass wir eine Art Technikebene haben, die mit einer Holzfassade verkleidet ist, haben wir die Möglichkeit viele der medizinische Geräte dahinter zu verbergen."

Der Hauptfokus einer Intensivstation liegt logischerweise auf der optimalen medizinischen Versorgung der Patienten. Deshalb sind die Umgestaltungen der Räume alles andere als rein ästhetische Wohlfühlmaßnahmen. In der medizinischen Studie  wird untersucht, inwiefern Umgebungsfaktoren den Heilungsverlauf beeinflussen und verändern können.

"Sehr viele Behandlungszimmer auf IS haben kaum Tageslicht, was für die Patienten ein Problem macht, weil sie sehr schnell das Gefühl für Tag und Nacht verlieren. Es entsteht eine zeitliche Desorientierung. Wenn man nicht weiß, wo man ist, wenn man nicht weiß, ob Tag oder Nacht ist. Dann fängt man an komische Dinge zu denken, komische Dinge zu sehen. Deshalb haben wir versucht in Bezug auf die Lichtbedingungen darauf zu reagieren."

Lichtdecke imitiert den Himmel – je nach Wetterlage

Auf einem großen Screen, der das gesamte Blickfeld des Patienten einnimmt, wird deshalb nicht nur eine Tageslichtbeleuchtung hergestellt, sondern die sogenannte Lichtdecke imitiert den Himmel und soll so dem Patienten die Orientierung in der Tageszeit erleichtern.

"Wir haben unterschiedliche Schichten auf dieser Lichtdecke, die Hauptschicht ist der Himmel und der Himmel ist eben gekoppelt an die Echtzeitwetterdaten."

Die Häufigkeit mit der Patienten in Intensivräumen sogenannte Delirien entwickeln, also Organdysfunktionen des Gehirns, die mit akuten Aufmerksamkeits-, Bewusstseins- und Denkstörungen einhergehen, hat die Mediziner alarmiert. Die Studie hat vergleichend mit Standardintensivzimmern Daten dazu erhoben und die veränderten Umgebungsfaktoren und ihre Auswirkungen zusammengetragen.

"Die Messergebnisse aus den Standardzimmern zeigen, dass das Licht, was am Patientenauge ankommt nicht in der Lage ist oder nicht ausreichend ist um den Tag- Nachtrhythmus zu steuern."

Das Licht, das auf unser Auge fällt, regelt unseren Melatoninspiegel. Das Hormon bewirkt, das wir müde werden und schlafen können, gibt es zu viel davon fühlen wir uns allerdings ständig müde und zerschlagen. Tageslicht unterdrückt die Melatoninproduktion und ist entscheidend dafür uns wach und leistungsfähig zu fühlen.

"Und das funktioniert bei IS-Patienten nicht. Sie haben meistens tagsüber viel zu hohe Melatoninspiegel."

Teilweise so laut wie auf einem Flughafen

Da therapeutische Tageslichtleuchten, die bereits in Intensivstationen eingesetzt werden, allerdings auf einer zu kleinen Fläche eine zu hohe Strahlkraft haben, werden die Patienten davon eher geblendet, was wiederum kontraproduktiv ist, um Delirien vorzubeugen. Mit dem Licht und Himmelscreen ist hierfür in den Intensivzimmern eine Lösung gefunden worden.

"Das ist eines der wesentlichen Ergebnisse."

Ein anderer großer Stressfaktor der das Schlafen, also die Erholung und Regeneration der Patienten beeinflusst, ist der Lärm. Bis zu 80 Dezibel wurden in Intensivräumen gemessen, unabhängig ob tags oder nachts. Das ist in etwa die Lautstärke eines Flughafens. Durch ein kleines Observationszimmer, das vor dem eigentlichen Behandlungszimmer liegt und durch eine Glasscheibe Einblick ins Zimmer bietet, konnte ein Teil des Lärms und der Unruhe verlagert werden.

"Das haben wir in den neuen Zimmer gemessen, und haben eben gesehen, dass die durchschnittliche Lärmbelastung in den Zimmern bis zu 10 Dezibel niedriger ist. Das hört sich jetzt erst mal nicht so viel an, aber das ist ein sehr gewaltiger Unterschied. Wenn man von Dezibel spricht bedeuten sechs Dezibel weniger eine Halbierung des Lautheitsgrades, und das ist natürlich ein sehr, sehr gutes Ergebnis."

Momentan liegen noch keine endgültigen Auswertungen der Patientendaten vor. Einen Unterschied haben viele Patienten jedoch deutlich wahrgenommen und tatsächlich lässt sich beobachten, dass in den neuen Zimmern weniger Schmerzmedikamente zum Einsatz kommen müssen. Und auch wenn natürlich weitere Studien folgen müssen, um genauer zu untersuchen, welche Aspekte im Detail wofür verantwortlich sind, das Gesamtkonzept scheint den Patienten zu helfen.

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(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 21.08.2007)

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