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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.03.2018

Intendant Lilienthal verlässt Münchner KammerspieleDas Experiment ist zu Ende

Von Susanne Burkhardt

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Matthias Lilienthal (picture alliance/dpa/Foto: Tobias Hase)
Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, aufgenommen 2013 in München. (picture alliance/dpa/Foto: Tobias Hase)

Matthias Lilienthal war an die Münchner Kammerspiele geholt worden, um mit seinem Mix aus Ensemble-Theater und freier Szene das Haus zu erneuern. Er wird seinen Vertrag nicht verlängern. Damit sei das Experiment vorbei, bevor es sich entwickeln konnte, meint Susanne Burkhardt.

Der Zeitpunkt ist überraschend. Gerade noch durfte sich das Team um Matthias Lilienthal über zwei Einladungen zum Theatertreffen in Berlin freuen. Dort wird Ensemble-Mitglied Wiebke Puls nicht nur spielen – sondern den 3sat-Preis für ihre darstellerische Leistung in "Trommeln in der Nacht" erhalten. Dazu Gastspiele bei den Wiener Festwochen. Und jetzt das: Das Ende eines Versuchs nach gerade einmal fünf Jahren. Ein Versuch, der mit großen Worten und Hoffnungen begann: Die Kammerspiele unter neuem Kurs: nach Johann Simons sollte jemand kommen, der das Haus öffnet für ein junges Publikum, einer der das Stadttheater erneuert und so richtig aufmischt.

Da schien Matthias Lilienthal – jahrelang erfolgreicher Leiter des Berliner Hebbel am Ufer – mit seinem Mix aus Ensemble-Theater, freier Szene, aus Performance und Schauspiel gerade der Richtige zu sein. Aber der lässige und schnodderig wirkende Lilienthal und die Stadt München – das waren von Anfang starke Gegenpole. Erfolgsrezepte, Formate und Gruppen, die im Hebbel am Ufer prima funktionieren, ließen sich offenbar nicht einfach nach München übertragen, auf ein großes Haus mit festem Ensemble und Repertoire.

Verlor vermutlich zu lange das ältere Publikum aus dem Blick

Lilienthal punktete damit vor allem bei den Jungen – die bald bis zu 30 Prozent des Publikums ausmachten. Doch verlor er vermutlich zu lange das ältere Publikum aus dem Blick und dessen Bedürfnis nach klassischen Produktionen. Auch wenn er hier nachlegte und einige klassische Schauspielproduktionen im Haus gut funktionieren: Die Auslastung sank – zuletzt auf 63 Prozent – zehn Prozent niedriger als im Vorjahr.

Da hatte sich die Süddeutsche Zeitung längst auf die Kammerspiele eingeschossen. Gleichzeitig aber schien es gerade jetzt – als habe sich das Team um Matthias Lilienthal endlich gefunden und nach den Krisen und Debatten um die Kündigungen von Ensemblemitgliedern wie Katja Bürkle, Anna Drexler und Brigitte Hobmeier, die das Haus verließen – weil sie ihre Schauspielkunst- und leidenschaft nicht ausreichend benötigt oder gewürdigt fanden – nach dem angekündigten Abschied von Hausregisseur Nicolas Stemann, der 2019 nach Zürich wechselt – nach all dem also – sagte Schauspielerin Wiebke Puls noch vor einigen Wochen, man sei auf einem guten Weg.

Sah sich wohl nicht genügend bestärkt in seinem Weg

Jetzt wäre – wie üblich – nach der dritten Spielzeit – Zeit über eine Vertragsverlängerung nachzudenken. Dass Matthias Lilienthal nicht in die Verlängerung gehen will, zeigt, dass er sich offenbar nicht mehr genügend bestärkt sieht in seinem Weg. Von Seiten der Politik – aber möglicherweise auch von Seiten des Münchner Publikums. Der Kulturreferent der Stadt München, Hans-Georg Küppers, bedauert Lilienthals Entscheidung: Dieser habe die Kammerspiele wieder stark ins Gespräch gebracht, Debatten um das Stadttheater der Zukunft angestoßen und gezeigt, wie Schauspielkunst und neue theatrale Formen zusammengeführt werden können. Aus seiner Sicht wäre eine Vertragsverlängerung sinnvoll gewesen, um "zu zeigen, dass es mehr als fünf Jahre bedarf, um die ganze Bandbreite einer wirkungsvollen Intendanz unter Beweis zu stellen."

Diese Chance wird es jetzt nicht mehr geben. Das Experiment ist zu Ende, bevor es sich entwickeln konnte. Jetzt bleiben Matthias Lilienthal nur noch zwei weitere Spielzeiten, in denen er mit seinem engagierten Team den Münchnern zeigen kann, was sie verpassen, wenn er 2020 das Haus verlässt.

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