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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.03.2016

Intelligente Stromzähler im HaushaltNorderstedt rüstet um - trotz der Bedenken von Datenschützern

Von Dietrich Mohaupt

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Ein sogenannter Smart Meter - ein Kleincomputer, der Informationen über Strom-, Wasser- und Gasverbrauch sammelt. (picture alliance / dpa - Roland Weihrauch)
Ein sogenannter Smart Meter - ein Kleincomputer, der Informationen über Strom-, Wasser- und Gasverbrauch sammelt. (picture alliance / dpa - Roland Weihrauch)

Für die einen sind sie "Spione aus der Dose", für die anderen wichtiger Baustein für den Erfolg der Energiewende: digitale Stromzähler, auch "Smart Meter" genannt. In Deutschland geht der Einbau der Geräte schleppend voran. Nur in Norderstedt bei Hamburg wird kräftig umgerüstet.

In einem gläsernen Schaltschrank im Foyer der Stadtwerke Norderstedt, etwa mannshoch und vielleicht einen halben Meter breit, hat die Zukunft bereits begonnen. Marc-Oliver Gries, Leiter Vertrieb Netze des Unternehmens, öffnet eine der Schranktüren.

"Das ist eigentlich unser Teststand, den wir auch den Kunden zeigen, wenn die Fragen da sind: Was muss an der Anlage verändert werden oder was müsse für Installationsarbeiten dort vorgenommen werden? Und hier sehen Sie den sogenannten HÜP – Hausübergabepunkt – und auf der linken Seite hier sehen Sie den Zähler mit dem integrierten Kommunikationsmodul. Hier könnte der Kunde an dem elektronischen Display direkt Daten ablesen – aber wesentlich komfortabler ist das natürlich über ein Webportal … und das werden wir uns gleich mal ankucken."

Digitaler Zähler, Kommunikationsmodul, Webportal – in Norderstedt setzen die Verantwortlichen nicht einfach nur auf simple Geräte zur Erfassung des Zählerstands, sondern auf sogenannte "intelligente Messsysteme". Die Daten zum Stromverbrauch werden damit detailliert erfasst und per Highspeed-Glasfaserkabel direkt an den Energieversorger übertragen. Die Kunden können sie jederzeit auf der Internetseite der Stadtwerke über das sogenannte Smart Meter Cockpit aufrufen. Mit wenigen Mausklicks logt sich Marc-Oliver Gries in das System ein – der Bildschirm zeigt verschiedene Grafiken, Tages- und Monatsverbrauch, detailliert und in Echtzeit.

"Der Kunde kann anhand dieser Daten, die er hier sieht, sein Verbrauchsverhalten optimieren – auch Energiefresser aufspüren. Ein schönes Beispiel hatten wir gerade letzte Woche gehabt – da hat der Kunde über hohen Stromverbrauch geklagt mit der Jahresabrechnung, und wir haben gemeinsam mit dem Kunden mal rein gekuckt und ihm gezeigt: Aha, hier hast du einen Verbraucher, der auch nachts aktiv ist – also er hatte 800 Watt Verbrauch tagtäglich auch nachts – und wir konnten feststellen, dass da eine Pumpe nicht in Ordnung war."

Smart Meter: bis 2023 bundesweit in allen Haushalten

Die Bundesregierung hat sich gegenüber der EU verpflichtet, solche "echten" Smart Meter von 2017 an stufenweise bis 2023 in allen Haushalten einzuführen. Ihre Pläne sehen eine Umrüstung zunächst bei Nutzern mit einem Jahresverbrauch von mehr als 6000 KWh vor, das wären etwa fünf Prozent aller Haushalte. Wer weniger verbraucht, für den tut es vorerst auch ein einfacher digitaler Zähler, der nicht mit der Außenwelt kommunizieren kann. Damit könne man als Verbraucher aber das über den Tagesverlauf  schwankende Stromangebot nicht wirklich effizient nutzen, betont Theo Weirich, Werkleiter der Stadtwerke Norderstedt. Mit solchen "dummen" Smart Metern sei der entscheidende nächste Schritt der Energiewende hin zu intelligenten Netzen, den sogen. Smart Grids, nicht möglich.

"Wenn ich eine intelligente Energiewende haben will, muss ich Flexibilität in die Haushalte auch rein bringen. Das heißt: Jeder Haushalt müsste in der Lage sein, seinen Stromverbrauch unmittelbar über ein entsprechendes System nachzuvollziehen. Und damit haben wir begonnen vor etwa vier Jahren und wir haben zurzeit etwa 50 bis 60 Prozent aller Haushalte umgestellt und werden in den nächsten 18 Monaten möglichst alle Haushalte umstellen."  

Der Ausbau geht u.a. so schnell voran, weil die Stadtwerke schon vor Jahren für die schnelle Internetanbindung Highspeed-Glasfaserkabel in alle Haushalte verlegt haben. Sie verfügen damit über ein eigenes Netz und damit über die entscheidende technische Infrastruktur für "echte", mit dem Netzbetreiber kommunizierende Smart Meter. Auch unter Aspekten der Datensicherheit ein echter Vorteil.

Bundesweit geht es mit der Umrüstung dagegen eher schleppend voran. Und sie wird teuer: Die Gesamtinvestitionen für Einbau und Betrieb der Geräte wird bis 2020 die Kostenvorteile – durch Energiesparen – um rund 620 Millionen Euro übersteigen, hat der Bundesverband der Energiedienstleister ausgerechnet. Deshalb halten auch Verbraucherschützer den Umstieg auf Smart Meter für nicht sonderlich sinnvoll. Jeder Stromkunde könne sein individuelles Verbrauchsverhalten wesentlich einfacher und billiger kontrollieren und anpassen, meint Florian Schmölz von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein.

"Was wichtig wäre ist, dass man regelmäßig seinen Zählerstand notiert – meinetwegen auf Papier, oder wir haben auch so ein schönes Webportal Stromabwärts.de – dort kann man seinen Zählerstand eintragen, sieht seine Verbrauchswerte wenn man jetzt was ändert im Haushalt, also – dazu braucht man nicht ein Smart Meter."  

Datenschützer sehen in Umrüstungspflicht massiven Eingriff

Besonders der geplante Zwang zum Einbau der Geräte stört auch viele Datenschützer. Freiwillig ja – aber eine Umrüstpflicht sei ein massiver Eingriff in das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung, betont Patrick Breyer, Landtagsabgeordneter und Datenschutzexperte der Piratenpartei in Schleswig-Holstein. Vielen Bürgern sei gar nicht bewusst, wie leicht sich über Daten zum Energieverbrauch z.B. die Anzahl der Personen in einer Wohnung zu einem bestimmten Zeitpunkt ermitteln lasse, oder wann was für Geräte eingeschaltet waren.

"Da kann es sein, dass sich Bewohner gegenseitig überwachen mit den Daten – in den Niederlanden wurden schon in Scheidungsprozessen solche Daten angefordert –, es kann dazu kommen, das der Staat die Bürger überwacht – wenn die Polizei sie anfordert -, dass Werbung versandt wird z.B. an Kunden, die eine Mikrowelle haben, sowas ist schon vorgekommen –, und es kann sein, dass Straftäter die Daten missbrauchen um z.B. festzustellen, wo lohnt sich ein Einbruch und wann lohnt sich ein Einbruch."  

In Norderstedt scheint es den Stadtwerken gelungen zu sein, trotz dieser immer wieder geäußerten Bedenken, ihren Kunden ein überzeugendes Konzept in Sachen Smart Meter zu präsentieren. Ein wichtiger Teil dieses Konzepts sei eine sehr offene Kommunikation mit den Kunden, betont Werkleiter Theo Weirich.

"Wir haben sogar mit den Kunden zusammen Beiräte gegründet, die uns beraten. Da kommen alle erdenklichen Fragen, Probleme, aber – was viel wichtiger ist – auch Ideen hoch. Also – da kommen wirklich zunächst mal vielleicht abstruse Ideen, die aber sehr viel von den Wünschen mit rüberbringen, die können Sie sich in Ihrem stillen Kämmerlein allein gar nicht ausdenken – sie brauchen die Leute, die experimentieren wollen."  

Und von denen gibt es offenbar in Norderstedt eine ganze Menge – genug jedenfalls, um trotz anfänglicher technischer Probleme inzwischen zum bundesweiten Vorreiter bei der Umrüstung auf Smart Meter werden zu können.

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