Seit 16:30 Uhr Kulturnachrichten
Mittwoch, 16.06.2021
 
Seit 16:30 Uhr Kulturnachrichten

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.08.2011

Intellektuelles Schweifen

Paul Valéry: "Ich grase meine Gehirnwiese ab", Eichborn Verlag, Frankfurt/Main, 348 Seiten

Jeden Morgen setzte sich Valéry zu nachtschlafender Zeit an den Schreibtisch, unterstützt von schwarzem Kaffee und schwarzer Zigarette. (Stock.XCHNG / Davide Guglielmo)
Jeden Morgen setzte sich Valéry zu nachtschlafender Zeit an den Schreibtisch, unterstützt von schwarzem Kaffee und schwarzer Zigarette. (Stock.XCHNG / Davide Guglielmo)

Der französische Schriftsteller Paul Valéry begann 1894 in Paris mit den sogenannten "Cahiers" (Heften), an denen er täglich bis an sein Lebensende 1945 schrieb. In seinen Notizen beschäftigt er sich vor allem mit der Frage: "Was kann ein Mensch?" Sie sind sein eigentliches Hauptwerk, das aber erst posthum bekannt wurde. Nun ist eine Auswahl auf Deutsch erschienen.

Der französische Schriftsteller Paul Valéry wurde 1871 in der kleinen Hafenstadt Sète geboren, studierte im nahen Montpellier Jura und ging 1894 nach Paris. Dort begann er mit den sogenannten "Cahiers" (Heften), an denen er tagtäglich bis an sein Lebensende 1945 schrieb.

In Sète gibt es ein modernes Museum mit dem Namen "Musée Paul Valéry". Das ist ein bisschen irreführend, denn dem Dichter und Denker Valéry ist nur ein Saal gewidmet (alles andere ist Kunstausstellungen vorbehalten), darin zwei, drei Briefe an eine späte Geliebte, recht gute Bronzebüsten von seiner Hand und viele mittelmäßige Aquarelle. Valéry hat immer gern gezeichnet, schon in den Heftchen, die der halbwüchsige Schüler mit vom Tod faszinierten Versen füllte. Das Beste im Valéry-Saal ist das Manuskript des Langgedichts "Cimetière marin", das Rilke unter dem Titel "Der Friedhof am Meer" ins Deutsche übersetzte; auf diesem Friedhof gleich vor dem Museum liegt Valéry begraben, von hier geht der Blick über "das Meer, das Meer, ein immer neues Schenken".

Auch die erst nach seinem Tod bekannt gewordenen "Cahiers" sind regelmäßig von Skizzen unterbrochen. Wichtiger: auch die "Cahiers" bieten uns "ein immer neues Schenken", ein Spektrum und eine Radikalität intellektuellen Schweifens ohnegleichen; sie sind keine Tagebücher im hergebrachten Sinne. Seit seinem Umzug nach Paris 1894 setzte sich Valéry jeden Morgen zu nachtschlafender Zeit an den Schreibtisch, unterstützt von schwarzem Kaffee und schwarzer Zigarette, und notierte seine Gedanken – zu einer Tageszeit, in der "die Dinge dieser Welt, die Ereignisse, meine Geschäfte, sich noch nicht in – – mich einmischen."

Das Ergebnis sind unbeeinflusste und unzensierte Gedanken über den Menschen allgemein, über das Ich und das Selbst, über die Sprache, über das Denken und das Wahrnehmen, über die Skepsis und schließlich – ein Thema, das Valéry am meisten beschäftigte – über die Frage "Was kann ein Mensch?", eine Frage, die schon sein Alter Ego Monsieur Teste stellte, der von sich sagte: "Dummheit ist nicht meine Stärke." Alles muss ausgemessen werden, wenn wir uns nur mit einbeziehen, kein Wunder, dass er eines Morgens notiert: "Täglich neue Fragen."

Jene Fragen, die sich mit Politik, Literatur und so weiter, also eher konkreten Dingen beschäftigen, lässt der Herausgeber und "Philosophische Praktiker" Thomas Stölzel freilich aus, er möchte Valéry als Ahnen seiner eigenen (Stölzels) therapeutischen Philosophie beanspruchen. Das bleibt seine Entscheidung (und natürlich die Christian Dörings, der die Andere Bibliothek seit Kurzem führt), eine Auswahl (und sei es eine ideologische) musste getroffen werden, wir haben hier ja nur einen winzigen Bruchteil der 27.000 Originalseiten vor uns liegen. Diese Auswahl zeigt uns den Sprachkritiker, den Skeptiker und Rationalisten Valéry, den Denker über das Denken, Stölzels schwärmerisches, etwas geziertes Vorwort ist ungemein fachkundig und umfassend.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Paul Valéry: Ich grase meine Gehirnwiese ab
Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers
Ausgewählt und mit einem Essay von Thomas Stölzel
Aus dem Französischen von einer Übersetzergruppe
Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2011 (Die Andere Bibliothek, Band 317)
348 Seiten, 32 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Die Literaturkritik in der KritikWer bespricht wen?
Eine schwarze Brille liegt auf einem Stapel aufgeschlagener Bücher. (Unsplash / Tamara Gak)

Literaturkritik gibt es im Feuilleton und im Netz. Grün sind sich ihre Exponenten nicht immer. „Elektronisches Stammtischgeschnatter“ nannte Sigrid Löffler die Konkurrenz, die sich als moderner und aufgeschlossener begreift. Eine Debatte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur