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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2006

Intellektuelles Gipfeltreffen

Jürgen Habermas und Joseph Ratzinger: "Über Vernunft und Religion"

Rezensiert von Thomas Kroll

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Der "religiös unmusikalische" Philosoph Jürgen Habermas diskutierte mit Joseph Ratzinger, damals noch Präfekt der katholischen Glaubenskongregation. (AFP)
Der "religiös unmusikalische" Philosoph Jürgen Habermas diskutierte mit Joseph Ratzinger, damals noch Präfekt der katholischen Glaubenskongregation. (AFP)

Es war eine kleine Sensation, als sich Joseph Ratzinger und Jürgen Habermas vor über zwei Jahren erstmals persönlich trafen. Der konservative Kardinal und der liberale Philosoph hielten Vorträge über "Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates" aus unterschiedlichen Perspektiven. Nun sind die beiden Reden in einem kleinen Band erschienen.

Januar 2004 begegnen sich der liberale Philosoph und der konservative Kardinal erstmals persönlich. Ein Gipfeltreffen der besonderen Art. Leitfrage des Dialogs: "Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates?" Zwei Reden, zwei unterschiedliche Perspektiven dokumentiert in einem kleinen Band.

Das vorliegende Bändchen hält die Vorträge der intellektuellen Antipoden fest. Die dichten, nicht allzu langen Texte gewähren Einblicke in Grundannahmen und Denkweise der beiden. Der eine argumentiert als nachmetaphysischer Denker, der andere aus Sicht des christlichen Glaubens.

Zur Erinnerung: In seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels hatte sich Jürgen Habermas im Oktober 2001 als "religiös unmusikalisch" bezeichnet. Dennoch liest man am Ende seines Vortrags in der Katholischen Akademie Bayerns:

"Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen."

Wie kommt Habermas, erklärter Verfechter des politischen Liberalismus (in der speziellen Form eines Kantischen Republikanismus) zu einem solchen Schluss? Ausgangspunkt seines Denkweges ist die vorgegebene Fragestellung, ob der freiheitliche, säkularisierte Staat von normativen Voraussetzungen zehre, die er selbst nicht garantieren könne. Angesichts einer "entgleisenden" Säkularisierung - hier mag man beispielsweise auf einen wissenschaftsgläubigen Naturalismus verweisen, der sich im Gebiet der Hirnforschung, bei der Auseinandersetzung um die Embryonenforschung und beim Umgang mit Komapatienten zunehmend ausbreitet, aber auch auf das Wiedererwachen irrationaler und fundamentalistisch orientierter religiöser Kräfte -, angesichts dieser Phänomene und Prozesse, die den Zusammenhalt der Gesellschaft bedrohen, plädiert Habermas für eine Integration der Ressource Religion. Darin sieht er weniger "das andere" der Vernunft, vielmehr einen Teil der Geschichte der Vernunft.

Religionen, so Habermas in anderen Publikationen, können Beiträge zum Bestehen der Gesellschaft leisten, die diese im Zuge einer "entgleisenden" Säkularisierung nicht zur Kenntnis nehmen wolle. Folglich ist in seinen Augen die fortschreitende, nicht umkehrbare kulturelle und gesellschaftliche Säkularisierung als doppelter Lernprozess zu gestalten, "der die Traditionen der Aufklärung ebenso wie die religiösen Lehren zur Reflexion auf ihre jeweiligen Grenzen nötigt." Infolgedessen kann und muss ein liberaler Staat seinen gläubigen und ungläubigen Bürgern im Umgang miteinander das zumuten, was Habermas und Ratzinger, so mag man deren Treffen deuten, exemplarisch vorführen.

Ratzinger stellt seinem Vortrag den Zusatztitel voran: "Was die Welt zusammenhält." Sein Text ist im Gegensatz zu Habermas’ Ausführungen mitunter leichter lesbar, weil inmitten abstrakter Gedankengänge immer wieder konkrete Beispiele zu finden sind. Auch dem Kurienkardinal geht es schlussendlich um eine wechselseitig kritische Herausforderung von Vernunft und Religion. Dabei räumt er auf der einen Seite ein,

"dass es Pathologien in der Religion gibt, die höchst gefährlich sind und die es nötig machen, das göttliche Licht der Vernunft sozusagen als ein Kontrollorgan anzusehen, von dem her sich Religion immer wieder neu reinigen und ordnen lassen muss"."

Auf der anderen Seite übersieht Ratzinger keineswegs mögliche Pathologien der Vernunft, mit der eine seltener bewusste, gefährliche Hybris einhergeht. Diese ist in seinen Augen "von ihrer potentiellen Effizienz her noch bedrohlicher". Exemplarisch verweist Ratzinger auf Entwicklung und Folgen der Atombombe.

Nicht erst angesichts dieser Schrecken gilt für den Theologen: Vernunft und Glauben, Vernunft und Religion sind "zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen"; sie brauchen sich gegenseitig und müssen das gegenseitig anerkennen. Wer hierbei nur und in erster Linie das Verhältnis von christlichem Glauben und westlicher säkularer Rationalität assoziiert, denkt Ratzinger zufolge zu eng. Der verweist - darin gut katholisch - auf die Notwendigkeit, über den Tellerrand der westlichen Kultur hinauszublicken, damit

""ein universaler Prozess der Einigungen wachsen kann, in dem letztlich die von allen Menschen irgendwie gekannten oder geahnten wesentlichen Werte und Normen neue Leuchtkraft gewinnen können, so dass wieder zu wirksamer Kraft in der Menschheit kommen kann, was die Welt zusammenhält"."

Konkret wird dies etwa beim Verständnis der Menschenrechte, bei deren Auswirkungen und Erfordernissen in der Praxis. Ratzinger bringt in Erinnerung:

""Der Islam hat einen eigenen, vom westlichen abweichenden Katalog der Menschenrechte definiert. China ist zwar heute von einer im Westen entstandenen Kulturform, dem Marxismus, bestimmt, stellt aber, soweit ich informiert bin, doch die Frage, ob es sich bei den Menschenrechten nicht um eine typisch westliche Erfindung handele, die hinterfragt werden müsse."

Am Ende der gewinnbringenden Lektüre drängt sich Eindruck auf, dass die beiden älteren Herren, der eine Jahrgang 1929, der andere 1927, wenn schon nicht in ihren Ausgangspunkten, so doch in ihren Ergebnissen recht nah beieinander sind. Wen wundert da, dass Ratzinger im folgenden Diskurs unter anderem geäußert haben soll: "Im operativen Bereich sind wir uns einig." Leider wird dieser Teil des "historischen" Abends im vorliegenden, lesenswerten Bändchen nicht dokumentiert.


Jürgen Habermas / Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion
Herder Verlag
Freiburg i.Br. 2005
64 Seiten
9,90 EUR

Aus dem Programm von Deutschlandradio Kultur: Joseph Ratzingers und Paolo Flores d'Arcais' Disput über die Existenz Gottes

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